STEVIA – Die Zuckeralternative
Dienstag, 24. März 2009 9:20
Mit fast allen Patienten spreche ich über Ihre Ernährung. Es gibt für mich kein Symptombild und Krankheit, die nicht auch weitläufig durch eine bessere oder “vernünftigere” Ernährung beeinflusst werden könnte.
Getreu meinem Naturheilkunde-Vorbild Sebastian Kneipp gebrauche ich dabei zum Teil auch deftige Worte… Einem Landwirt musste ich vor ein paar Jahren auch schon mal die Meinung sagen: “Die Fresserei hört jetzt auf!” – waren meine deutlichen Worte, an die ich mich heute noch erinneren kann.
Mit Drohungen und Verboten ist es aber nicht getan. Man muss den Patienten schon Alternativen anbieten.
Häufige Verbote und Gebote bzgl. der Ernährung beziehen sich bei mir auf: Zucker, Schweinefleisch, Eier, Milch.
Das “Zuckerproblem” hatte ich ja schon in mehreren Beiträgen aufgefasst. Unter anderem in den Beiträgen Zuckersucht und zum Fruchtzucker.
Im Artikel “Zucker Alternative” habe ich bereits einige Alternativen vorgestellt. Eine fehlte jedoch: STEVIA.
Stevia ist ein in den Hochebenen von Paraguay und Brasilien beheimatetes Süßkraut, das den Blutzuckerspiegel senkt, die Bildung von Zahnplaque verhindert und im Gegensatz zu Zucker völlig kalorienfrei ist, aber in seiner extrahierten Form 300 mal so süß ist.
Ihren süßen, leicht lakritzeartigen Geschmack verdankt Stevia den Glykosiden bzw. Steviosiden in seinen Blättern, die per se zehn- bis dreißigmal so süß wie Zucker sind, je nach Anbauregion und Klima.
Stevia wird weltweit, auch in Europa, angebaut und ist seit langem als gesunder Zuckerersatzstoff bekannt.
Die Japaner süßen im Teehaus, daheim und jedem Restaurant seit einem Vierteljahrhundert damit – über die Hälfte des japanischen Süßmittelmarktes wird durch Stevia besetzt.
Steviablätter dienen seit der präkolumbianischen Epoche nicht nur der Süßung des in Südamerika beliebten Mate-Tees, sondern auch zahlreichen Heilzwecken.
Nur in Deutschland ist der Insider-Tipp Stevia nicht mehr zugelassen.
Argument: Sein Genuss könne sich negativ auf die männliche Fruchtbarkeit auswirken. Weitere Studien hierzu seien notwendig, damit man über eine Aufhebung des im Zuge der Novel-Food-Verordnung von 1997 erlassenen Verbotes nachdenken könne.
Noch in den 1990ern war Stevia frei in Reformhäusern, Bioläden und Teehandlungen erhältlich.
Kritische Stimmen sind der Auffassung, dass die jährlich allein in Europa 60 Milliarden Euro umsetzende Zuckerindustrie eine EU-weite Einführung verhindern möchte: Auch Produzenten von synthetisch hergestellten Süßungsmitteln gaben bereits Versuchsreihen mit der Perspektive in Auftrag, eine Bedenklichkeit von Stevia nachzuweisen.
Die bisher im Tierversuch verabreichte Dosis entspricht hinsichtlich ihrer Konzentration allerdings der relativen Menge des halben Körpergewichts eines Erwachsenen.
Für eine Neueinführung von Stevia als Lebensmittelzusatz muss dessen Unbedenklichkeit (nicht krebserregend, nicht allergieauslösend etc.) in kostenintensiven Studien sehr detailliert nachgewiesen werden. Nachdem die European Food Safety Authority, kurz EFSA, mehrere Anträge ablehnte, liegen gegenwärtig u. a. Anträge des US-amerikanischen Konzerns Cargill vor, der gern Coca-Cola damit süßen möchte.
Auch Professor Jan Geuns von der Katholischen Universität Leuven, Belgien, stellte bislang erfolglos mehrere solcher Anträge – obwohl sogar die WHO Stevia 2008 als unbedenklich einstufte.
Die Zuckerindustrie, selbst zur Finanzierung kostenintensiver Studien in der Lage, habe, so Professor Geuns, kein wirtschaftliches Interesse daran.
Einige Internet-Händler umgehen das EU-Recht, indem sie Stevia beispielsweise als Badezusätze deklarieren.
Der Nachteil: In dieser rechtlichen Grauzone können auch unreine Stevia-Produkte kursieren. Das Dilemma: Stevia-Produkte sind zwar prinzipiell erhältlich, dürfen aber nicht als Süßstoffe oder Lebensmittel gekennzeichnet werden, sondern müssen sich in ihrer Kennzeichnung als unterscheidbar von diesen ausweisen.
Eine echte Legalisierung brächte weitere Vorteile: Synthetisch hergestellte Süßstoffe, deren Nebenwirkungen inzwischen belegt sind, könnten vom Markt genommen werden.
Noch ist das gesundheitsfördernde Stevia nicht ganz billig: Für 100 Gramm hochwertiges Stevia-Pulver muss man derzeit um die sieben Euro anlegen. Viele bauen Stevia selbst an: Die mehrjährige, nicht winterharte Stevia-Staude liebt einen sonnigen Standort.
Der Lichtkeimer kann auf der Fensterbank nahe der Heizung ausgesät werden; dann pflanzt man die Setzlinge nach den Eisheiligen ins Freiland. Auch über Stecklinge aus erwachsenen Pflanzen lässt sich Stevia vermehren.
Im Handel sind Stevia-Blätter, Tabs, Sirups oder Stevia in Pulverform, grün oder weiß, erhältlich. Ein Teelöffel des grünen Stevia-Pulvers besitzt die Süßkraft von zwei ganzen Tassen Zucker. Stevia wird auch als Rohstoff in der Kosmetikherstellung und als Badezusatz verwendet.
Es gibt Stevia als konzentrierten Steviosidextrakt, abgefüllt in medizinische Braunglasflaschen, ein Fluid, das als sehr ergiebige, flüssige Tafelsüße dient, wenige Tropfen genügen, um ein Getränk zu süßen, unterwegs sehr von Vorteil. Die Zugabe von pflanzlichem Glyzerin sorgt dafür, dass das Produkt nicht verdirbt. Dieses Fluid ist auf Pestizide und weitere Schadstoffe kontrolliert und erfüllt die Vorgaben des Europäischen Arzneibuchs.
Stevia-Tabs, z. B. von Raab Vitalfood erfüllen ebenfalls die genannten Anforderungen an ein Lebensmittel, in Packungsgrößen von beispielsweise 300 Stck. im Spender. Zu den Inhaltsstoffen zählen Natriumhydrogencarbonat, Steviol-Glykoside mit Rebaudiosid-A zu 90 Prozent, Mononatriumcitrat und L-Leucin. Auf Lactose, Maltodextrin und synthetische Süßungsmittel wird verzichtet.
Die gut haltbaren, getrockneten Steviablätter können als Tee gebraucht oder in der Mühle vermahlen werden, um anschließend aus dem Pulver einen Extrakt auf Alkohol- oder Wasserbasis daraus herzustellen. Dazu nimmt man einen Esslöffel weißes oder auch grünes Steviapulver auf drei Esslöffel heißes Wasser und füllt die Flüssigkeit in ein Fläschchen. Ein Spritzer entspricht einem Stück Würfelzucker. Nur noch gut schütteln und am besten im Kühlschrank aufbewahren. Außerdem lassen sich die Blätter zu Sirup einkochen, – fertig ist der spezielle Stevia-Honig.
Ein Blick in die Zukunft lässt hoffen: Die offizielle Marktzulassung steht bei der EU für 2010 auf der Agenda. Und nicht nur Professor Jan Geuns, sondern auch viele Diabetiker in Deutschland sind zuversichtlich, dass die EU die aktuellen Anträge in ihrem Sinne bescheidet und Stevia zulässt – wie es in der Schweiz längst passiert ist: An der Universität Hohenheim wird schon seit 1998 mit EU-Mitteln zu Stevia geforscht. Und die EU sollte sich mit der Zulassung von Stevia besser beeilen. Der bis dato erreichte Wettbewerbs- und Marketingvorteil der Schweiz will erst einmal aufgeholt sein.
Mehr dazu auch in diesem Beitrag von PlusMinus:
Thema: Ernährung | Kommentare (5)





