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Avemar – ein Weizenkeimextrakt gegen Krebs?

Informationen aus der Naturheilpraxis von René Gräber

René Gräber

Avemar ist ein Weizenkeimextrakt, der durch Fermentation mit Backhefe einen biologisch aktiven Stoff konzentriert, ein Benzochinon. Benzochinone sind erst einmal keine ungefährlichen Substanzen, besonders das p-Benzochinon. Diese Substanz schädigt Blutbestandteile und provoziert Leukämie. Außerdem reagiert die Substanz leicht mit Proteinen und DNA, was Teil seiner toxischen Wirksamkeit ausmacht. Es gibt einige Tierarten, die in der Lage sind, selbst p-Benzochinon herzustellen und dadurch Fressfeinde zu vertreiben.

Ein Isomer der Benzochinone ist das o-Benzochinon, bei dem im Vergleich zur p-Konfiguration das Sauerstoffatom an einer anderen Stelle am Benzolring (1,2 statt 1,4) angebracht ist. Dieses Benzochinon ist zudem eine Vorläufersubstanz von Melanin.

Was ist Avemar?

Es handelt sich hier um ein patentiertes Nahrungsergänzungsmittel, das speziell bei Krebspatienten zum Einsatz kommen soll, um die Diät zu ergänzen und die chemotherapeutische Behandlung zu unterstützen und daraus resultierende Nebenwirkungen zu lindern.

Es ist seit Anfang der 2000er Jahre auf dem Markt. Auf der Suche nach dem Benzochinon, das in Avemar enthalten ist, bin ich auf einen merkwürdigen Inhaltsstoff gestoßen, den die Hersteller von Avemar als „Avemar pulvis“ bezeichnen. „Avemar pulvis“ scheint eine willkürliche Namensgebung zu sein, denn auf der Suche nach der Substanz bin ich nicht fündig geworden, bis auf eine Ausnahme: Safety studies regarding a standardized extract of fermented wheat germ. Aber vielleicht kann mich dazu mal jemand aufklären...

In dieser Publikation wird der Wirkstoff ebenfalls in Anführungszeichen genannt, was darauf hindeutet, dass es sich nicht um einen wirklich wissenschaftlichen Namen mit taxonomischer Bedeutung handelt. Vielmehr scheint es sich hier um ein Benzochinon-Derivat zu handeln, dem 1,6-Dimethoxy-p-Benzochinon, einem Derivat des problematischen p-Benzochinons. Die Arbeit weist jedoch die Substanz als unbedenklich und sicher aus. Sie zitiert toxikologische Untersuchungen, die dies belegt haben. Auch klinische Studien mit Krebspatienten, die mehr als 8 Gramm pro Tag erhielten, zeigten keine Anzeichen von toxischen Verläufen. Vielmehr sahen die Autoren unter dem Einsatz von Avemar eine Verminderung der Nebenwirkungen der Chemotherapie.

Ohne Spuk und Trug

Remedies and quackeries. Wenn man sich Wikipedia anschaut und nach dem Produkt sucht, dann wird man auf eine Seite stoßen, die die Überschrift „fermented wheat germ extract“ trägt (fermentierter Weizenkeimextrakt). Neben einer kurzen Beschreibung, worum es hier geht, kommt der unvermeidbare Kommentar, dass es sich bei Avemar um eine „fragwürdige, nicht bewiesene Behandlung“ handelt. Soweit die Einschätzung im Jahr 2016.

Der eben zitierte Link führt zu einer Arbeit in PubMed aus dem Jahr 1999, die eine sehr ähnliche Einschätzung zu berichten weiß. Der ungarische Autor bezeichnet Avemar als klinisch nicht bewiesen wirksam, und warum man ein semi-natürliches Produkt teuer bezahlen muss, wenn es als bekannte und synthetisch hergestellte Variante viel billiger zu haben ist. Leider gibt es weder in Wikipedia, noch in der ungarischen Arbeit auch nur ein Argument, das die Unwirksamkeit oder Unverträglichkeit von Avemar oder seiner primären Wirksubstanz belegen kann.

Im Gegensatz dazu berichtet der Hersteller von 100ten von wissenschaftlichen Arbeiten, 33 davon in PubMed veröffentlicht, die gezeigt haben, dass Avemar einzigartig ist.

Nachdem wir die beiden Extreme in den Aussagen so nett nebeneinander haben stellen können, ist es an der Zeit, sich einmal ein etwas differenzierteres Bild von der Sache zu machen.

Aussagekräftige Arbeiten in PubMed konnte ich nicht sehr viele finden. Dafür sind diese aber alles andere als uninteressant.

Effect of simultaneous administration of Avemar and cytostatic drugs on viability of cell cultures, growth of experimental tumors, and survival tumor-bearing mice.

Diese Arbeit ist eine reine Laborstudie mit Zellkulturen und Labormäusen. Die Ergebnisse zeigen, das Avemar keine störenden Einflüsse auf häufig eingesetzte Chemotherapeutika hat. Aber die Kombination von Avemar mit Chemotherapeutika zeigte auch keine erhöhte zytotoxische Wirkung der Chemotherapeutika (was man zum Beispiel bei einigen Heilpilzen hat sehen können). Avemar wird in dieser Arbeit als nicht zytotoxisch beschrieben, was einen Einsatz als Monotherapie bei Krebserkrankungen unmöglich macht.

Die Autoren schlossen aus ihren Beobachtungen, dass Avemar zusammen mit Chemotherapeutika zum Einsatz kommen kann, ohne dass der Therapeut befürchten muss, dass es zu einer Erhöhung der Toxizität kommt oder die Aktivität des Chemotherapeutikums ausgebremst wird.

Characterizing the efficacy of fermented wheat germ extract against ovarian cancer and defining the genomic basis of its activity. - Eine weitere Laborarbeit, bei der Zellkulturen von Epithelzellen aus dem Uterus in einem fortgeschrittenen Krebsstadium untersucht wurden. Die Autoren sahen signifikante Hemmeffekte bei der Zellteilung von 12 verschiedenen Zellarten und eine verbesserte Apoptose unter Cisplatin, einem Chemotherapeutikum. Eine Untersuchung der genetischen Aktivität zeigte 2142 Gene, die 27 biologische Prozesse aktivieren, die die Ansprechbarkeit auf den Wirkstoff in Avemar erhöhen. Weiter analysierten die Autoren die Genome für weitere 59 vom Menschen stammende Krebszellkulturen auf ihre Empfindlichkeit auf das in Avemar enthaltene Benzochinon. Sie sahen 13 Prozesse, die auf den Extrakt und das isolierte Benzochinon ansprachen.

Die Autoren schlossen aus ihren Beobachtungen, dass der Extrakt krebsverhindernde Eigenschaften besitzt und die Wirksamkeit von Chemotherapeutika positiv beeinflussen kann.

Mein Fazit: Diese Arbeit steht mit einigen Aussagen im diametralen Gegensatz zu der zuvor diskutierten Arbeit.

Adjuvant fermented wheat germ extract (Avemar) nutraceutical improves survival of high-risk skin melanoma patients: a randomized, pilot, phase II clinical study with a 7-year follow-up.

Diese Arbeit untersucht in einer Pilotstudie den Einfluss von Avemar auf Hautkrebs. Das Abstract in PubMed gibt keine detaillierten Angaben zum Design der Studie an. Ein Newsletter des Herstellers gibt nähere Informationen zu der Studie, so zum Beispiel dass sie bei 52 Patienten mit Stage 3 Melanom durchgeführt worden war. Die Patienten waren mit Chemotherapie oder mit Chemo plus Avemar behandelt worden. Nach einem 7-jährigen Follow-up ergab sich eine Überlebensrate ohne Progression der Erkrankung von fast 56 Prozent für die Gruppe, die zusätzlich mit Avemar behandelt worden war. Die Chemotherapie-Gruppe hatte nur eine Wert von knapp 30 Prozent. Die generelle Überlebensrate lag in der Avemar-Gruppe bei 66 Prozent und in der Chemotherapie-Gruppe bei knapp 45 Prozent.

Daher geben die Autoren die Empfehlung aus, Avemar bei der Behandlung solcher Patienten zum Einsatz kommen zu lassen.

Ein paar weitere Arbeiten sind im Wesentlichen wieder Laborarbeiten, die die krebsverhindernden und anti-proliferativen Effekte des Extrakts oder von Benzochinon an verschiedenen Krebszellkulturen untersuchen und zu positiven Ergebnissen kommen. Der Newsletter erwähnt mit wenigen Sätzen weitere klinische Studien an Patienten mit Dickdarm-, Lungen-, Brustkrebs und Krebserkrankungen an Kopf und Nacken. Die Aussagen lauten, dass Avemar bei allen Studien die Lebensqualität der Patienten der Verumgruppe verbesserte und die Fortentwicklung der Erkrankung bremsen konnte.

Fazit

Avemar ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein interessantes Produkt. Allerdings muss ich erwähnen, dass ich die meisten der hier angepriesenen Wirkungen und Vorteile bei Krebs und anderen Erkrankungen auch von einigen Heilpflanzen und von Heilpilzen her kenne.

Ein weiterer störender beziehungsweise irritierender Punkt ist die Einengung der meisten Aussagen über die Wirksamkeit des Produkts auf eine einzige Wirksubstanz, das Benzochinon. Solche Ansätze sind eher typisch für die segmentiell orientierte Schulmedizin, die mit Monosubstanzen ein ganzes biologisches System aus den Angeln zu heben versucht.

Es gibt eine Laborarbeit in PubMed, bei der die Autoren mehr Wirkstoffe als nur das Benzochinon für die positiven Ergebnisse vermuten. Auch im Newsletter gibt es eine mehr als Randnotiz ausgelegte Bemerkung, dass wohl mehr als nur die Benzochinone für die positiven Effekte verantwortlich sein können, da das Produkt als pflanzlicher Extrakt wohl noch tausende an bekannten und unbekannten Molekülen in sich birgt.

Fazit vom Fazit: Avemar ist viel interessanter als die Schulmedizin erlaubt. Ob es aber einen signifikanten Vorteil zu lange bekannten Heilpflanzen und Heilpilzen gibt würde mich in der Praxis sehr interessieren.

Dieser Beitrag wurde am 7.3.2016 erstellt und am 15.10.2016 aktualisiert.