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Huminsäure - Wirkung und Wissenschaft

Informationen aus der Naturheilpraxis von René Gräber

René Gräber

Bei den Huminsäuren handelt es sich um sogenannte „hochmolekulare“ chemische Verbindungen, die „neben anderen Huminstoffen während des Abbauprozesses von biologischem Material gebildet werden (Humifizierung)“ (http://www.chemie.de/lexikon/Humins%C3%A4ure.html).

Mit anderen Worten: Es handelt sich hier um vergleichsweise große Moleküle, die aus verschiedenen Komponenten zusammengesetzt werden können, wie zum Beispiel Phenolen, Zuckern, Peptiden und so weiter. Das Ergebnis der Humifizierung ist „Humus“, der aus schwer abbaubaren Substanzen besteht. Die darin enthaltenen Huminsäuren haben eine wichtige Funktion als biologische Ionenaustauscher. Sie binden basische Stickstoffe, die im Austausch gegen metallische Kationen zur Freisetzung kommen. Durch diese Fähigkeit, Chelat-Komplexe zu bilden, kommt den Huminsäuren die wichtige biologische Eigenschaft zu, die ökologische Bioverfügbarkeit von Metallionen zu regulieren.

Chelat-Komplexe und Chelat-Therapie sind wichtige Anwendungen bei der Entgiftung von Schwermetallen (Die Chelattherapie - Entgiftung oder Humbug? und Entgiftung durch Chelattherapie?). Daher wäre es denkbar, dass die Huminsäure als Chelatbildner auch bei dieser Indikation beim Menschen zum Einsatz kommen kann. Zumindest scheint es momentan einen „Mini-Hype“ in diesem Zusammenhang zu geben.

Für ein Präparat dazu, Activomin®, wird die entsprechende Werbung gemacht (activomin.de, Stand März 2015). Hier erfahren wir, dass durch die Einnahme der Kapseln Schwermetalle, Viren, Bakterien und andere Schadstoffe im Darm gebunden werden:

„Huminsäuren besitzen die Fähigkeit, Schadstoffe im Körper des Menschen fest an sich zu binden. Da sie nicht vom Körper aufgenommen werden und auch nicht in die Blutbahn gelangen können, werden die so gebundenen Körpergifte über den Darm wieder ausgeschieden, bevor eine schädigende Wirkung entstehen kann.“

In der „Apotheken-Umschau“ gibt es einen bemerkenswerten Artikel über „die heilende Wirkung von Moorbädern“. Diese Wirkung beruht unter anderem, aber nicht nur, auf der Anwesenheit von Huminsäure in den „Schlammpackungen“.

Aufgrund der Wärme der Packungen (39 – 40 Grad) werden laut Bericht die Hautporen geöffnet, was zur Folge hat, dass „bestimmte Substanzen des Moores, insbesondere Huminsäure und ihre Vorstufen sowie Phytoöstrogene, in den Körper geschleust werden“. Wie signifikant hier diese Einschleusung von Huminsäure ist und welchen Effekt sie auf den Genesungsprozess hat, dazu konnte ich keine Literatur finden. Dass diese Art der Moorbäder eine heilende Wirkung bei einer Reihe von Indikationen hat, das ist unbestritten. Die Frage ist hier, in welchem Maß die Huminsäure daran beteiligt ist.

Eine andere Webseite / Shop (entgiftung-darmreinigung.com/huminsäure/) zählt eine „ganze Latte“ an positiven Wirkungen auf, die man so von den klassischen Heilpflanzen und Heilpilzen her kennt. Meine Bedenken hier sind jedoch, dass solche Wirkungen nur dann einsetzen können, wenn die Substanz bis in die zelluläre Ebene vordringen kann. Und dazu müsste sie erst einmal „ordentlich“ resorbiert werden, wenn man eine parenterale Gabe (Injektionen zum Beispiel) vermeiden will.

An anderer Stelle aber erfahren wir, dass gerade die Größe des Moleküls von Huminsäure eine solche Resorption unmöglich macht, was auch der Grund dafür ist, dass es keine Nebenwirkungen gibt. Und dann ist da noch etwas, was mir bei der Webseite entgiftung-darmreinigung.com/huminsaure/ auffällt: Das ist eher ein Shop, als eine Informationsseite. Da sollte man als Leser schon einmal genau hinschauen, wer da eigentlich berichtet und mit welcher Intention. Zu diesem „Problem“ habe ich in meinem Forum zum Thema „Angeblich "neutrale" Diät-Tests und Abnehmmittel“ ausführlicher Stellung genommen. Und um es gleich klarzustellen: Ja, auch ich verkaufe gerne das ein oder andere Buch. Eine Auswahl finden Sie unter: http://renegraeber.de/Buecher.html

So. Nachdem ich jetzt auch für meine Bücher Werbung gemacht habe, weiter mit den Huminsäuren.

Im Dokument von  peter-weck.de/Huminsure_Dokumentation_web.pdf erfahren wir auf Seite 11, dass „hochmolekulare Huminsäuren nach enteraler Applikation nahezu vollständig im Magen-Darm-Kanal verbleiben...“ (Stand März 2015). Der Vorteil hier liegt darin, dass im Magen-Darm-Trakt befindliche Noxen von der Huminsäure gebunden und somit an der Resorption gehindert werden können. In der Folge wird der Huminsäure-Noxen-Komplex mit dem Stuhl einfach ausgeschieden. Die Dokumentation zeigt des Weiteren eine schleimhautschützende Funktion der Huminsäuren, die besser ausfallen soll als die der „allgemein üblichen Adsorbenzien (Carbo med. oder bestimmte Silikate und Tonminerale)“ (S. 10).

Im „Nachspann“ dieser Dokumentation erfährt der Leser, dass es sich bei der Dokumentation um die Beschreibung von Activomin® handelt. Es gibt eine detaillierte Dosierungsanleitung, Anwendungungsgebiete, Nebenwirkungen (keine), Wechselwirkungen, Gegenanzeigen und so weiter. In Kapitel 8 wird die zu dieser Dokumentation verwendete Literatur angegeben. Bezeichnend hier ist, dass so gut wie alle Quellen aus der Tiermedizin kommen.

Ich würde nicht sofort kritisieren wollen, dass Ergebnisse aus Tierversuchen nicht auf den Menschen übertragbar seien. Wenn dem so wäre, warum macht man dann Millionen von Tierversuchen? Und Schweine, Hunde, Katzen, Rinder etc. kennen Erkrankungen, die auch beim Menschen auftreten. Warum sollten also bei den gleichen Erkrankungen nicht auch die gleichen Substanzen gleich wirksam sein? Nur - was mir bei dieser Literatursammlung auffällt, dass bis auf ein noch unveröffentlichtes Gutachten des Klinikums Chemnitz keine Humandaten aufgeführt werden. Ist das ein Indiz, dass es so gut wie keine Untersuchungen der Huminsäure beim Menschen gibt?

Huminsäure in der Wissenschaft

Um es gleich vorweg zuschicken – die Zahl der Arbeiten zur Huminsäure ist gewaltig und spärlich zur gleichen Zeit. Huminsäure und ihre Bedeutung in der Ökologie und Umwelt ist bemerkenswert gut und detailliert untersucht. Damit finden wir eine überwältigend hohe Zahl an wissenschaftlichen Arbeiten zu Fragen in diesem Segment. Zur Frage der medizinischen beziehungsweise physiologischen Anwendung und Effekte gibt es nur „Schonkost“ im Angebot.

Induction of macrophage cell-cycle arrest and apoptosis by humic acid. - Es handelt sich hier um eine Laborstudie an Makrophagen von Mäusen, die aus einem viral bedingten Tumor stammen. Eine Inkubation mit Huminsäure bewirkte einen Zellzyklusarrest und eine Apoptose (natürlicher Zelltod). Darüber hinaus erhöhte Huminsäure das Tumorsuppressor-Protein p53 und induzierte DNA-Schäden. Dies erklärt, warum in der Einleitung des Artikels von einem Zusammenhang von Huminsäure im Grundwasser und einer Reihe von Krebsformen gesprochen wird.

Es stellt sich sofort die Frage, welche Relevanz diese Laborstudie haben kann, wenn Huminsäure nicht resorbiert wird. Die eben beschriebenen Effekte würden nur dann relevant werden, wenn ausreichend Huminsäure in den Blutkreislauf gelangt.

Microscopic examination of the intestinal wall and selected organs of minipigs orally supplemented with humic acids. - Diese Arbeit an Minischweinen (3 Tiere als Kontrolle ohne und 3 Tiere als Verumgruppe mit Huminsäure) zeigte nach einer 2-wöchigen „Behandlung“ der Tiere mit 1 Gramm Huminsäure pro Kilogramm Körpergewicht keine Spuren von Huminsäure in einer Reihen von untersuchten Gewebeteilen der Tiere.

Die (fast) gleiche Autorengruppe hatte 3 Jahre zuvor genau gegenteilige Beobachtungen gemacht: Microscopic evidence for the uptake of orally given humic acids by the intestinal mucosa in piglets – Bei gleicher Dosierung und identischem Beobachtungszeitraum zeigten 10 verschiedene Gewebeteile von Ferkeln Anzeichen von Huminsäure. Allerdings wurden nur 3 Tiere untersucht, 2 davon wurden mit Huminsäure gefüttert, während das Dritte ohne Huminsäure als Kontrolle diente.

Fazit: Es scheint heute nicht abschließend geklärt zu sein, ob Huminsäure nicht doch einen systemischen Effekt hat oder nicht. Bezeichnend ist, dass sogar ein und dieselbe Autorengruppe zu diametral entgegengesetzten Ergebnissen kommt.

Humic Acid and Glucan: Protection Against Liver Injury Induced by Carbon Tetrachloride. - Diese Arbeit berichtet von einem leberschützenden Effekt von Huminsäure in Verbindung mit beta-Glucan. Im Abstract wird allerdings nicht erwähnt, welche und wie viele Tiere eine experimentelle Leberschädigung erhielten, die dann (wie lange?) mit Huminsäure und beta-Glucan behandelt worden war. Wir erfahren auch nichts über den Applikationsweg – oral, parenteral, intraperitoneal und so weiter.

Neuroprotective effect of humic Acid on focal cerebral ischemia injury: an experimental study in rats. - Wieder eine Tierstudie, diesmal mit Ratten. Die Verumgruppe wurde intraperitoneal (Einspritzen in die Bauchhöhle) versorgt. Die Behandlung mit Huminsäure zeigte eine deutliche Verbesserung einer zerebralen Ischämie durch die Verhinderung von oxidativem Stress.

The ultrastructural organization of the liver of rats with experimental hepatitis after drinking mineral water containing humic acids – Auch hier wieder eine Tierstudie. Hier wurden Leberschädigungen durch eine hochdosierte Gabe von Paracetamol ausgelöst. Die Autoren sahen unter der Gabe von Huminsäure eine Veränderung der Ultrastrukturen der Leberzellen, was auf einen Reparatureffekt von Huminsäure hinweisen könnte.
Fazit: Ultrastrukturelle Veränderungen deuten auf eine zumindest geringfügige Resorption von Huminsäure hin, die die Tiere mit dem Trinkwasser zugeführt bekamen. Ob sich diese Veränderungen aber als klinisch relevant erweisen, ist fragwürdig beziehungsweise überhaupt noch nicht geklärt. Denn die Frage nach der Resorption und Bioverfügbarkeit von Huminsäure ist alles andere als geklärt.

The Antiinflammatory Properties of Humic Substances: A Mini Review. - Auch diese Übersichtsarbeit geht nicht auf die Fragestellung nach der Bioverfügbarkeit von Huminsäure ein. Es werden eine Reihe von positiven Eigenschaften aufgezählt, die aber seit langen von Heilpflanzen und -pilzen bekannt sind.

Meine Einschätzung

Abwarten und Tee trinken – oder vielmehr Chlorella. Denn das klassische Einsatzgebiet, wie es von den Huminsäure bewerbenden Webseiten dargestellt wird, gehört meiner Meinung nach immer noch Chlorella vulgaris und als unterstützende „Alge“ Spirulina.

Warum ich dieser Meinung bin, versuche in u.a. in meinen Beiträgen darzulegen:

Ich bin generell skeptisch, wenn eine einzelne Substanz in den therapeutischen Götterhimmel gelobt wird - auch wenn es sich um eine natürlich vorkommende Substanz handelt.

Bei Chlorella und Spirulina sind es eine Reihe von Substanzen, die hier in einem synergistischen Verbund wirksam werden, was biologischen Prinzipien eher entspricht als ein „Solo-Lauf“ einer einzelnen Substanz.

Dazu kommt noch, dass es für Chlorella und Spirulina die Humanstudien mit den entsprechenden Ergebnissen gibt, die für die Huminsäure noch fehlen. Kein Wunder also, wenn sich die Dokumentationen für Huminsäure-Präparate fast ausschließlich auf tiermedizinische Aussagen stützen muss.

Fazit

Huminsäure im Vergleich mit Chlorella und/oder Spirulina ist nicht nur schlechter dokumentiert. Die Algen haben zudem ein signifikant größeres Paket an positiven Effekten zu bieten als die Säure.

Das wundert mich nicht, da wir hier von einer Einzelsubstanz reden, die solche Effekte meines Erachtens nicht in diesem Umfang leisten kann.

Damit scheint für mich das Hochleben-Lassen von Huminsäure in der Werbung erst einmal nichts anderes zu sein, als die naturheilkundliche Fortsetzung der segmentiellen Medizin, wie wir sie als Grundlage der Schulmedizin kennen. 

Dieser Beitrag wurde letztmalig am 31.03.2015 aktualisiert