Heilfasten und Jojo-Effekt

  • Hallo,

    ich habe früher 2 x im Jahr Heilgefastet bis ich dankplötzlich mit dem Jojoeffekt zu tun hatte und nach dem Fasten mehr zugenommen hatte, als ich vorher gewogen habe. Ich bin jetzt 61 Jahre und habe Bedenken, nach dem Heilfasten wieder viel mehr Gewicht zuzulegen. Meine nächste Frage bezieht sich auf die guten Darmbakterien. Werden diese nicht durch das Abführen und Entleeren des Darms, alle ausgeschwemmt ? Und ist es dann nicht nötig, diese durch Präbiotika wieder aufzubauen ?

    Danke für Info.

    LG Simone Klein

    • Offizieller Beitrag

    Ich gehe die Punkte mal nacheinendar durch -- denn es sind ganz häufige Themen / Fragen.

    1. „Werden beim Abführen nicht alle guten Darmbakterien ausgeschwemmt?“

    Kurzantwort: Nein.

    Ein einzelner Stuhlgang enthält enorme Mengen an Bakterien – je nach Literatur etwa 10¹¹ bis 10¹² Keime pro Gramm Stuhl. Bei einer normalen Stuhlmenge pro Tag sprechen wir also von Hunderten Milliarden bis über einer Billion Bakterien, die den Körper verlassen.

    Der Darm beherbergt insgesamt rund 30–100 Billionen (10¹³–10¹⁴) Mikroorganismen.
    Das Entscheidende: Die überwiegende Mehrheit sitzt nicht frei im Darminhalt, sondern:

    • fest an der Schleimhaut gebunden
    • im Schleimfilm (Mukus) verankert
    • in Biofilmstrukturen organisiert

    Ein Abführen oder Darmentleeren spült also Darminhalt, nicht das komplette Ökosystem.

    Würde jede Darmentleerung das Mikrobiom „ausradieren“, müsste sich nach jedem Durchfall oder jeder Darmspiegelung die Darmflora komplett neu bilden.

    Einige der "Experten" die das (u.a. auf Youtube etc.) behaupten sollten mal kurz überlegen was die da erzählen...

    2. Was passiert mit dem Mikrobiom beim Fasten wirklich?

    Fasten verändert die bakterielle Zusammensetzung - das stimmt.

    Aber:

    • Das Mikrobiom ist hochdynamisch
    • Es reagiert auf Nahrungsangebot
    • Es passt sich innerhalb weniger Tage an

    Beim Nahrungsverzicht sinken vor allem Bakterien, die auf Zucker und leicht verfügbare Kohlenhydrate spezialisiert sind. Andere Spezies, die Schleimstoffe verwerten können, nehmen zu. Studien zeigen sogar, dass Fasten:

    • die Diversität verbessern kann
    • entzündungsfördernde Spezies reduzieren kann
    • metabolische Marker positiv beeinflusst

    Das ist genau die Modulation die wir haben wollen...

    Aber: man muss auch wissen was man tut und welche Probleme die Patienten mitbringen...

    3. Braucht man danach zwingend Prä- oder Probiotika?

    Nicht zwingend.

    Ein gesundes Mikrobiom regeneriert sich in der Regel durch normale, ballaststoffreiche Kost innerhalb weniger Tage bis Wochen.

    Was wirklich zählt:

    • Bitterstoffe
    • resistente Stärke
    • fermentierte Lebensmittel
    • Polyphenole (z.B. aus Beeren, Kräutern, grünem Tee)
    • ausreichend pflanzliche Ballaststoffe

    Das ist deutlich wirksamer als wahllos gekaufte Kapseln.

    Probiotika können sinnvoll sein, aber ich halte nicht mehr allzu viel von diesen.

    4. Zum Jojo-Effekt – das eigentliche Thema

    Mit 61 ist die metabolische Situation eine andere als mit 40. Östrogenabfall, geringere Muskelmasse, reduzierte Grundumsatzleistung.

    Der Jojo-Effekt entsteht nicht durch das Fasten selbst, sondern durch:

    • zu schnelle Aufbauphase
    • Rückfall in alte Essmuster
    • zu wenig Protein
    • zu wenig Krafttraining
    • zu starkes Kaloriendefizit ohne Stoffwechselanpassung

    Wer nach dem Fasten wieder genauso isst wie zuvor, bekommt exakt dasselbe Ergebnis – oft mit Zinseszins.

    Fazit:

    Das Mikrobiom-Drama, das in manchen Videos beschworen wird, ist völlig überzogen und grenzt für mich an "Hirnriss".

    Wichtiger als die Frage nach „ausgeschwemmten Bakterien“ ist:

    • Wie sieht die Aufbauphase aus?
    • Wird Muskelmasse erhalten?
    • Wird Insulinsensitivität stabilisiert?
    • Wird die Ernährung langfristig verändert?