Chondroitin und Chondroitinsulfat: Anwendung, Wirkung, Kritik und Studien
In unserem Knorpelsystem findet man eine Reihe von Stoffen, die der Körper im Normalfall selbst produziert,
hierzu gehört Chondroitinsulfat, eine Zuckerverbindung, die die Flüssigkeit in den Knorpeln bindet und somit dafür
sorgt, dass die Gelenke bei Beanspruchung ausreichend "abgefedert" werden.
von: René Gräber
Fehlt dieser Stoff, bzw. kann es der Körper nicht mehr selbst in ausreichender Menge produzieren, kann es zu
Gelenkschmerzen kommen.
Nun gibt es die Möglichkeit, diesen Stoff dem Körper als Nahrungsergänzung selbst zu verabreichen: Chondroitin
wird aus dem Knorpelgewebe von Tieren gewonnen, meist von Kühen oder Schweinen.
In der Medizin wird es zur Behandlung von Arthrose eingesetzt, meist zusammen mit Glucosamin, ebenfalls eine Zuckerverbindung.
Über die Wirkung dieser Präparate gibt es unterschiedliche Meinungen, einige Patienten, an denen Chondroitin
oder Chondroitinsulfat getestet wurde, sprachen tatsächlich von einer Besserung ihrer Beschwerden, da Chondroitin
und Glucosamin zusammen das Knorpelwachstum und die Flüssigkeitsbindung anregen.
In Drogeriemärkten sind sehr viele chodroitinhaltige Präparate zu finden, ebenso in Apotheken. Am häufigsten
findet man Chondroitin in Verbindung mit Glucosamin in Kapselform. Tetesept ist, bei den Produkten aus den
Drogeriemärkten, wohl eine der bekannteren Marken. Tetesept wirbt mit dem Präparat "Gelenk-Komplex" für
Knorpelaufbau und Gelenkschmiere.
Im Internet sind diverse Produkte, deren Wirkstoff Chondroitin ist, zu bekommen. Superflex-3 Tabletten von
Newton-Everett Biotech verspricht zusätzlich noch eine entzündungshemmende Wirkung seiner Tabletten.
Auch als Granulat, welches in Wasser gelöst und getrunken werden kann, wird eine Chondroitin-Glucosamin
Verbindung, angeboten. Die Firma Synomed bietet hier ein Basis-Osteo Granulat an.
Chondroitin ist auch in Hundefutter (Eukanuba) und Tierpräparaten zu finden, da auch Hunde, Pferde und andere
Tiere an Arthrose leiden.

Kritik und Studienlage
Chondroitin scheint eine Substanz zu sein, die besonders im Kreuzfeuer der Kritik steht bezüglich seiner
Wirksamkeit bei Osteoarthritis. Die Liste der Negativpunkte ist ellenlang. Besonders originell ist ein
Bericht auf einer Webseite (http://www2.i-med.ac.at/pharmakologie/info/info10-3.html#Condro),
in dem ein wichtiger Kritikpunkt war, dass praktisch alle Veröffentlichungen, die zu guten Ergebnissen kamen, in
Fachzeitschriften ohne besondere wissenschaftliche Bedeutung erschienen.
Die Veröffentlichungen seitens des Kritikers, die eine Wirkungslosigkeit "bewiesen", erschienen dagegen in
sogenannten "Fachzeitschriften" wie: die Deutsche Apotheker Zeitung, Arzneimittelforschung, Symposiumsberichte, Der
informierte Arzt, und so weiter.
Symposiumsberichte und der Rest der "Fachzeitschriften", die hier ins Feld geführt werden, sind aber auch
nicht die wissenschaftlichen Journale, sondern bestenfalls Informationsblättchen für Mediziner auf
gebremsten wissenschaftlichen Verständnisniveau.
Diese Form der methodologischen Kritik ist schon bezeichnend für die Vorgehensweise der "evidenzbasierten"
schulmedizinischen Wissenschaft, die alle Formen der Evidenz geflissentlich zu übersehen bemüht ist: Man wirft der
Gegenseite die Ungereimtheiten vor, die man selbst tagtäglich zu begehen pflegt.
Andere Kritikpunkte gegen die Substitution mit Chondroitinsulfat bei Osteoarthritis beziehen sich auf die
mangelnde oder nicht existente Resorption der Substanz. Grund: Die Molekülstruktur ist derart groß, dass es zu
keinem Transfer durch die Darmmukosa kommen kann.
Dies mag durchaus richtig sein, handelt es sich beim Chondroitinsulfat um ein Makromolekül. Aber es gibt auch
andere Makomoleküle, vor allem andere Polysaccharide, die trotz ihrer Größe resorbiert werden. Aber, um allen
Mutmaßungen den Wind aus den Segeln zu nehmen, werden wir doch einmal evidenzbasiert und schauen uns ein paar
Studien an:
Ronca et al.: Anti-inflammatory activity of chondroitin
sulfate. Department of Human and Environmental
Sciences, University of Pisa, Italy.
Diese Arbeit untersuchte die Pharmakokinetik von Chondroitinsulfat in Ratten und freiwilligen Probanden.
Unter Pharmakokinetik versteht man den Einfluss des Organismus auf eine eingenommene Substanz. Sie untersucht,
wie der Körper die Substanz aufnimmt, die Bioverfügbarkeit und über welche Wege die Substanz wie schnell
abgebaut, verstoffwechselt wird. Das applizierte Chondroitinsulfat war zu diesem Zweck mit einem schwach
radioaktiven Marker versehen worden. So konnten die Wissenschaftler zeigen, dass Chondroitinsulfat verschieden
schnell und intensiv resorbiert wird, in Abhängigkeit von der Darreichungsform. So beobachtete man, dass ein
Auflösen des Chondroitinsulfats in Wasser zu einer schnellen Resorption führte, bei Mäusen und Menschen. Eine
verzögerte und eingeschränkte Resorption trat auf wenn das Chondroitinsulfat in Kapseln verabreicht wurde, die
sich erst im Darm auflösten. Die absolute Bioverfügbarkeit betrug 15 Prozent für Ratten und 12 Prozent für
Menschen. Weiter zeigte sich eine Anreicherung von radioaktiv markiertem Chondroitinsulfat im Knorpelgewebe der
Ratten und im Kniegelenk der Menschen. Sichergestellt wurde dieses Ergebnis durch eine szintigraphische Analyse
des radioaktiv markierten Chondroitinsulfats. Als weitere interessante Beobachtung sahen die Forscher eine
Verteilung von Polysacchariden und Monomeren, die als Abbauprodukte (durch Hydrolyse) des Chondroitinsulfats
sich im Blut und Gewebe wiederfanden. Eine Untersuchung des Effekts dieser Chondroitinsulfat-”Bruchstücke”
ergab, dass diese in der Lage waren, chemotaktische Prozesse zu unterbinden (“Chemotaxis bezeichnet die
Beeinflussung der Fortbewegungsrichtung von Lebewesen oder Zellen durch Stoffkonzentrationsgradienten“ -
Wikipedia). Damit werden entzündungsfördernde Zytokine daran gehindert, Entzündungsmediatoren in die Gelenke zu
„locken“. Dies drückt sich aus in einer weniger ausgeprägten Phagozytose und einem Schutz von Zellmembranen vor
freien Radikalen. Bei den Ratten verhinderte auf diese Weise Chondroitinsulfat eine Brustfellentzündung.
Verglichen mit NSAR, wie Ibuprofen etc., scheint Chondroitinsulfat einen besseren Effekt auf die zellulären
Mechanismen einer Entzündung zu haben als auf die Ödemausbildung. Die Forscher betonten nochmals, dass
Chondroitinsulfat keinen negativen Einfluss hat auf Magen, Niere und Blutplättchenbildung und -funktion. Bei
Patienten, die eine Gelenkspunktion benötigten, wurden nach einer 10-tägigen Therapie mit Chondroitinsulfat -
800 mg pro Tag - signifikant erhöhte Konzentrationen von Hyaluronsäure beobachtet und eine signifikante
Erhöhung der Viskosität der Gelenksflüssigkeit. Gleichzeitig waren die kollagenauflösenden enzymatischen
Aktivitäten deutlich reduziert. Diese Beobachtungen demonstrieren eindrucksvoll die entzündungshemmenden und
knorpel- und knochenschützenden Mechanismen, die auch von einer Reihe von klinischen Studien bestätigt werden
konnten. Die Veröffentlichung erschien 1998 in der Fachzeitschrift „Osteoarthritis Cartilage“.
Monfort et al.: Biochemical basis of the effect of chondroitin sulphate on osteoarthritis articular
tissues. Hospital del Mar, Passeig del Mar, Barcelona, Spain.
Diese Untersuchung wird in PubMed nur kurz erwähnt, ohne auf Details einzugehen. Der Abstract erwähnt nur
kurz, dass die vorliegende Arbeit verschiedene Komponenten untersucht, die einen positiven Effekt auf die
klinischen Symptome der Osteoarthritis haben und die strukturellen Veränderungen verbessern. So zeigen die
Forscher, wie Chondroitinsulfat die fortschreitende Veränderung der Gelenkstrukturen unter Osteoarthritis
günstig beeinflusst. Der Wirkmechanismus von Chondroitinsulfat wird anhand von wissenschaftlicher
Zusatzliteratur erläutert. Leider bleibt der Abstract sehr unspezifisch. Es ist aber immerhin deutlich
ersichtlich, dass die Wissenschaftler sehr genau wissen, wie und warum Chondroitinsulfat bei Osteoarthritis
wirksam ist bzw. dass es wirksam ist. Diese unspezifische Veröffentlichung lässt keinen Zweifel zu, dass
Chondroitinsulfat für Patienten mit Osteoarthritis von Nutzen ist.
Pipitone VR.: Chondroprotection with chondroitin sulfate. Department of Rheumatology, University of Bari,
Italy.
Auch diese Veröffentlichung bleibt eher unspezifisch in ihren Aussagen. Allerdings unterstreicht sie die
vorher getroffene Aussage, dass Chondroitinsulfat in der Lage ist, sich in den Gelenksgeweben anzureichern und
die Aktivitäten von Enzymen in der Gelenksflüssigkeit herabzusetzen, die den Gelenkknorpel auflösen können
(Elastase, Hyalurionidase etc.) Zusätzlich wirkt Chondroitinsulfat wie ein entzündungshemmendes Medikament, da
es in der Lage ist, Komplement zu hemmen. Die Wissenschaftler bezeichnen die Substanz als äußerst gut
verträglich und frei von toxischen (giftigen) Effekten.
Iovu et al.: Anti-inflammatory activity of chondroitin sulfate. Department of
Pharmacology, Faculty of Medicine, University of Montréal, Montréal, Québec, Canada.
Diese Studie hatten wir schon weiter oben?! Nein, diese Arbeit ist 10 Jahre jünger (2008), nicht aus Italien
(Kanada) und wurde von anderen Forschern durchgeführt. Nur der Titel ist der Gleiche.
Diese Veröffentlichung beschreibt Osteoarthritis als einen Prozess, bei dem das Knorpelgewebe des Gelenks
zerstört wird, begleitet von einem gleichzeitig einsetzenden Entzündungsprozess der Gelenkskapsel. Dieser
Entzündungsprozess wird vermittelt durch entzündungsfördernde Zytokine (z.B. Interleukine und
Tumor-Nekrose-Faktor), durch Enzyme mit eiweißzersetzenden Fähigkeiten und durch Enzyme mit
entzündungsfördernden Eigenschaften. In diesem Zusammenhang berichten die Forscher von der Fähigkeit von
Chondroitinsulfat, die Gelenkspalte weit zu halten und Gelenkschwellungen und Gelenkergüsse zu verhindern. Um
diese Effekte zu produzieren, wirkt Chondroitinsulfat anti-entzündlich auf das Knorpelgewebe und die
Gelenkkapselstrukturen. Chondroitinsulfat und seine Disaccharide reduzieren den Einzug von
entzündungsfördernden, körpereigenen Substanzen, wie NF-kappaB, in das Gelenksgewebe. Der Mechanismus beruht
sehr wahrscheinlich auf einem Eingreifen von Chondroitinsulfat in die Signalkaskade des Organismus bei der
Ausbildung von Entzündungen.
Langsam kristallisiert sich ein völlig anderes Bild heraus. War ursprünglich immer die Rede von
Chondroitinsulfat und einem Ersetzen verlorengegangener Gelenkflüssigkeit, so scheint Chondroitinsulfat weit
mehr zu können, als nur einfacher Flüssigkeitsersatz zu sein. Wäre es nur Ersatz, dann hätte es einen deutlich
geringeren Effekt auf Osteoarthritis. Wer den entzündungshemmenden Effekt außer Acht lässt und nur nach der
“Ersatzwerkstatt” Chondroitinsulfat schaut, übersieht den wichtigsten Wirkmechanismus der Substanz. Kein Wunder
also, dass unter solchen Voraussetzungen einige interessierte Kreise zu nicht schlüssigen Ergebnissen kommen
(wollen).
Wildi et al.: Chondroitin sulphate reduces both cartilage volume loss and bone marrow lesions in knee
osteoarthritis patients starting as early as 6 months after initiation of therapy: a randomised, double-blind,
placebo-controlled pilot study using MRI. Osteoarthritis Research Unit, University of
Montreal Hospital Research Centre (CRCHUM), Notre-Dame Hospital, Montreal, Canada.
Immer noch skeptisch? Hier sind noch einmal die Kanadier. Diesmal kommt eine klinische Studie aus einem
Forschungszentrum eines Hospitals, das sich auf Osteoarthritis-Forschung spezialisiert hat.
Mit dieser Untersuchung wollten die Wissenschaftler herausfinden, ob eine Behandlung mit Chondroitinsulfat
Knorpelsubstanzverlust, Knochenmarksläsionen, Synovitis (Gelenkkapselentzündung) und Krankheitssymptome bei
Patienten mit Osteoarthritis des Knies beeinflussen kann.
Dies war eine randomisierte, doppelblinde, Plazebo kontrollierte Studie bei primärer Knie-Osteoarthritis, an
der 69 Patienten mit klinischen Symptomen einer Synovitis teilnahmen. Die Patienten wurden randomisiert in eine
Plazebo-Gruppe und eine Verum-Gruppe, deren Teilnehmer 800 mg Chondroitinsulfat einmal täglich für die Dauer
von 6 Monaten erhielten. Nach diesen 6 Monaten folgte eine “Open-label” Phase von 6 Monaten, in der alle
Patienten, also auch die der Plazebo-Gruppe, einmal täglich 800 mg Chondroitinsulfat erhielten. Das
Gelenkknorpelvolumen und die Knochenmarksläsionen wurden durch ein MRI zu Beginn der Studie, nach 6 Monaten und
nach 12 Monaten bewertet. Die Dicke der Kapselmembran des Kniegelenks wurde zu Beginn und nach 6 Monaten der
Studie bewertet.
Resultate: Die Chondroitinsulfat-Gruppe zeigte einen signifikant geringeren Knorpelvolumenverlust als
Plazebo nach 6 Monaten für das gesamte Knie, das laterale Kompartment und das Plateau des Schienbeinknochens.
Die Signifikanz setzte sich bis zum 12. Monat fort. Es wurden nach 12 Monaten ebenso signifikant geringere
Knochenmarksläsionen in der Verum-Gruppe gefunden.
Schlussfolgerung: Die Behandlung mit Chondroitinsulfat reduzierte signifikant den Knorpelverlust im Knie bei
Osteoarthritis, beginnend ab dem 6. Monat der Behandlung. Knochenmarksläsionen wurden ab dem 12. Monat
verbessert. Diese Befunde lassen auf einen protektiven Effekt von Chondroitinsulfat schließen. Sie geben neue
in vivo Informationen über den Wirkmechanismus von Chondroitinsulfat bei Osteoarthritis.
Diskutieren Sie mit! Aufgrund vieler Nachfragen, habe ich weitere Infromationen im Blogbeitrag
zu Chondroitin veröffentlicht. Dort dürfen Sie auch gerne Ihre Erfahrungen und Meinungen
hinterlassen. Klicken Sie einfach hier.
Weitere Nahrungsergänzungsmittel die auch bei Arthrose helfen können wären: MSM - Grünlippmuschel und Enzyme im
akuteren Enzündungsstadium (z.B. Wobenzym oder Phlogenzym).
Abgesehen von Nahrungsergänzungsmitteln wie Chondroitin, Chondroitinsulfat oder anderen Mittel... eine
Übersäuerung der Körpers sollte geprüft
werden!
Und Ja: Ich empfehle auch bei fortgeschrittenen Arthroseleiden eine "Umstimmung" durch Heilfasten.
Dieser Beitrag wurde letztmalig am 02.08.2012 aktualisiert
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