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Eine neue Studie sorgt gerade für Schlagzeilen: Sucralose und Stevia veränderten Darmflora, bakterielle Stoffwechselprodukte und bestimmte Stoffwechselmarker – und einiges davon war sogar noch bei den Nachkommen nachweisbar. Ein Beweis dafür, dass Süßstoffe beim Menschen „vererbbare Stoffwechselschäden“ verursachen, ist das nicht. Harmlos finde ich die Sache dennoch ganz und gar nicht. Vor allem bei Sucralose nicht.

Bei Light-Produkten funktioniert das Marketing seit Jahrzehnten nach einem verblüffend einfachen Prinzip:

Zucker raus, Süßstoff rein = Kalorien gespart = Problem gelöst.

Nur hat unser Stoffwechsel leider die lästige Angewohnheit, sich nicht nach den Werbeabteilungen der Lebensmittelindustrie zu richten…

Und genau deshalb ist eine neue Studie aus dem Jahr 2026 interessant, die seit Ende August erneut durch die Medien geht. Forscher untersuchten, was passiert, wenn Mäuse über längere Zeit Sucralose beziehungsweise Stevia erhalten – und was anschließend bei ihren Nachkommen zu beobachten ist.

Das Ergebnis lässt sich in einem Satz zusammenfassen:

Kalorienfrei bedeutet nicht biologisch wirkungslos.

Und bei Sucralose fällt das Ergebnis deutlich unangenehmer aus als bei Stevia.

Was die Forscher tatsächlich gemacht haben

Die Studie erschien bereits im April 2026 in Frontiers in Nutrition. Untersucht wurden zunächst 47 männliche und weibliche Mäuse. Sie erhielten entweder normales Wasser, Wasser mit Sucralose oder Wasser mit Stevia.

Die Konzentration betrug jeweils 0,1 mg pro Milliliter Trinkwasser. Die Autoren schätzen daraus eine Aufnahme von ungefähr 5 bis 15 mg pro Kilogramm Körpergewicht und Tag.

Nach sechs Wochen wurden die Tiere miteinander verpaart. Anschließend untersuchten die Forscher nicht nur diese Elterngeneration, sondern auch deren Nachkommen F1 und schließlich die zweite Nachkommengeneration F2.

F1 und F2 bekamen später selbst kein mit Süßstoff versetztes Trinkwasser.

Gemessen wurden unter anderem die Glukosetoleranz, die Zusammensetzung des Darmmikrobioms, kurzkettige Fettsäuren sowie die Aktivität verschiedener Gene in Darm und Leber.

Und dann wurde es interessant

Bei der Elterngeneration waren die Veränderungen des Blutzuckers zunächst nicht besonders spektakulär. Bei den Nachkommen sah die Sache anders aus. Vor allem in der Sucralose-Gruppe zeigten männliche Tiere der ersten und zweiten Nachkommengeneration Veränderungen der Glukoseregulation. Bei den männlichen F2-Tieren lag beispielsweise der Nüchternblutzucker höher als bei den Kontrollen.

Das allein wäre noch kein Grund, die Sirenen anzuwerfen. Die Tiere entwickelten dadurch keinen nachgewiesenen Diabetes. Interessanter wird es, wenn man die übrigen Befunde dazunimmt.

Sucralose veränderte die Zusammensetzung des Darmmikrobioms deutlich stärker als Stevia. In der ersten Nachkommengeneration unterschieden sich in der Sucralose-Gruppe zahlreiche Bakteriengruppen von den Kontrollen. Selbst in der zweiten Nachkommengeneration waren noch Unterschiede nachweisbar.

Gleichzeitig sanken verschiedene kurzkettige Fettsäuren. Und genau diese Stoffe sind keineswegs irgendein bedeutungsloser Abfall aus dem Dickdarm. Acetat, Propionat und vor allem Butyrat gehören zu den wichtigsten Stoffwechselprodukten unserer Darmflora. Sie spielen unter anderem für Darmschleimhaut, Immunregulation und Stoffwechsel eine Rolle.

Mit anderen Worten: Die Mäuse hatten nicht einfach nur eine etwas „andere Darmflora“. Auch das, was diese Darmflora produzierte, hatte sich verändert.

Entzündungsgene verändert – bis in die Nachkommen

Noch interessanter wurde es bei der Genaktivität. Unter Sucralose waren im Darm unter anderem TLR4 und TNF stärker exprimiert. Beide stehen mit entzündlichen Signalwegen in Zusammenhang. Diese Veränderungen fanden sich nicht nur bei der Elterngeneration, sondern teilweise auch bei deren Nachkommen.

Auch das Gen SREBP1, das an der Stoffwechselregulation beteiligt ist, zeigte Veränderungen, die teilweise bis zur zweiten Nachkommengeneration nachweisbar waren. Bei Stevia sah man ebenfalls Veränderungen, sie waren jedoch insgesamt schwächer und weniger dauerhaft.

Das ist für mich einer der entscheidenden Punkte dieser Arbeit: Sucralose zeigte über mehrere untersuchte Ebenen hinweg die deutlich hartnäckigeren Effekte.

Aber Moment: Sind die Schäden nun wirklich „vererbbar“?

„Süßstoffe schädigen Ihre Enkel.“ — könnte eine plakative Schlagzeile sein.

Aber die Kausalität stimmt so nicht wirklich. Denn wenn eine trächtige Maus einen Stoff bekommt, wird nicht nur die Mutter exponiert. Auch der Embryo ist betroffen – und im Embryo entstehen bereits jene Keimzellen, aus denen später wiederum die nächste Generation hervorgehen kann.

Deshalb ist F2 bei einer solchen Versuchsanordnung nicht automatisch der Beweis einer echten transgenerationalen Vererbung. Dafür müsste man unter diesen Bedingungen noch weiter bis zur F3-Generation schauen und vor allem die Mechanismen genauer untersuchen.

Hinzu kommt: Mikrobiomveränderungen können bei Geburt, Säugezeit und engem Kontakt von Mutter auf Nachwuchs übertragen werden. Man braucht also nicht einmal zwingend eine Veränderung der DNA, um einen biologischen Effekt in der folgenden Generation zu sehen.

Ich würde aber sicher behaupten wollen: Einen „generationenübergreifenden Effekt“ haben wir…

Aber die eigentliche Frage lautet doch (auch noch):

Warum hinterlässt ein angeblich so wunderbar unproblematischer Zuckerersatz überhaupt derartige Spuren?

Sucralose: Ich halte davon NULL

Wer meine Beiträge seit längerem liest, kennt meine Position. Von Sucralose halte ich NULL. Und diese Studie macht meine Begeisterung dafür nicht größer.

Ich habe bereits ausführlich über die Gefahren und möglichen Nebenwirkungen von Sucralose berichtet. Ebenso habe ich mich grundsätzlich mit den bittersüßen Nebenwirkungen der Süßstoffe beschäftigt.

Warum bin ich bei Sucralose so deutlich? Nicht deshalb, weil nach einem Schluck Light-Limonade jemand tot umfällt. Das ist nicht die wirkliche Frage.

Die Frage ist, welchen vernünftigen Grund es gibt, einen Stoff regelmäßig zu konsumieren, der keinerlei ernährungsphysiologischen Nutzen besitzt, dessen Wechselwirkungen mit Mikrobiom und Stoffwechsel zunehmend komplizierter erscheinen und bei dem inzwischen sogar die europäischen Behörden beim Erhitzen offene Fragen sehen.

Und nur zur Erinnerung: Sucralose wird in Fertigprodukten, Proteinpulvern, Getränken, „Fitness“-Produkten, Süßigkeiten, Soßen und zahllosen angeblich gesundheitsbewussten Lebensmitteln eingesetzt. Der Verbraucher bekommt ein Produkt mit dem Etikett „zuckerfrei“ und soll daraus gedanklich gleich „gesund“ machen. Guter Trick. Nur klappen muss er. Leider tut das Trick bei den meisten Konsumenten…

Wenn Sie wissen möchten, bei welchen Lebensmitteln sich der vermeintlich „gesunde Ersatz“ bei genauerem Hinsehen als ziemlich schlechte Idee entpuppt, dann tragen Sie sich auch in meinen Ernährungs-Newsletter ein. Dort zeige ich unter anderem drei Lebensmittel, die ich in meiner Praxis besonders kritisch sehe:

Und was ist mit Stevia?

Stevia würde ich ausdrücklich nicht einfach zusammen mit Sucralose in einen Topf werfen. Darüber habe ich bereits vor Jahren in meinem Beitrag „Stevia – die Zucker-Alternative?“ geschrieben.

Schon damals war mein Einwand: Zwischen einer Stevia-Pflanze und hochgereinigten, industriell isolierten Steviolglycosiden besteht ein Unterschied. In der neuen Mäusestudie zeigte auch die Stevia-Gruppe Veränderungen. Beispielsweise war bei weiblichen Tieren der zweiten Nachkommengeneration der Nüchternblutzucker erhöht. Auch bei den kurzkettigen Fettsäuren gab es Auffälligkeiten.

Die Effekte auf Darmflora und Genaktivität waren jedoch insgesamt weniger ausgeprägt als unter Sucralose. Die entzündungsbezogenen Genveränderungen normalisierten sich bei Stevia in der zweiten Generation wieder.

Deshalb wäre die Schlagzeile „Stevia genauso gefährlich wie Sucralose“ aus meiner Sicht durch diese Arbeit überhaupt nicht gerechtfertigt.

Das bedeutet umgekehrt aber auch nicht, dass jedes beliebige hochkonzentrierte Stevia-Produkt automatisch gesund ist, nur weil die Ausgangspflanze aus Südamerika stammt. „Natürlich“ ist auch kein Freibrief, aber „synthetisch und kalorienfrei“ eben genauso wenig.

Auch die Dosierungsangabe der Studie hat einen Haken

Ein Punkt hat mich bei der Arbeit besonders stutzig gemacht. Die Autoren schreiben, ihre Dosierung entspreche ungefähr dem von der US-amerikanischen FDA festgelegten ADI für Sucralose von 15 mg pro Kilogramm Körpergewicht.

Das stimmt so nicht – jedenfalls wenn ich das richtig verstanden habe. Die FDA nennt für Sucralose 5 mg pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. 15 mg/kg ist der europäische ADI der EFSA.

Bei Steviolglycosiden wiederum liegt der ADI bei 4 mg/kg – allerdings ausgedrückt als Steviol-Äquivalente. Das ist chemisch nicht einfach dasselbe wie irgendeine nicht näher charakterisierte Menge eines als „Stevia“ bezeichneten Produktes.

Und jetzt wird es für den Menschen interessant

Der übliche Einwand lautet natürlich: „Das sind doch nur Mäuse.“ Ja… schon. Deshalb darf man aus dieser Arbeit keine menschlichen Diabetesfälle, Fehlbildungen oder vererbten Krankheiten konstruieren. Nur ist die Mausarbeit eben nicht der einzige Hinweis darauf, dass Süßstoffe biologisch mehr tun können als nur süß zu schmecken.

Bereits 2022 erschien eine randomisierte kontrollierte Studie mit 120 gesunden Erwachsenen. Die Teilnehmer erhielten zwei Wochen lang Saccharin, Sucralose, Aspartam oder Stevia – und zwar in Mengen unterhalb der jeweils erlaubten täglichen Aufnahmemengen.

Das bemerkenswerte Ergebnis: Alle untersuchten Süßstoffe veränderten auf unterschiedliche Weise das Darm- und Mundmikrobiom sowie Teile des Stoffwechsels.

Bei Saccharin und Sucralose verschlechterte sich zusätzlich auf Gruppenebene die Reaktion auf Glukose. Auch das bedeutet nicht, dass jeder Sucralose-Konsument Diabetes bekommt. Es bedeutet aber sehr wohl, dass man den alten Satz „Süßstoffe gehen praktisch unverändert durch den Körper und sind metabolisch bedeutungslos“ so langsam in Rente schicken darf.

Selbst die WHO empfiehlt Süßstoffe nicht mehr zum Abnehmen

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass selbst die Weltgesundheitsorganisation inzwischen davon abrät, nichtkalorische Süßstoffe zur langfristigen Gewichtskontrolle einzusetzen. Ja… ich weiß… die WHO. Aber viele glauben alles was von der WHO kommt.

Also: die WHO verweist darauf, dass sich daraus langfristig kein überzeugender Vorteil für die Gewichtskontrolle ergibt und Beobachtungsdaten sogar Zusammenhänge mit Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und erhöhter Sterblichkeit zeigen. Wichtig: Die WHO bezeichnet diese Empfehlung ausdrücklich als bedingt. Sie ist auch keine toxikologische Neubewertung der einzelnen Süßstoffe.

Die EFSA hält Sucralose weiter für sicher – mit einem bemerkenswerten „Aber“

Der Vollständigkeit halber: Die europäische Lebensmittelbehörde EFSA hat Sucralose Anfang 2026 erneut bewertet und den bisherigen ADI von 15 mg/kg Körpergewicht bestätigt. Nach ihrer Bewertung liegen die üblichen Aufnahmemengen in Europa darunter. Damit könnte man die Sache eigentlich für erledigt erklären.

Eigentlich… Denn im selben Gutachten räumt die EFSA ein, dass beim längeren Erhitzen von Sucralose Unsicherheiten bestehen. Konkret geht es um mögliche chlorhaltige Reaktions- beziehungsweise Abbauprodukte. Und die Behörde schreibt ausdrücklich, dass diese Unsicherheit auch beim Backen und Braten im Haushalt gilt. Aha! Das finde ich zumindest bemerkenswert für einen Stoff, der jahrelang gerade auch als Zuckerersatz zum Kochen und Backen angepriesen wurde.

Das eigentliche Problem: Wir wollen den süßen Geschmack nicht aufgeben

Und damit komme ich zu dem Punkt, der in fast allen Süßstoffdiskussionen verloren geht. Wir versuchen ständig, Zucker durch etwas anderes zu ersetzen, ohne unser Bedürfnis nach extremer Süße zu verändern.

Zucker raus –> Aspartam rein.

Aspartam raus –> Sucralose rein.

Sucralose raus –> Steviolglycoside rein.

Dann vielleicht Erythrit, Xylit oder der nächste Stoff, der gerade durch die Marketingabteilung geschoben wird?

Ich halte das langfristig für den falschen Ansatz. Wer seine Ernährung wirklich verändern möchte, sollte nicht nur die Kalorienquelle austauschen. Man sollte sich wieder an weniger Süße gewöhnen. Das dauert einige Wochen. Danach schmecken viele Produkte, die vorher vollkommen normal erschienen, plötzlich geradezu absurd süß.

Mein Fazit

Klar scheint zu sein: Eine längerfristige Süßstoffaufnahme kann offenbar biologische Veränderungen anstoßen, die nicht zwingend mit dem letzten Schluck des süßen Getränks verschwinden.

Bei den Mäusen betraf das Darmflora, kurzkettige Fettsäuren, bestimmte Entzündungs- und Stoffwechselgene sowie Teile der Glukoseregulation. Und manche Effekte waren noch in nachfolgenden Generationen messbar. Sucralose fiel dabei deutlich negativer auf als Stevia.

Für mich ändert die Studie deshalb weniger meine Meinung als vielmehr die Zahl der Fragezeichen hinter einem Stoff, von dem ich ohnehin nichts halte.

Sucralose? Für mich weiterhin: NULL.

Und wer seinen Zuckerkonsum reduzieren will, sollte meiner Ansicht nach nicht nach dem nächsten 600-mal süßeren Ersatzstoff suchen.

Die bessere Lösung ist wesentlich unspektakulärer:

Weniger süß essen.

Das bekommt zwar keine bunte „Zero“-Aufschrift.

Aber unser Stoffwechsel könnte durchaus etwas damit anfangen.

Gerade bei Ernährung, Zusatzstoffen und angeblich „gesunden“ Ersatzprodukten lohnt es sich, genauer hinzusehen. Wenn Sie solche Studien und Entwicklungen ohne Werbeprospekt und ohne tägliches Gesundheitsblabla verfolgen möchten, dann empfehle ich Ihnen meinen kostenlosen Praxis-Newsletter „Unabhängig. Natürlich. Klare Kante.“: