Trockenfasten? Nein Danke.
In Fastenkreisen taucht seit einiger Zeit immer wieder eine Behauptung auf, die sich offenbar prächtig verbreitet: Ein Tag Trockenfasten solle angeblich ungefähr so viel bewirken wie drei Tage Wasserfasten.
Das klingt beeindruckend und einige Studien scheint es auch dazu zu geben.
Nur: Ich bin sehr skeptisch. Der menschliche Körper funktioniert nicht nach solchen „Rabattmodellen“.
Nur mal kurz was Trockenfasten bedeutet: keine feste Nahrung und keine Flüssigkeit. Kein Wasser, kein Tee, keine Brühe. Nichts. Der Organismus wird also nicht nur in den Fastenstoffwechsel geführt, sondern gleichzeitig in einen massiven Regulationsdruck beim Wasserhaushalt, beim Kreislauf, bei den Elektrolyten und bei der Nierenarbeit.
Und genau hier beginnt mein Problem mit dieser Methode.
Ich begleite seit über 25 Jahren Fastengruppen. Meine Erfahrung ist klar: Rund 90 Prozent der Teilnehmer bringen die eine oder andere Beschwerde mit. Das sind keine kerngesunden Askese-Athleten, die mal eben testen wollen, wie weit man den Körper reizen kann. Da kommen Menschen mit Bluthochdruck, Erschöpfung, Gelenkbeschwerden, Verdauungsproblemen, Schlafstörungen, Migräne, Wechseljahresbeschwerden, Stoffwechselproblemen, Medikamenteneinnahme, Schilddrüsenthemen oder schlicht mit einem Körper, der seit Jahren zum Teil völlig überfordert ist. Viele dieser Menschen kennen gar keinen Fastenstoffwechsel, keine Autophagie, usw. mehr. Viele Enzyme die dazu benötigt werden, können diese Menschen gar nicht mehr adhoc produzieren. Das dauert.
Und diesen Menschen soll man dann auch noch das Wasser entziehen?
Aus meiner Sicht wäre das bei den allermeisten Teilnehmern kein „therapeutischer Fortschritt“, sondern ein unnötiges Risiko mit hoher „Nebenwirkungsrate“.
Schon die Entlastungstage sind für manche bereits eine Herausforderung. Kaffee weg, Zucker weg, weniger Brot, weniger „Gewohnheit“ usw. Da merkt man bereits, wie stark der Körper und oft auch der Kopf an den täglichen Routinen hängen. Manche bekommen Kopfschmerzen, Kreislaufprobleme, Gereiztheit, Müdigkeit oder Verdauungsreaktionen. Das ist nicht ungewöhnlich, aber es zeigt: Fasten ist bereits mit Wasser eine Umstellung.
Warum also die Schraube noch weiter anziehen?
Fasten soll entlasten und letztlich den Fastenstoffwechsel erreichen. Es soll dem Körper Raum geben, Stoffwechselprozesse zu ordnen, Verdauungspause zu schaffen, Insulinspiegel zu senken, Entzündungsprozesse zu beruhigen und Regeneration zu ermöglichen. Dafür braucht es keinen künstlichen Härtegrad. Der Körper muss nicht erst in einen Durststress geraten, damit Fasten „richtig“ wirkt.
Ich halte diese moderne Suche nach immer extremeren Fastenformen ohnehin für fragwürdig. Heute reicht vielen das klassische Heilfasten nicht mehr. Es muss trockener, länger, radikaler, ketogener, kälter, härter sein. Am besten noch mit Atemtechnik, Eisbad und App zur Messung der spirituellen Zellreinigung. Manchmal frage ich mich, ob hier wirklich Heilung gesucht wird oder eher das nächste Leistungsabzeichen im Selbstoptimierungszirkus. Das Gegenteil ist leider auch der Fall: Menschen die sich rund um die Uhr alles reinstopfen…
Natürlich kann es Menschen geben, die kurzes Trockenfasten gut vertragen. Gesunde, erfahrene Personen, bei guter Vorbereitung, kurzer Dauer und ohne relevante Vorerkrankungen. Das will ich gar nicht abstreiten. Aber daraus eine allgemeine Empfehlung zu machen, halte ich für falsch.
Besonders vorsichtig wäre ich bei Nierenschwäche, Gicht, Herz Kreislauf Erkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes, Migräne, starker Erschöpfung, höherem Alter, Medikamenteneinnahme, Hitze oder körperlicher Belastung. Gerade die Niere ist kein Organ, das man beim Fasten nebenbei ignorieren sollte. Sie braucht Durchblutung und Flüssigkeit, um Stoffwechselprodukte auszuscheiden. Wer ausgerechnet beim „Entgiften“ das Wasser weglässt, sollte schon sehr gute Gründe haben.
Meine Position ist deshalb klar:
Für die meisten Menschen ist klassisches Heilfasten mit ausreichend Flüssigkeit, Ruhe, Bewegung, Darmunterstützung, Leberwickel, guter Begleitung und vernünftigem Kostaufbau vollkommen ausreichend. Mehr noch: Es ist in vielen Fällen (für mich) der klügere Weg.
Fasten wirkt nicht besser, weil man es extremer macht. Es wirkt besser, wenn es zum Menschen passt.
Und genau das wird in vielen Trockenfasten-Diskussionen vergessen. Da wird von Autophagie, Ketonen, Zellreinigung und „tiefer Entgiftung“ gesprochen, während der reale Mensch mit Kopfschmerzen, niedrigem Blutdruck, Medikamentenplan, Schlafmangel und zwei Jahrzehnten Stressgeschichte vor einem sitzt.
Deshalb empfehle ich Trockenfasten nicht als Standard. Schon gar nicht für Menschen mit Beschwerden. Wer fasten möchte, sollte zuerst lernen, gut und richtig zu fasten. Mit Wasser, mit Vorbereitung und auch den richtigen UNterstützungsmitteln. Alles andere kann schnell nach hinten losgehen.
Rene Gräber:
Ihre Hilfe für die Naturheilkunde und eine menschliche Medizin! Dieser Blog ist vollkommen unabhängig, überparteilich und kostenfrei (keine Paywall). Ich (René Gräber) investiere allerdings viel Zeit, Geld und Arbeit, um ihnen Beiträge jenseits des "Medizin-Mainstreams" anbieten zu können. Ich freue mich daher über jede Unterstützung! Helfen Sie bitte mit! Setzen Sie zum Beispiel einen Link zu diesem Beitrag oder unterstützen Sie diese Arbeit mit Geld. Für mehr Informationen klicken Sie bitte HIER.


Rene Gräber:
Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns deinen Kommentar!