Geschichte des Heilfastens

Religiöses Fasten in Indien, Israel, Islam und im Christentum

Das Fasten ist bei allen Weltreligionen ein fester Bestandteil. Dabei kommt das Fasten in einer Vielzahl von Formen vor und wird zu den verschiedensten Zeiten und Anlässen ausgeübt. Wenn man sich das Fasten einmal im Hinblick auf die Dauer der Nahrungsmittelenthaltung anschaut, bieten aus religionsgeschichtlicher Sicht vor allem die Praktiken im alten Indien, in Israel, im frühen Christentum sowie im Islam eine wichtige Rolle.

Das Fasten im alten Indien

Eine besonders extreme Form des asketischen Fastens gibt es im Jainismus. Neben dem Buddhismus und dem Hinduismus ist der Jainismus die dritte große Religion in Indien. In der Lehre der Jainas existiert auch ein System zur Vernichtung des Karmas. In diesem System stellt der freiwillige Hungertod die höchste Stufe der Selbstaufgabe dar. Das asketische Fasten bis zum Tode ist dabei alleine den Mönchen vorbehalten, die dadurch zur Erlösung, dem "moksha", gelangen. Hierzu gibt es verschiedene Lehrbücher, die beschreiben, wie man dieses Ziel erreichen kann. Das "Bhattaparinna" enthält die wichtigsten Gesetze zum Nahrungsverzicht. Der größere Verzicht auf Speisen und Getränke wird im "Mahapachchakkhana" gelehrt und im "Kanagavalli" wird ein System mit verschiedenen Fastenübungen über 522 Tage beschrieben.

Auch die Hindus kennen das asketische Sterben durch den Hungertod. Dieses kommt insbesondere in der hinduistischen Lehre des "Präyopagamana" vor und wird im "Akaranga Sutra" ausgeführt. Im "Avakabiya" wir ein freiwilliges lebenslanges Fasten beschrieben und das "Marcana-kala" ist die Lehre, wie man langsam bis zum Tode fasten kann.

Heute wird oft vor religiösen Festen gefastet "um die Seele zu reinigen", Wünsche und Gefühle zu beherrschen sowie Buße zu tun. In manchen hinduistischen Richtungen wird an einem speziellen Wochentag gefastet, um durch den Verzicht auf Nahrung diesen Tag seinem Gott ein Geschenk zu machen und ihm auf diese Weise näherzu kommen. Fasten ist in Indien auch oft politisch motiviert: So hat Mahathma Gandhi das Fasten zu einer Form des "Satyagraha" erklärt, einer Geisteshaltung, mit der man durch eigene Gewaltlosigkeit und die Bereitschaft, Schmerz und Leid auf sich zu nehmen, an das Gewissen des Gegners appelliert. Gefastet wird so medienwirksam gegen politische Unterdrückung, Verfolgung von Religionen oder Korruption. 

Fasten im alten Israel

Im alten Testament wird das Fasten aus verschiedenen Gründen beschrieben. So gilt es als Ausdruck der Trauer, sowie der Buße und Umkehr. Auch zum Zwecke einer ungestörten und intensiven Gemeinschaft mit Gott wurde gefastet. Außerdem wird im alten Testament zwischen dem Fasten Einzelner oder des gesamten Volkes Israel unterschieden. Dabei wurde oft durch zusätzliche Zeichen nach außen sichtbar gemacht, indem auf angemessene Kleidung oder das tägliche Waschen verzichtet wurde.

Zum ersten Mal wird das Fasten erwähnt, als Mose den Berg bestieg, um von Gott die Gesetzestafeln zu empfangen. Dort war er 40 Tage und 40 Nächte mit dem Herrn allein(5. Mo 10,10). Das gesamte Volk fastete erstmals, als Israel von Benjamin geschlagen wurde. Das Synedrion war das höchste Gericht im alten Israel und schrieb zu verschiedenen Zeiten des Jahres bestimmte Fastentage vor. Dabei handelte es zumeist um Tage der Trauer. Unter anderem wurde am Todestag von Gedalja, dem Statthalter Judäas gefastet. Auch der Tag, an dem die Gesetzestafeln zerbrochen wurden, zählte als Fastentag. Diese Fastentage waren für das gesamte Volk Pflicht.

Außerdem wurde auch bei Naturkatastrophen wie langer Trockenheit ein allgemeines Fasten angeordnet. Das Fasten begann dann montags oder donnerstags und dauerte zunächst drei Tage. Dabei wurde das Fasten allerdings von Tagen der Nahrungsaufnahme unterbrochen. Stellte sich weiterhin kein Regen ein, wurde die Dauer des Fastens zunächst auf sieben Tage und später auf sieben Wochen ausgedehnt. Es war während dieser Zeit nur an Festtagen erlaubt Nahrung zu sich zu nehmen. Der Spruch: "Man soll die Feste feiern, wie Sie fallen" entstammt aus dieser Zeit.

Das Fasten des Einzelnen wird in vielen Teilen des Alten Testaments beschrieben. In der Elias-Apokalypse wird das Fasten verherrlicht als "von Gott geschaffen". Ein wichtiges Merkmal frommer Ideale stellte das lebenslange Fasten, das tägliche Fasten, das jahrelange Trauerfasten der Judith sowie das Witwenfasten der Hanna dar. Im Psalm 109, 24 kommt der Satz "Vom vielen Fasten bin ich so schwach geworden, dass meine Beine zittern, und ich bin abgemagert bis auf die Knochen" vor. Gesprochen hat ihn Rabbi Zadoq, der sich 40 Jahre ausschließlich vom Aussaugen einiger getrockneter Feigen ernährt hatte. Nachdem er nur noch wie ein Skelett aussah, päppelten ihn die Ärzte mit Wasser und Schrotmehl wieder auf.

Bereits im Alten Testament wurde das Fasten teilweise verurteilt, wenn dies nicht mit Gehorsam, Almosengeben und Gerechtigkeit einherging (z. B. Jes 58, 1-12). Zudem gab es auch einige kritische Anmerkungen, die anprangerten, dass das Fasten die Kraft des Menschen schwäche.

Fasten im Islam

Der islamische Fastenmonat Ramadan hat seinen Ursprung im jüdischen Versöhnungsfest. Der Prophet Mohammed hatte sich mit seinen Gefährten zunächst am Versöhnungstag den um Medina sesshaften Juden angenähert. Gemeinsam fasteten sie von Sonnenaufgang diesen Tages bis zum Sonnenuntergang des nächsten Tages. Im Ramadan wird allerdings nur von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gefastet. Dies betrifft auch sexuelle Handlungen, die während des Ramadan ebenfalls nur nachts ausgeübt werden dürfen. Zudem gibt es besondere Vorschriften, was das Waschen betrifft.

Fasten im Christentum

Im Christentum ging die Praxis des strengen Fastens im Laufe der Zeit weitestgehend verloren. Nur noch vereinzelt finden sich im frühen Christentum Hinweise auf das Fasten. Bei Johannes von Antiochia, Erzbischof von Konstantinopel (344-407), ist zu lesen: "Das Fasten ist Nahrung der Seele, es zügelt die Unmäßigkeit der Sprache und schließt die Lippen, es zähmt die Wollust und besänftigt das cholerische Temperament, es weckt das Urteil, macht den Körper geschmeidig, verjagt nächtliche Träumereien, heilt Kopfschmerzen und heilt die Augen". Der heilige Athanasius (295-373) hatte das Fasten zudem als "Speise der Engel" bezeichnet. Papst Leo der Große forderte eine strenge Einhaltung der 40-tägigen Fastenzeit. Karl der Große verhängte sogar Todesstrafen für den Fall, dass kirchliche Fastengebote missachtet wurden.

Während der Jahre kam es bei einzelnen Gruppen zu Sonderformen des Fastens. So übten die mazedonischen Bogomilien im 10. Jahrhundert eine strenge Gebets- und Fastenpraxis aus. Sie verzichteten bis auf Fisch auf alle Speisen, die durch Zeugung entstanden sind. Zudem zerzehrten sie an den Fastentagen Montag, Mittwoch und Freitag, sowie in der ersten und letzten Woche der vorweihnachtlichen und vorösterlichen Fastenzeit, ausschließlich Wasser und Brot.

Das auch heute noch bestehende 40-tägige Fasten vor Ostern soll an das Leiden, das Fasten und das Beten von Jesus in der Wüste erinnern. Allerdings soll in dieser Zeit lediglich auf Süßigkeiten, Alkohol und Genussmittel verzichtet werden. Streng genommen gibt es auch vor dem Weihnachtsfest eine Fastenzeit von 40 Tagen, diese wird aber im Christentum kaum noch praktiziert.

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