Der ständig volle Bauch macht Stress und braucht Erholung

Wunder gibt es immer wieder – so ein Titel eines alten Schlagers von Katja Ebstein… Und ich wundere mich auch immer wieder über Bücher und Artikel, die Zusammenhänge beschreiben, die an Plausibilität kaum zu überbieten sind, aber trotzdem das Pferd vom falschen Ende aufzäumen.

Ich beziehe mich hier auf die Aussage, dass eine „normale“ (gibt es hier auch anormale?) FDH-Kur (friss die Hälfte) deswegen schädlich sei, weil diese angeblich immer zu einem erhöhten Cortisolspiegel führe. Und hohe Cortisolspiegel sind angeblich immer gefährlich. Nicht umsonst wird vor extensiven Cortisol-Behandlungen mit entsprechenden Medikamenten gewarnt.

Wo kommt denn diese überwältigende Erkenntnis her?

Märchenstunde aus dem Land des unbegrenzten BMI

Es gibt Entwarnung aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, auch in Sachen Körpergewicht, wo inzwischen mehr als die Hälfte der Einwohner Pfunde auf die Waagen wuchten, die offensichtlich nach einer neuen Grenzwertbestimmung verlangen. Im Jahr 2010 wurde eine Arbeit veröffentlicht, die ganz klar nachweisen konnte, dass Kalorienrestriktion, Abnehmen, FDH und so weiter keine Alternative zur Fettleibigkeit sein kann, da es sich hier um Stress pur handelt. Und Stress ist ja ungesund:

Tomiyama et al.

Robert Wood Johnson Foundation Health und Society Scholars Program, University of California, San Francisco, USA.

„Low calorie dieting increases cortisol.“

Psychosom Med. 2010 May;72(4):357-64. Doi: 10.1097/PSY.00b013e3181d9523c.

https://ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20368473

Grund für das niederschmetternde Urteil der Autoren ist die Cortisolbestimmung, die bei 121 weiblichen Teilnehmern angeblich gemacht wurden. Denn bei den Frauen, die einer Kalorienrestriktion unterworfen waren, stellten die Autoren erhöhte Konzentrationen an Cortisol im Speichel fest. Für mich stellt sich an dieser Stelle die Frage, warum man nur Frauen in die Studie aufgenommen hat.

Auch die Stress-Tests (Fragebogen), die laut Aussagen der Autoren durchgeführt worden sind, beziehen sich von vornherein auf die Kalorienrestriktion. Oder mit anderen Worten: Man geht von der Prämisse aus, dass Kalorienrestriktion = Stress ist und das Kalorienzählen diesen Stress zusätzlich erhöht. Außerdem wurden die Teilnehmerinnen trainiert, die Cortisolbestimmung selbst vorzunehmen, ein nicht gerade übliches Verfahren in einer wissenschaftlichen Studie.

Diese Studie dient dann als Basis für eine Webseite, die den reizenden Titel „Pitfalls of Calorie Restriction“ (Fallstricke der Kalorienrestriktion) trägt. Hier wird die logische Weiterführung des Gedankens, den die Wissenschaftler anstießen, getätigt und die heißt: Diät und Kalorienrestriktion sind unnütz, da man davon nicht abnimmt, sondern nur zunimmt. Auch auf dieser Webseite spielen der Stress der Kalorienrestriktion und die erhöhten Cortisolspiegel die Hauptrolle und werden als Hauptursache für Gewichtszunahme bezeichnet.

Wenn man dieser Unterstellung Glauben schenkt, dann gibt es nur eine Erklärung für die vielen Übergewichtigen in den Staaten: Dort laufen nur deshalb so viele Dicke herum, weil alle zu wenig essen und darum zu viel Stress und Cortisol haben. Toll! Dementsprechend verquer verläuft dann auch der Beweisprozess auf dieser Webseite:

„Your adrenal glands can’t distinguish between a life-threatening emergency and modern stressors that are not life threatening, including calorie monitoring and restriction. For this reason, constant dieting can produce unrelenting stress, causing your brain to signal the adrenal glands to pump out too much cortisol too often. When this happens, an increase in insulin resistance can occur, ultimately leading to increased fat storage.“

Übersetzt:

„Ihre Nebennieren können nicht zwischen einer lebensbedrohlichen Notsituation und modernem Dauerstress unterscheiden, der nicht unmittelbar lebensbedrohlich ist, eingeschlossen Kalorienrestriktion und Kalorienzählen. Darum ist ein chronisches Fasten eine dauernde Quelle von Stress, der das Gehirn veranlasst, Signale an die Nebennieren zu senden, damit die zu oft zu viel Cortisol produzieren und ausschütten. Wenn das passiert, dann kann es zu einer Insulinresistenz kommen, die zu einem vermehrten Einlagern von Fetten in Depots führt.“

Gemäß dem Dogma der zuvor angeführten „wissenschaftlichen“ Arbeit wird Kalorienrestriktion auch hier als Stressfaktor geführt, ohne je bewiesen zu haben, dass die Kalorienrestriktion etwas mit Stress zu tun hat. Anscheinend ist hier auch nicht der physiologische Stress gemeint, sondern nur die Tatsache, dass der Hunger ein unangenehmes Gefühl ist, wird schon als Stress interpretiert.

Und besonders neu ist die „Erkenntnis“, dass eine Insulinresistenz zur Bildung von Fettdepots führt. Hier werden offensichtlich Ursache und Wirkung verwechselt. Denn die schon längst vorhandenen Fettdepots sind mit beteiligt an der Entwicklung einer Insulinresistenz, also genau umgekehrt.

Immerhin bemerkt diese Webseite zum Abschluss, dass die Alternative zur Kalorienrestriktion eher in der Verwendung von qualitativ hochwertigen Nahrungsmitteln besteht, eine Bemerkung, die ich voll unterschreiben kann. Und noch bemerkenswerter ist die Aussage, dass diese qualitativ hochwertigen Nahrungsmittel viel schneller satt machen, so dass der Betroffene weniger Kalorien zu sich nehmen muss als bei weniger guten Nahrungsmitteln.

Damit fiele der Stressfaktor weg. Sieh an… jetzt sind weniger Kalorien plötzlich doch kein Stress mehr. Dieser Gedanke zeigt, dass in der Vorstellungswelt der Autoren von Studie und Webseite nur das Hungergefühl für den Stress zuständig ist. Also wenn nur das unangenehme Gefühl des Hungers für Stress sorgt, dann hat der Organismus mit einiger Wahrscheinlichkeit keine großen Probleme mit einer Kalorienrestriktion – aus physiologischer Sicht gesehen. Und das müsste sich auch an den Cortisolspiegeln ablesen lassen.

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Wo geht es hier zur stressfreien und cortisolarmen Kalorienrestriktion?

Weder die oben aufgeführte Arbeit, noch die „Fallstrick“-Webseite bringen eine sinnvolle und verständliche Analyse des Problems. Dementsprechend oft werden Hypothesen als Argumentationsbasis verwendet, um das zu beweisen, was man bewiesen haben möchte: Kalorienrestriktion ist schlecht, sie schadet nur.

Auf meiner Suche nach der Frage, ob die Kalorienrestriktion Stress bedeutet für den Organismus, der ja anscheinend an der Menge des vom Organismus produzierten Cortisols gemessen wird, bin ich auf eine Reihe von Arbeiten gestoßen, die diesen Effekt nicht haben nachweisen können. Die Arbeit „Differences in Corticotropin-Releasing Hormone-Stimulated Adrenocorticotropin and Cortisol before and after Weight Loss “ zeigt an 34 gesunden, aber übergewichtigen Frauen (wieder keine Männer dabei), dass die Kalorienrestriktion einen Gewichtsverlust zeitigte, der mit einer Senkung der Cortisolspiegel verbunden war.

Eine Untersuchung vom Jahr 2012 an Rhesus-Affen ergab sogar, dass Kalorienrestriktion zur Reduktion von psychologischem Stress führt, die wiederum die Cortisolspiegel fallen ließ (Calorie restriction reduces psychological stress reactivity und its association with brain volume und microstructure in aged rhesus monkeys.).

Die Autoren der Arbeit „Neuroendocrine factors in the regulation of inflammation: excessive adiposity and calorie restriction.“ berichten von Cortisolspiegeln, die sich unter einer Kalorienrestriktion bei Tieren im oberen Normalbereich bewegen, also auch keine signifikante Erhöhung, die auf ein außerordentliches Stressgeschehen hinweisen würde. Dafür zeigte die Kalorienrestriktion eine Reihe von positiven Effekten, die den Krankheitsstress auf den Organismus milderten, wie entzündungshemmende Effekte besonders bei chronischen Entzündungen.

Eine etwas ältere Veröffentlichung aus dem Jahr 2002 (Calorie restriction in biosphere 2: alterations in physiologic, hematologic, hormonal, und biochemical parameters in humans restricted for a 2-year period.) beobachtete ebenfalls an einigen wenigen menschlichen Probanden, dass die Kalorienrestriktion eher zur Senkung der Cortisolspiegel beiträgt als zu deren Erhöhung.

Möglicher Grund für das Ausbleiben von Stress beim Fasten und bei der Kalorienrestriktion – in der  wissenschaftlichen Literatur wird fast ausschließlich die Kalorienrestriktion untersucht, weniger ein strenges Fasten mit Null Kalorien – liegt in der Anpassungsfähigkeit des Organismus an Ernährungsbedingungen.

Denn Nahrungsmangel ist kein Novum entwicklungsgeschichtlich gesehen. In grauer Vorzeit und als Jäger und Sammler waren unsere Vorfahren auf das angewiesen, was die Natur ihnen hergab beziehungsweise was sie erjagen konnten. Dabei können wir davon ausgehen, dass die Jagdopfer, Hirsche, Kaninchen und so weiter, sich nicht kooperativ verhielten und damit das Jagdergebnis nicht von vornherein zu Gunsten der Jäger ausfiel.

Also gab es immer wieder Phasen mit eingeschränkten Nahrungsmittelangeboten. Von daher scheint das Fasten und die Kalorienrestriktion mehr dem Essverhalten unserer Vorfahren zu entsprechen als der permanent voll gedeckte Tisch in der heutigen modernen Zeit. Und damit erscheint mir auch dieses Essverhalten das Natürlichere zu sein. Oder mit anderen Worten: Unser heutiges Essverhalten, wo wir häufig mehr Kalorien zu uns nehmen als wirklich notwendig sind, das ist Ernährungsstress, den wir mit unseren Zivilisationserkrankungen zu bezahlen haben. Dazu kommt dann noch, dass wir häufig „tote Kalorien“ zu uns nehmen in Form von allen möglichen Formen von Zuckern, die die Qualität der Nahrungsmittel herabsetzen und zu noch mehr Ernährungsstress beitragen.

Fazit

Es ist also genau anders herum: Nicht das Fasten oder die Kalorienrestriktion sind deswegen Stress, nur weil der Hunger etwas unangenehm ist, weil wir immer einen vollen Bauch gewöhnt sind.

Der immer volle Bauch ist Stress für den Organismus, da der diese Völle entwicklungsgeschichtlich (noch) nicht gewöhnt ist und dementsprechend gestresst mit Krankheiten reagiert.

Nicht zuletzt benötigt auch der Organismus ab und zu eine „Auszeit“, um sich zu regenerieren. Und das kann er am besten, wenn man ihn nicht mit Verdauungsaufgaben quält. Immerhin sind fast 80 Prozent der Immunzellen im Gastrointestinaltrakt beheimatet, die beim Fasten besonders und bei der Kalorienrestriktion teilweise entlastet werden und so Zeit haben, sich zu regenerieren.

Newsletter 5 Wundermittel von Rene Gräber

Dieser Beitrag wurde am 11.02.2021 erstellt.

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  1. Avatar

    Hallo
    Das können wir nicht bestätigen, im Gegenteil, ich habe über 20 kg abgenommen und mein Mann ist inzwischen auch bei seinem Idealgewicht. Wir kochen JEDEN Tag selbst, immer frische meist saisonale Zutaten, absolut keine Fertigprodukte außer ab und zu Nudeln, die Soße ist dann auch selbst gemacht. Wir backen unser eigenes Brot, möglichst Glutenfrei, einfach um unsere Darmwand nicht zu verkleben. Es gibt morgens immer einen Wildkräutercocktail mit dem was die Natur jetzt bietet, keinen Zucker, keinen Alkohol. Jeden Tag Bewegung ob Spazieren gehen, Trampolin oder rudern, etwas Yoga. Wir haben uns auf uns selbst besonnen seit Corona und es hat uns wunderbar gut getan, Alter lt. Ausweis mitte 60, biologisch gefühlt 40. Jeder muß sein Leben selbst in die Hand nehmen, auch mal Abstinenz von dem Medien-Sch… der macht die Leute nur kirre.

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