Otto Buchinger: Der Arzt, der Fasten zur Medizin machte
Otto Buchinger (1878–1966) war ein Pionier auf seinem Gebiet. Er war Arzt, Marinearzt während seiner Militärzeit. Aber vor allem war er jemand, der am eigenen Körper erlebt hat, wie schnell ein Mensch medizinisch „abgehakt“ werden kann, wenn die üblichen Werkzeuge nicht mehr greifen.
Was Dr. Buchinger später entwickelte, war nicht die nächste Modekur für den Strandkörper, sondern ein umfassendes therapeutisches Konzept. Geboren aus der Idee: Wenn mir niemand hilft, muss ich selbst etwas finden, das funktioniert.
Fasten war für ihn keine Idee. Es war seine Rettung und später auch für tausende seiner Patienten.
Kindheit, Studium und ein erstaunlich menschlicher Start
Otto Buchinger wurde am 16. Februar 1878 in Darmstadt geboren. Sein Vater war Regierungsrat, die Familie akademisch geprägt, der Weg schien vorgezeichnet. Kindheit und Jugend beschreibt man später als unbeschwert: Karl May, Waldwanderungen, Eislaufen, Käfer sammeln. Es klingt fast zu harmlos für jemanden, der später als unbequemer Grenzgänger zwischen Medizin, Lebensreform und Spiritualität bekannt wurde.
Und dann dieses Detail, das ich persönlich liebe, weil es ihn entmythologisiert: Buchinger hätte sein Abitur beinahe nicht bestanden. Mathematik ungenügend. Kein Wunderkind, kein Überflieger. Sondern ein junger Mann mit Ecken, der sich durchbeißt.
1897 begann er zunächst mit Jura in Gießen, wechselte aber bald zur Medizin. Nicht aus romantischer Berufung, sondern aus einem ganz praktischen Grund: Die Vorlesungen begannen später am Morgen. Auch das macht ihn menschlich. Er war nicht der Typ „Heiliger in Weiß“. Er war ein Realist, ein Suchender, ein Beobachter.
In Gießen wurde er Korpsstudent. Die damaligen Trinksitten, dieses ritualisierte Saufen als „Männlichkeitsbeweis“, prägten ihn nachhaltig – allerdings nicht in der Weise, wie es das Korps vermutlich beabsichtigt hatte. Buchinger entwickelte eine deutliche Abneigung gegen den Trinkzwang. Diese frühe Erfahrung wird später noch wichtig, denn Buchinger war einer der wenigen Ärzte seiner Zeit, die Alkohol nicht als „Kultur“, sondern als Problem verstanden.
Marinearzt: Weltreise statt Kurpark
1902 trat Buchinger in den Dienst der Kaiserlichen Marine. Sein erster Einsatz auf hoher See war als Unterarzt auf einem Torpedoboot. Kurz darauf folgte die SMS Hertha, ein ostasiatisches Kreuzergeschwader. Er reiste über Aden, Ceylon, Singapur bis nach Tsingtau, weiter nach Korea, nach Wladiwostok, besuchte Japan – Nagasaki und Kyoto – und kam über Afrika zurück.
Man muss sich das vorstellen: Das war keine gemütliche Bildungsreise. Das war eine Welt, in der Hygiene, Tropenkrankheiten, Mangelversorgung, Stress und medizinische Improvisation Alltag waren. Buchinger lernte dort etwas, das man heute in vielen Arztpraxen vergeblich sucht: Demut vor dem Leben – und Respekt vor anderen Kulturen.
Er war nicht einer dieser deutschen Kulturmissionare, die damals durch die Welt liefen, als wäre Europa das Maß aller Dinge. Buchinger betrachtete fremde Völker und Kulturen als gleichwertig. Er nannte die Kolonialpolitik des Kaiserreichs einmal ein „Schuldbuch des weißen Mannes“. Das ist bemerkenswert. Und es passt zu seinem späteren Denken: Wer den Menschen als Ganzes sieht, kann ihn nicht gleichzeitig als Objekt betrachten.
Auf See hatte er Zeit. Er las Nietzsche, Goethe, beschäftigte sich mit Lebensreform, Askese, Monismus. Und er begann Vorträge zu halten – über Tropenhygiene, aber auch über Lebensführung. Das war kein Arzt, der nur Medikamente kannte. Das war ein Arzt, der früh verstand: Der Lebensstil ist keine Nebensache. Er ist die Bühne, auf der Krankheit entsteht oder Gesundheit zurückkehrt.
Die Alkoholfrage: Buchinger gegen den „normalen Wahnsinn“
Während seiner Marinezeit wurde für Buchinger die Alkoholfrage immer zentraler. 1909 trat er einem Marine-Alkoholgegnerbund bei und ließ sich mit seiner Frau in den Guttemplerorden aufnehmen. Er sah Abstinenz nicht als Moralpredigt, sondern als volkswirtschaftliches Heilmittel und als Grundlage für körperliche und geistige Klarheit.
Man kann darüber diskutieren, ob er damit manchmal zu missionarisch war. Aber eines ist sicher: Buchinger hatte früh verstanden, dass die Gesellschaft ihre chronischen Probleme gern mit „Normalität“ tarnt. Wenn alle trinken, ist Trinken normal. Wenn alle zu viel essen, ist Überessen normal. Wenn alle ständig stimuliert sind, ist Überstimulation normal.
Und genau da liegt der Kern seines späteren Fastenkonzepts: Fasten ist nicht nur „weniger Essen“. Fasten ist der radikale Gegenentwurf zur permanenten Reizüberflutung.
Der Absturz: Krankheit, Sepsis, Invalidität
Der Erste Weltkrieg begann, und wie viele seiner Generation zog auch Buchinger mit. Er diente zunächst an Bord eines Admiralschiffes, später wurde er Chefarzt eines Quarantäne-Festungslazaretts in Cuxhaven.
1917 kam ein entscheidender Wendepunkt.
Im September erkrankte er an einer Mandelentzündung, die sich zu einem septischen Gelenkrheumatismus entwickelte, inklusve Sepsis und Lebensgefahr. Danach kam eine Invalidität. Buchinger überlebte – aber nicht als „gesundet“, sondern als gebrochener Mann. Er ging an zwei Stöcken. Seine Leber funktionierte kaum noch. Er war bord- und garnisonsdienstunfähig. 1918 wurde er aus dem aktiven Dienst entlassen, mit dem Titel Marine-Generaloberarzt.
Buchinger war also immer noch Arzt der aber selbst ein Patient mit einem „schweren Fall war“. Die Medizin, die er gelernt hatte, konnte ihm nicht helfen.
Eine Kur im Wiesbadener Offiziersgenesungsheim verlief erfolglos. Für Buchinger muss das eine Enttäuschung gewesen sein, die in Verzweiflung. mündete. Die Frage stand im Raum: Was wird aus meinem Leben, wenn ich körperlich am Ende bin?
Das ist der Moment, in dem viele resignieren. Buchinger tat etwas anderes. Er suchte.
Die Fastenkur, die alles veränderte
Die entscheidende Wende kam durch eine Fastenkur bei Dr. Gustav Riedlin in Freiburg. Dieses Detail ist wichtig, weil es Buchingers Geschichte aus dem Nebel holt. Buchinger fastete rund 19 Tage. Und was danach geschah, beschreibt er als radikale Veränderung: Beweglichkeit kehrte zurück, Lebensqualität, ein Gefühl von Kraft und innerer Ordnung. Es war kein „kurzes Hoch“. Es war der Beginn eines neuen Lebensabschnitts.
Ich verstehe diese Erfahrung sehr gut, weil ich in meiner eigenen Arbeit mit Fastengruppen seit Jahrzehnten sehe, was Fasten auslösen kann, wenn es richtig geführt wird: Der Körper schaltet um. Entzündung verändert sich. Schlaf wird tiefer. Schmerzen werden weniger oder verschwinden. Und viele Menschen merken zum ersten Mal seit Jahren wieder, dass sie nicht nur „Patient“ sind, sondern ein Organismus mit echten Selbstregulationskräften.
Witzenhausen: Wie aus einer Erfahrung ein Konzept wurde
Nach seiner Genesung wurde Buchinger Dozent für Tropenhygiene an der Deutschen Kolonialschule in Witzenhausen. Ein Jahresgehalt von 600 Reichsmark. Nicht gerade die goldene Karriereleiter. Aber es gab einen entscheidenden Vorteil: Zeit.
Die Kolonien waren verloren, der Betrieb an der Schule lief reduziert. Buchinger hatte Raum für private Studien und für das, was heute „Entwicklung eines Modells“ heißen würde.
1920 eröffnete er in Witzenhausen sein erstes Kurheim für therapeutisches Fasten. Nicht als Wellness-Oase, sondern als ärztlich begleitete Intervention für Menschen mit chronischen Beschwerden, entzündlichen Prozessen und funktionellen Störungen.
Hier beginnt der Unterschied zu vielen modernen Fastentrends.
Buchinger machte Fasten nicht populär, indem er es vereinfachte. Er machte es medizinisch, indem er es strukturierte.
Er verstand Fasten als Prozess, der vorbereitet, geführt und nachbereitet werden muss. Er beobachtete, dokumentierte, passte an. Und er begriff: Fasten wirkt nicht nur auf den Körper, sondern auf das gesamte System Mensch.
Zwei Dimensionen: Stoffwechsel und Seele
Buchingers Ansatz war immer zweidimensional.
Erstens die physiologische Seite: Stoffwechsel, Entzündung, Verdauung, Kreislauf, vegetatives Nervensystem. Fasten war für ihn ein Eingriff in Regelkreise. Nicht ein „Weniger“, sondern ein Reset.
Zweitens die geistige und seelische Dimension: Fasten als Chance zur Orientierung. Als Zeit, in der der Mensch sich selbst begegnet, weil die üblichen Ablenkungen wegfallen. Kein Daueressen, kein Dauerreiz, keine ständige Selbstbetäubung durch Konsum.
Buchinger war überzeugt: Wenn der Körper nicht ständig mit Verdauung beschäftigt ist, wird etwas sichtbar. Manchmal körperlich, manchmal psychisch. Fasten ist ein Spiegel. Und nicht jeder mag, was er darin sieht.
Das ist übrigens ein Punkt, den viele Fastenprogramme heute elegant umschiffen. Man verkauft Fasten als „Detox“, als Wellness, als hübsches Ritual. Buchinger war da ehrlicher: Fasten konfrontiert. Und genau deshalb kann es heilsam sein.
Bad Pyrmont: Erfolg, Widerstand und ein unbequemer Charakter
1935 verlegte Buchinger seine Klinik nach Bad Pyrmont. Die Nachfrage wuchs, die Methode wurde bekannter, das Sanatorium entwickelte sich zu einer der gefragten Adressen.
In dieser Zeit veröffentlichte er auch sein Hauptwerk: Das Heilfasten und seine Hilfsmethoden (1935). Das ist nicht irgendein Fastenbuch. Das ist die systematische Darstellung eines klinischen Ansatzes, der Fasten als medizinisches Werkzeug beschreibt.
Doch die Zeit war nicht freundlich. Buchinger war gegenüber dem Nationalsozialismus reserviert, seine Ehefrau galt als „Halbjüdin“ und war Schikanen ausgesetzt. Buchinger vergrub verbotene Bücher im eigenen Garten. 1938 zwang man ihn, für die Winterhilfe mit der Sammelbüchse von Haus zu Haus zu ziehen. Später untersagte man ihm den Ausbau seiner Klinik und begrenzte die Zahl der Patienten. Es kam zu Hausdurchsuchungen, Mitarbeiter wurden verhaftet, Häuser beschlagnahmt.
Das ist keine Nebengeschichte. Es zeigt, was für ein Typ Buchinger war: Kein Mitläufer. Kein „angepasster Arzt“. Sondern jemand, der seine Arbeit gegen Widerstände weiterführte.
Nach 1945 konnte er den Betrieb wieder aufnehmen. 1953 wurde er sogar Ehrenbürger von Bad Pyrmont. Die Ironie der Geschichte: Der ehemals Misstrauisch beäugte wurde später offiziell geehrt.
Der Wanderer und Suchende: Quäker, Bibelstudium, Religionswechsel
Buchinger war nicht nur Arzt, er war auch Suchender. Er betrieb intensives Bibelstudium, kam über verschiedene Strömungen schließlich zum Quäkertum, wurde 1926 aufgenommen, studierte in England am Quäker-College Woodbrooke. Später trat er 1957 zur katholischen Kirche über und verließ die Quäker.
Man kann das als sprunghaft sehen. Oder man versteht es als das, was es war: Ein Mensch, der nicht zufrieden war mit fertigen Antworten.
Und das passt erstaunlich gut zu Fasten. Fasten ist kein Dogma. Fasten ist eine Erfahrung. Wer fastet, merkt schnell: Der Körper ist nicht nur Biochemie. Aber er ist auch nicht nur „Seele“. Er ist beides. Und er reagiert auf Wahrheit oft schneller als der Kopf.
Die Methode: Fasten als strukturierter Prozess
Die klassische Buchinger-Methode ist klar aufgebaut.
Ein oder zwei Entlastungstage bereiten den Organismus vor. Etwa 600 Kalorien, überwiegend Kohlenhydrate, kaum Fett, wenig Eiweiß. Kein Kaffee, kein Alkohol, keine Süßigkeiten, nicht rauchen. Dazu reichlich Flüssigkeit, meist Wasser und Tee.
Der Fastenbeginn erfolgt traditionell mit einer gründlichen Darmentleerung, klassisch mit Glaubersalz. Danach folgt die Fastenphase, oft um die zwei Wochen. Bewegung gehört dazu, ebenso Ruhe. Ausscheidungsvorgänge werden unterstützt: Schwitzen durch Bewegung oder Sauna, regelmäßige Darmtätigkeit, viel trinken.
Das Fastenbrechen ist ein Ritual. Nicht aus Esoterik, sondern aus Physiologie und Psychologie. Der erste Apfel wird langsam gegessen, bewusst, gründlich gekaut. Der Stoffwechsel wird schrittweise wieder hochgefahren. Die Aufbautage steigern die Kalorien: etwa 800, dann 1200, dann 1500, später 1800. Tierisches Fett und Alkohol werden in den ersten Wochen gemieden.
Man kann darüber lächeln, bis man es selbst erlebt. Oder bis man Patienten sieht, die nach Jahren zum ersten Mal wieder spüren, was Hunger eigentlich ist, was Sättigung ist, was Ruhe im Körper bedeutet. Und vor allem auch, wie sich Patienten mit Fasten geheilt haben – so wie ich mich selbst übrigens auch.
Praxisbezug statt Dogma: Regulation statt Restriktion
Buchinger verstand Fasten als klinisches Instrument. Nicht als Askese, nicht als Mode, nicht als moralische Selbstkasteiung. Fasten war für ihn ein Werkzeug, um Muster aufzubrechen, Regelkreise sichtbar zu machen und Menschen in einen Zustand zu bringen, in dem der Körper sich selbst regulieren kann.
Das unterscheidet sein Werk von vielen heutigen Trends. Heute wird Fasten oft verkauft wie ein Fitness-Hack: „Mach das, dann wirst du schlank.“ Buchinger dachte anders: Fasten ist nicht in erster Linie ein Werkzeug zur Gewichtsreduktion. Es ist ein Werkzeug zur Neuordnung.
Und ja: Natürlich verliert man Gewicht. Aber das ist nicht die eigentliche Geschichte. Die eigentliche Geschichte ist, dass Fasten den Menschen aus dem Dauerzustand herausführt. Aus der ständigen Verdauung, dem ständigen Konsum, der ständigen „Selbstbetäubung“. Ich habe dazu vor allem auch auf dieser Webseite oft geschrieben und dies auch begründet.
Vermächtnis: kein Denkmal, sondern ein Verfahren
Otto Buchinger starb 1966 im Alter von 88 Jahren. Was bleibt, ist kein Denkmal und kein Mythos, sondern ein Verfahren, das bis heute klinisch angewandt, weiterentwickelt und wissenschaftlich untersucht wird.
Buchinger hat die Stoffwechselphysiologie nicht erfunden. Er hat die Entzündungsmedizin nicht erfunden. Er hat auch nicht als erster über Psyche und Körper gesprochen.
Aber er hat etwas getan, was viele Theoretiker nie schaffen: Er hat Fasten praktisch operationalisiert. Er hat es methodisch zugänglich gemacht. Er hat es in eine Form gebracht, die man anwenden, beobachten, verbessern konnte.
Und er hat eine Frage gestellt, die bis heute gilt: Was passiert, wenn ein Mensch, frei von Zufuhr, wieder zu sich selbst findet?
Die Antworten sind nicht einfache – sondern sogar eher komplex. Fasten ist auch kein „Trick“, sondern ein ziemlich umfangreicher Prozess, vor allem für den Stoffwechsel. Und Otto Buchinger war einer der ersten Ärzte, der diesen Prozess erkannt und auch ernst genommen hat.
Dass Fasten bis heute mit seinem Namen verbunden ist, ist absolut berechtigt.
Übrigens: Wenn Sie solche Informationen interessieren, dann fordern Sie unbedingt meinen Heilfasten-Newsletter dazu an:
Anmerkung: Das Bild von Otto Buchinger wurde mittels KI erstellt. Ich meine Dr. Buchinger ist dort gut getroffen in einem zeitgenössischen Umfeld, welches diesem Arzt gerecht wird. Sollten sich Leser finden, die über Original Bilder von Dr. Buchinger verfügen, würde ich mich freuen, wenn ich diese veröffentlichen dürfte um diesem großartigen Arzt gerecht werden zu dürfen.
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