René Gräber prüft Kijimea, Probiotika und Darmflora mit Blick auf Werbung, Studienlage und Anwendererfahrungen

Eine Fernsehwerbung aus dem Jahr 2010 weckte mein „gesteigertes Interesse“ an Kijimea. Da war das Produkt über 20 Jahre auf dem Markt, und es wurden ständig neue Produkte hinzugefügt.

Warum ich diesen Beitrag ergänze: Ich beobachte massive Werbung für diese Produkte. Besonders auffällig ist Werbung auf Webseiten, die wie  „Redaktionsartikel“ aussehen, wie hier zum Beispiel:

Dort lesen wir von einem Frank Mehrbach, der „Darmexperte“ und Chefredakteur bei Spiegel der Gesundheit sei. Wer mehr zu Frank Mehrbach erfahren kann: Bitte in die Kommentare schreiben. Ich finde da nämlich nichts, bzw. nicht viel.

Im Nachrichtennetzwerk msn sieht man massenhaft solcher Anzeigen. Das „Spiel“ ist bei all diesen „Anzeigen“ ähnlich. Ein Artikel, ein angeblicher „Vergleichstest“. Und man findet fast immer die gleichen Produkte.

Dabei auch: Kijimea.

Nur, dass wir uns nicht falsch verstehen: Werbung ist grundsätzlich nicht schlecht. Im Gegenteil. Ich bin durch Werbung auf einige Dinge aufmerksam geworden, von denen ich sonst nie gehört hätte. Und klar: Dann gibt es auch Werbung im Stil von…

Naja… lassen wir das lieber und schauen uns mal das Kijimea an.

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Im Jahr 2026 suchen und Fragen Leser mich vor allem zum Kijimea K53 Advance. Deswegen will ich gleich was dazu sagen… danach geht´s Allgemein weiter.

Kijimea K53 Advance Erfahrungen: Was berichten Anwender?

Wer nach „Kijimea K53 Advance Erfahrungen“ sucht, will meist keine Werbebroschüre lesen (wie ich eben schrieb). Die meisten suchen eine ehrliche Einschätzung: Hilft das Präparat wirklich? Verträgt man es? Lohnt sich der Preis? Und warum berichten manche von deutlicher Besserung, während andere eher mehr Blähungen bekommen?

Kijimea K53 Advance ist ein Nahrungsergänzungsmittel für das Darmmikrobiom. Es enthält eine Mischung aus 53 Mikrokulturenstämmen sowie die Vitamine B3 und B7. Der Hersteller bewirbt es als breit angelegtes Mikrobiom Produkt. Das klingt beeindruckend. Entscheidend bleibt aber die Frage, ob diese konkrete Mischung für das jeweilige Beschwerdebild untersucht wurde. Bei Probiotika reicht es wissenschaftlich nicht, einfach „viele Stämme“ oder „viele Milliarden Keime“ zu zählen. Entscheidend sind Stamm, Dosierung, Beschwerdebild und Studiendesign.

Die Erfahrungsberichte zu Kijimea K53 Advance fallen überwiegend positiv aus, aber nicht einheitlich. Viele Anwender berichten über weniger Blähbauch, regelmäßigeren Stuhlgang, weniger Druck im Bauch und ein besseres Bauchgefühl. Das passt zu dem, was man aus der Praxis kennt: Wenn eine Darmflora nach Antibiotika, Stress, Fehlernährung oder langjähriger Verdauungsstörung aus dem Gleichgewicht geraten ist, kann ein gut gewähltes Mikrobiom Präparat durchaus einen Unterschied machen.

Es gibt aber auch andere Erfahrungen. Manche berichten über mehr Gasbildung, stärkere Blähungen oder das Gefühl, dass der Bauch zunächst unruhiger wird. Das wird gerne als „Anfangsreaktion“ verkauft. Manchmal stimmt das. Manchmal ist es aber schlicht ein Zeichen, dass das Präparat nicht passt. Gerade bei empfindlichem Darm, Histaminproblemen, SIBO Verdacht, starker FODMAP Empfindlichkeit oder chronisch entzündlichen Darmerkrankungen kann eine solche Reaktion ernster zu nehmen sein. Ein Darm ist kein Blumentopf, in den man einfach ein paar Bakterien streut und dann wächst Gesundheit.

Aus meiner Sicht sollte man Kijimea K53 Advance daher nüchtern betrachten. Es kann ein sinnvoller Versuch sein, besonders nach Antibiotika, bei unregelmäßigem Stuhlgang, Blähbauch oder dem Gefühl einer gestörten Darmflora. Wer jedoch ein klassisches Reizdarmsyndrom mit starken Schmerzen, Durchfällen, Verstopfung oder wechselnden Beschwerden hat, sollte die Kijimea Produkte nicht alle in einen Topf werfen. Für Kijimea Reizdarm beziehungsweise Reizdarm PRO gibt es eine spezifischere Studienlage zu den dort verwendeten MIMBb75 Stämmen. Diese Evidenz lässt sich nicht automatisch auf Kijimea K53 Advance übertragen. Lasst es mich gerne mal in den Kommentaren wissen…

Kommen wir zu Kikimea an sich…

Was ist Kijimea eigentlich?

Kijimea aus der Swahili-Sprache bedeutet  zu Deutsch: Bakterium. Und dieses „Bakterium“ soll meine Abwehrkräfte steigern. Schön. Da fragte ich mich sofort: Wie denn?

Also begab ich mich auf die Suche nach Informationen und Studien zu Kijimea: In meinen Fachmagazinen hatte ich noch nichts gesehen. In den wissenschaftlichen Datenbanken: nichts. Also auf in die Suche im Internet.

Im Folgenden finden Sie erst einmal den Bericht über meine damaligen Recherchen (Jahr 2010), und weiter unten dann die „Erweiterungen“ mit den Aktualisierungen.

Jahr 2010: Außer den Einträgen in einigen Foren und der Herstellerseite selbst finde ich nichts. Also muss ich mich wohl erst einmal mit den Herstellerangaben zu Kijimea begnügen: Bei Kijimea handelt es sich demnach um ein von Münchner Ärzten entwickeltes Produkt aus rein „natürlichen“ Bestandteilen.

Es soll bei Menschen mit Immunschwäche als unterstützende Maßnahme bei der Bekämpfung von Infekten eingesetzt. Zur „Entdeckung“ von Kijimea schreibt der Hersteller:

Wir, ein Ärzteteam aus München, waren über Jahre in Afrika tätig und sind dort auf das legendäre Kriegervolk der Massai, dem eine besondere Widerstandsfähigkeit nachgesagt wird, aufmerksam geworden. Auffällig für uns war, dass sich die Massai von einer traditionellen, fermentierten Milchmischung, ernähren. Diese wird von den Massai oft täglich in großen Mengen eingenommen. Inspiriert von diesen Erfahrungen haben wir in Europa die Wirkung stammspezifisch selektierter Probiotika und Synbiotika näher untersucht und sind nach langer Suche auf die in Kijimea enthaltene Probiotikakombination gestoßen. (kijimea.de/haeufige_fragen.html)

Kijimea besteht also aus mehreren Probiotika. Probiotika sind Bakterien, deren Verzehr unserer Gesundheit generell förderlich sowie einem natürlichen Kohlenhydrat – einem so genannten Präbiotikum.

Bei den Bakterienstämmen soll es sich um drei spezielle Probiotika-Stämme handeln.  Diese sollen anhand klinischer Studien für diese Bakterien-Stämme ausgewählt worden sein, die einen Nutzen bezüglich der Immunabwehr belegen.

Nur: WELCHE Stämme in Kijimea enthalten sind, konnte ich auf der Herstellerseite nicht in Erfahrung bringen. Ich fand keinen Beipackzettel und keine detaillierte Beschreibung der Inhaltsstoffe. Für mich ist das nicht gerade vertrauenserweckend.

Ich erwarte auf der Produktseite schon die Darstellung aller Wirkstoffe, Zusatzstoffe und Füllstoffe etc. Hinweise auf die Studien bezüglich der verwendeten Probiotika hätte ich auch schön gefunden.

Auf der Herstellerseite von Kijimea wird das Präbiotikum FOS erwähnt (ein Fructo-Oligo-Saccharid?), welches den Bakterien als Nahrung dienen soll und  somit deren Wachstum und Vermehrung im Darm zugute kommen möge.

Gleichzeitig soll es den Körper bei der Aufnahme von Magnesium und Calcium unterstützen. Die erwünschte Wirkung von Kijimea  (die Stärkung des Immunsystems) soll aber durch eine gezielte Stärkung der Darmflora erzielt werden, die für ein gut funktionierendes Immunsystem von entscheidender Bedeutung ist. Dass ich davon viel halte, habe ich ja schon mehrfach geschrieben – auch in diesem Blog.

Nebenwirkungen sind laut Hersteller nicht bekannt. Allerdings können zu Beginn der Behandlung Blähungen auftreten, eine Folge der gewünschten Bakterienanhäufung im Darm.

Also auch nichts Neues. Vielleicht sendet mir die Herstellerfirma Dr. Fischer Gesundheitsprodukte GmbH ja einmal einige Produktproben und Informationsmaterial?

Das bringt mich auf die Idee noch mal schnell in den Internetapotheken nachzusehen: Nanu? Da ist als Hersteller die SANDOZ PHARMACEUTICAL GMBH angegeben? Ich dachte das ist Dr. Fischer Gesundheitsprodukte GmbH? Oder vertreiben die das nur?

Wie dem auch sei: Kijimea ist anscheinend in drei Packungsgrößen erhältlich: 7, 14 oder 28 „Rationen“. Bei einer Ration täglich kostet das Produkt zwischen 2,14€ und 1,70€ – wenn die Preisangaben stimmen die ich gefunden habe.

Eine Therapie kostet mich somit ungefähr 60.-€ im Monat. Also dafür möchte ich schon mehr Informationen als ich momentan im Internet finde.

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Jetzt meine Aktualisierung aus dem Juni 2015:

Seit dem Artikel (oben) sind nun bereits fünf Jahre vergangen. In einem solchen Zeitraum sollte man einiges an Entwicklungen erwarten. Und diese sind auch zu verzeichnen, sowohl bei der Kijimea Webseite, als auch in der Wissenschaft, die sich mit diesem Probiotikum befasst hat.

Auf der Kijimea Webseite unter Experteninterview erfährt der Leser, dass der „Wirkstoff“ ein einziger Bakterien-Stamm ist: Bifidobacterium bifidum MIMBb75. Erwähnt wird eine Studie aus der Universität Mailand, der zufolge dieses spezielle Bakterium einen besonders günstigen Effekt auf Reizdarm und verwandte Erkrankungen haben soll. Zu dieser Studie komme ich etwas später.

Die Kijimea Webseite fährt fort mit der Wirkweise dieser Bakterien. Auf der Webseite wird behauptet, dass „kleinste Risse in der Darmwand“ eine Art Schlupflöcher sind, die Schadstoffe und Keime passieren lassen, die bei einer intakten Darmschleimhaut nicht passieren können, sondern ausgeschieden werden.

Die Symptomatik, die dann aufgezählt wird, und die eben erwähnten „Risse“ in der Darmschleimhaut, erinnern sehr an das Leaky-Gut-Syndrom. Aber vergleichen Sie selbst – ich habe das in folgenden Beiträgen genauer beschrieben:

Laut Kijimea Webseite bekämpft das spezielle Bifidobacterium solche Risse und Löcher damit, dass die Bakterien sich an diese Risse und Löcher anlagern und sie somit „zupflastern“.

Es ist auch von einem „Pflastereffekt“ die Rede. Sind die Verletzungen einmal abgedichtet, dann kann erstens nichts mehr durch und zweitens kann der Heilungsprozess ungestört einsetzen. Und das sollte sich in einer Verbesserung der Symptomatik bemerkbar machen. Soweit die Hypothese.

Es war da die Rede von einer Studie aus der Universität Mailand, die dieser Hypothese nachgegangen sein soll. Diese Arbeit wurde im Jahr 2011 veröffentlicht: Randomised clinical trial: Bifidobacterium bifidum MIMBb75 significantly alleviates irritable bowel syndrome and improves quality of life–a double-blind, placebo-controlled study.

In dieser Arbeit sollte die Wirksamkeit von Bifidobacterium bifidum MIMBb75 bei Reizdarmsyndrom ermittelt werden. Insgesamt nahmen an der Studie 122 Patienten teil, die in eine Plazebogruppe mit 62 Teilnehmern und eine Verumgruppe mit 60 Teilnehmern aufgeteilt wurden.

Alle Teilnehmer bekamen einmal täglich ihr Plazebo oder ihr MIMBb75 für die Dauer von 4 Wochen. Die Schwere der Symptomatik wurde anhand einer spezifischen Skala ermittelt.

Resultat: MIMBb75 reduzierte die allgemeinen Symptome der Reizdarmstörungen signifikant im Vergleich zu Plazebo. Die Bakterien verbesserten signifikant Schmerzen und Unwohlsein, Blähungen, Stuhldrang und Verdauungsstörungen. Es zeigte sich eine signifikante Verbesserung der Lebensqualität bei den Teilnehmern der Verumgruppe.

Eine ausreichende allgemeine Besserung berichteten 47 Prozent der Teilnehmer in der Verumgruppe gegen nur 11 Prozent in der Plazebogruppe. Insgesamt sprachen 57 Prozent der Patienten der Verumgruppe auf die Therapie an gegenüber 21 Prozent in der Plazebogruppe. MIMBb75 wurde gut vertragen und Zahl und Natur der Nebenwirkungen entsprachen denen in der Placebogruppe.

Die Autoren schlossen aus ihren Beobachtungen, dass Bifidobacterium bifidum MIMBb75 effektiv das Reizdarmsyndrom lindert und deren Symptomatik verbessert, bei einer gleichzeitigen Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen. Daher sehen die Autoren diesen Bakterien-Stamm als eine Bereicherung in der Therapie des Reizdarmsyndroms an.

Fazit: Eine Studie mit 122 Patienten ist noch keine „gesicherte Erkenntnis“, die eine Hypothese zur These oder Theorie reifen lassen wird. Von daher halte ich die Aussagen auf der Kijimea Webseite für etwas zu euphorisch.

Auf der anderen Seite handelt es sich bei der Studie um eine ernstzunehmende Arbeit seitens der Italiener, die zwar der Bestätigung bedarf, aber im Moment als sehr glaubwürdig einzustufen ist.

Und weil es sich bei diesem Bakterien-Stamm nicht um eine potentiell hochgiftige Substanz handelt, kann man davon ausgehen, dass der gezielte Einsatz keinen Schaden anrichten wird. Ob der Einsatz einen signifikanten therapeutischen Effekt hat, das müssten weitere Untersuchungen bestätigen.

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Die Sache mit dem „Darmpflaster“

Da war ja noch die Rede von diesem „Darmpflaster“ (siehe oben). Eine Arbeit aus dem Jahr 2009 ging der Frage mit dem „Pflastereffekt“ des Bakteriums nach: Study of the adhesion of Bifidobacterium bifidum MIMBb75 to human intestinal cell lines.

Verantwortlich für die Bindungsfähigkeit der Bakterien ist ein von den Bakterien produziertes Lipoprotein, das BopA genannt wird. Wie es aussieht, werden nicht nur „Risse und Löcher“ in der Darmschleimhaut mit Hilfe von BopA „zu gekleistert“. Vielmehr scheint sich auch eine erhöhte Anhaftungsneigung der Bakterien bei Tumorzellen zu ergeben.

Allerdings wird die Fähigkeit zur Anhaftung entscheidend von einigen Faktoren beeinflusst, wie der Anwesenheit von bestimmten Zuckermolekülen, Gallenflüssigkeit und dem pH-Wert. Die Autoren vermuten, dass die unterschiedlichen Bedingungen im Verlauf des Gastrointestinaltrakts zu unterschiedlichen Besiedlungsdichten führt. Sie vermuten, dass die Bakterien nur in begrenzten Arealen im Endbereich des Dickdarms sich ansiedeln können.

Fazit: Vorausgesetzt dass sich diese Annahme als richtig erweist, dann würde sich das in der Kijimea Webseite dargestellte Modell des Gastrointestinaltrakts (aus Glas oder durchsichtigem Plastik) als unzulässige Vereinfachung herausstellen.

Denn im Video wirft eine Frau im weißen Kittel vielsagend einen grünen Kijimea-Ball ins Röhrchen mit den vielen inneren Rissen, die vom Ball versiegelt werden. Hier entsteht der Eindruck, dass der gesamte Gastrointestinaltrakt von dem positiven Adhäsionseffekt betroffen ist.

Eine Arbeit aus der Universität Ulm aus dem Jahr 2012 kommt hier zur Hilfe: Improved adhesive properties of recombinant bifidobacteria expressing the Bifidobacterium bifidum-specific lipoprotein BopA.

In dieser Arbeit wurden 15 verschiedene Stämme von Bifidobacterium auf ihre Adhäsionsfähigkeit überprüft. Die Vertreter von B. bifidum zeigten die höchste Adhäsionsfähigkeit an den getesteten gastrointestinalen Epithelzellen. Auch hier war das Lipoprotein BopA für den Adhäsionseffekt verantwortlich.

Obwohl das Lipoprotein ein B. bifidum-spezifisches Protein zu sein scheint, kann es auch von E. coli exprimiert werden. Weiter scheint die Stärke der Anhaftung mit der Menge an produziertem Lipoprotein korreliert zu sein.

Es wurden keine Angaben gemacht, ob Umwelteinflüsse (im Gastrointestinaltrakt), wie wir sie in der Arbeit zuvor diskutiert hatten, hier eine Rolle spielen.

Um die ganze Sache noch ein wenig weiter zu verwirren, stürze ich mich auf die nächste Arbeit aus Finnland aus dem Jahr 2013: BopA does not have a major role in the adhesion of Bifidobacterium bifidum to intestinal epithelial cells, extracellular matrix proteins, and mucus.

In dieser Arbeit hatte man, vereinfacht ausgedrückt, mit Hilfe eines eigens geschaffenen Antiserums die Aktivität von BopA bei B. bifidum blockiert und geschaut, ob die Anhaftungsfähigkeit der Bakterien durch die Behandlung abnimmt.

Da dies jedoch nicht erfolgte, folgerten die finnischen Wissenschaftler, dass es sich beim BopA nicht um ein Adhäsin handeln kann. Umgekehrt wurde rekombinantes BopA erzeugt und getestet. Es zeigte eine nur schwache Bindungsfähigkeit zu menschlichen Darmepithelzellen und/oder deren Mukosa.

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Adhäsionsfähigkeit von B. bifidum weniger auf der Wirksamkeit von BopA beruht, sondern dass vielmehr andere, noch unbekannte Mechanismen hier wirksam sein müssen.

Zwischenfazit: Falls BopA keinen signifikanten Einfluss auf die Adhäsionsfähigkeit von B. bifidum hat, dann wären auch die in der ersten Arbeit diskutierten Einflüsse, wie Gallenflüssigkeit, pH-Wert und so weiter möglicherweise nicht relevant und die Bakterien könnten sich mehr oder weniger gleichmäßig im gesamten Gastrointestinaltrakt ansiedeln und so ihrer „Pflastertätigkeit“ nachgehen.

So lange jedoch diese Mechanismen noch ungeklärt sind, halte ich Erklärungen, wie sie auf der Kijimea Webseite gemacht werden, für reine Spekulation.

Impact of Bifidobacterium bifidum MIMBb75 on mouse intestinal microorganisms. – Diese Arbeit aus dem Jahr 2013 untersuchte die Verteilung des Bakteriums im Darm von Mäusen. Auch hier ergibt sich ein eher heterogenes Bild. Bevorzugter Ort der Kolonialisierung ist der Teil des Dickdarms, der dem Caecum (Krummdarm) am nächsten liegt.

Hier verdrängten sie zum Beispiel Clostridium coccoides, eine Art, die anscheinend nur in Mäusen vorkommt. Weitere temporär erhöhte Kolonienzahlen wurden am Anfang und Ende des Dickdarms beobachtet.

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Eigenschaften als Probiotikum von MIMBb75 im Wesentlichen von seiner Fähigkeit zur Kolonialisierung abhängen und dem Einfluss der Kolonienbildung auf die anderen Bakterienarten.

Fazit: Auch hier wieder ein kleines Fragezeichen. Die Fähigkeit als Probiotikum ist diesem Bakterien-Stamm nicht abzusprechen. Jedoch scheint es keine durchgehende Kolonienbildung im gesamten Bereich des Darms zu geben, so dass die probiotischen Aktivitäten nur in den Segmenten gegeben sind, wo eine ausreichend hohe Besiedlung erfolgt.

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Kleine Anmerkung: Die Sache mit den „5 Wundermitteln“ ist mit Abstand der beliebteste Newsletter, den meine Patienten gerne lesen…

Doch noch gute Nachrichten

Die Autorengruppe aus Mailand, die den ersten hier besprochenen Artikel veröffentlicht hatte (klinische Studie mit 122 Patienten mit Reizdarmsyndrom), gab sich die Ehre und veröffentlichte 2014 eine weitere Untersuchung, bei der der Einfluss von MIMBb72 auf das Immunsystem untersucht wurde.

Murein lytic enzyme TgaA of Bifidobacterium bifidum MIMBb75 modulates dendritic cell maturation through its cysteine- and histidine-dependent amidohydrolase/peptidase (CHAP) amidase domain. – Hier erfahren wir, dass das Bakterium ein Protein auf seiner Zelloberfläche exprimiert, das TgaA genannt wird.

Dieses Protein ist homolog zu anderen immunoaktiven Proteinen anderer Bakterien-Stämme. Dieses Protein hat 2 aktive Bereiche – LT und CHAP – mit enzymatisch lysierenden Eigenschaften.

Der CHAP-Bereich erwies sich als der immunoaktive Bereich. Denn Versuche mit dem Bakterium und TgaA zeigten eine Erhöhung der Il-2-Produktion im Wirtsorganismus.

Interleukin-2 hat einen direkten Einfluss auf das Immunsystem, indem es die T-Zellen steuert. Im Thymus, wo diese T-Zellen heranreifen, verhindert Il-2 Autoimmunerkrankungen, indem es die Differenzierung von unreifen T-Zellen zu regulatorischen T-Zellen vorantreibt.

Il-2 fördert ebenfalls die Differenzierung von T-Zellen zu T-Helferzellen und T-Gedächtniszellen. Il-2 zählt zudem zu den Wachstumsfaktoren.

Die Autoren schlossen aus ihren Beobachtungen, dass MIMBb75 über sein Oberflächenprotein TgaA zu einer immunmodulierenden Wirkung beim Wirtsorganismus führt.

Nachschlag

Eine interessante Webseite ist die Beneficial Bacteria Site. Unter Review Post: The Five Best Probiotics for Irritable Bowel Syndrome wird Bifidobacterium bifidum MIMBb75 als das zweitbeste Probiotikum aufgeführt. Grund dafür war die oben diskutierte klinische Studie.

Ein weiterer Vertreter, über den ich auch schon einen Beitrag geschrieben habe, ist das VSL-3, das hier auf Platz 5 landet: VSL-3 Probiotische Balance.

Meine Einschätzung bei einem Vergleich der beiden Bakterien-Stämme: Über VSL-3 gibt es mehr wissenschaftliche Untersuchungen als über MIMBb75 im Kijimea.

Dazu kommt noch, dass VSL-3 nicht nur einen Stamm enthält, sondern deren gleich acht, unter anderem drei verschiedene Bifidobacterium-Stämme. Daher sehe ich VSL-3 nicht unbedingt auf Platz 5 der „Hitparade“, eher umgekehrt.

Zwischenfazit: Platz 2 oder 5, das tut eigentlich nur wenig zur Sache. Ich stimme zu, dass Kijimea (MIMBb75) und VSL-3 zu den wichtigeren Probiotika gehören. Die bessere Variante wäre, beide in einem neuen Produkt zu vereinen – ein Produkt mit 9 Stämmen.

Denn unsere Mikroflora im Darm ist auch nicht aus nur einem oder acht Bakterienarten aufgebaut. Wie viele es sind?

Niemand weiß das bislang. Man kennt heute um die 2000 verschiedene Bakterienarten, die das Darmmilieu benötigt, um seinen Dienst zu tun. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sind es aber noch weitaus mehr.

Damit wäre auch der „Pflastereffekt“, der hier eingangs von Kijimea angesprochen wurde, eher ein Sekundäreffekt, vorausgesetzt, die Bakterien verhalten sich so wie im Video dargestellt. Aber auch ohne „Pflastereffekt“ haben Probiotika zeigen können, dass diese ein sehr gutes therapeutisches Potential besitzen.

Jahr 2024: Werbung für Kijimea ohne Ende…

Die Produktpalette hat sich mittlerweile deutlich erweitert. Hier die wichtigsten Beispiele für das erweiterte Angebot:

  1. Kijimea Reizdarm: Dieses Produkt soll speziell für die Behandlung des Reizdarmsyndroms formuliert sein und enthält den probiotischen Stamm B. bifidum MIMBb75. Es soll helfen, typische Symptome wie Bauchschmerzen, Blähungen und Unregelmäßigkeiten im Stuhl zu lindern.
  2. Kijimea Reizdarm PRO: Eine Weiterentwicklung des klassischen Kijimea Reizdarm, mit zusätzlichen Inhaltsstoffen zur weiteren Unterstützung der Darmgesundheit.
  3. Kijimea K53 Advance: Dies wird als ein „Breitband-Probiotikum“ beworben und soll eine „einzigartige Kombination aus 53 aufeinander abgestimmten Bakterienstämmen bieten“. Es enthält 21 Milliarden lebendige Mikrokulturen pro Kapsel und ist zusätzlich mit Biotin angereichert, das zur Erhaltung normaler Schleimhäute beiträgt.
  4. Kijimea Derma: Entwickelt zur Unterstützung der Hautgesundheit, enthält probiotische Bakterien und andere Inhaltsstoffe, die helfen können, Hautirritationen und allergische Reaktionen zu lindern.
  5. Kijimea Immun: Ein Produkt zur Stärkung des Immunsystems, das verschiedene probiotische Stämme und weitere Zusätze enthält, die das Immunsystem unterstützen sollen.
  6. Kijimea Regularis und Regularis Plus: Entwickelt zur Unterstützung einer regelmäßigen Verdauung und zur Verbesserung der Darmflora.

Darürberhinaus gibt es noch Kijimea Magen, Kijimea Basis 10, Kijimea Synpro 20, usw. — Die Produkt-Palette ist mittlerweile so breit geworden, dass der Verbraucher schon ein bisschen den Überblick verlieren kann.

Hypersensible Marketing-Abteilung?

Es kann juristisch problematisch sein, medizinische Präparate oder Nahrungsergänzungsmittel zu kritisieren. Das gilt insbesondere dann, wenn ein konkreter Artikel eines genannten Herstellers in der Betrachtung steht. In aller Regel verhalten sich Produzenten aber zurückhaltend, weil sie keinen Staub aufwirbeln wollen.

Die meisten Hersteller werden auch intelligent genug sein, übertriebene Werbeversprechen oder auch die Zusammensetzung eines Präparates zu verändern, wenn Kritik aufkommt. Denn sie kann ja durchaus berechtigt sein.

Die Online-Plattform arznei-telegramm.de (a-t) versteht sich als unabhängiger Informationsdienst für Ärzte und andere Gesundheitsdienstleister. Die Mitarbeiter prüfen Studien über Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel und versuchen, daraus die Beweiskraft der Wirksamkeit abzuleiten.

Auch Werbekampagnen schaut sich die Redaktion des a-t an, wodurch ein kritischer Abgleich mit den Herstellerversprechen möglich ist. Das a-t scheint so akkurat zu arbeiten, dass die Redaktion nach eigenen Angaben noch nie mit gravierenden juristische Problemen zu kämpfen hatte.

Als aber das a-t 2020 einen Artikel über Kijimea Reizdarm PRO veröffentlichte, bekam die Redaktion Post von einer Anwaltskanzlei des heutigen Herstellers Synformulas. Das war die Reaktion auf einen a-t-Beitrag über Kijimea in der Rubrik „Vorsicht Desinformation“. Schon Recherche-Anfragen, die a-t fairerweise direkt an Synformulas richtete, gingen den Juristen zu weit.

Die Fragen beinhalteten „unzutreffenden Grundannahmen“. So äußerte die Redaktion Zweifel an der „wissenschaftliche Anerkennung“ der Beweiskraft der Herstellerstudien über Kijimea Reizdarm PRO. Die Strategie hinter der Recherche-Anfrage sei vermutlich der Versuch, Betriebsgeheimnisse zu erfahren und sei überhaupt von „Wettbewerbern instrumentalisiert“. Damit sei, so die Anwälte, die Unabhängigkeit von a-t infragezustellen.

Indes enthielt die Korrespondenz auch Gegenfragen der Synformulas-Anwälte an a-t. Ob man sich denn auch mit Konkurrenz-Produkten befasst hätte. Öffentlich bekundete a-t, dass dies nicht der Fall gewesen wäre, weil die „Marktbedeutung oder Werbung“ ausschlaggebend für eine Begutachtung eines Präparates sei. Laut a-t ist die Reklame für Kijimea „irreführend“.

Die Juristen der Firma sollen auch behauptet haben, dass Informationen vorliegen, dass ein Konkurrent die Berichte von a-t über Kijimea initiiert hätte. a-t bat um Offenlegung dieser „Informationen“, erhielt aber keine Antwort.

Die Frage der Anwälte, ob a-t Wissenschaftler um Stellungnahmen zu Kijimea gebeten hat, hat a-t verneint. Grund dafür sei, dass Einzelmeinungen keine Beweiskraft hätten.

Ein anderer Punkt in dem ganzen Hickhack war ein kritischer Beitrag von a-t über den Slogan „99% mehr Lebensqualität“, der sich stets nur an Fachkreise richtete. Synformulas wies darauf hin, dass der Werbespruch nicht mehr verwendet werde.

Doch a-t konnte den Slogan noch  ausfindig machen. Nun bedankten sich die Anwälte auf einmal bei a-t für den Hinweis, nicht aber, ohne nachzusetzen. Diesen Vorgang interpretiere man nun als „rechtsverbindliche Unterlassungsaufforderung“, zu der a-t nicht berechtigt sei. Das heißt aber doch wohl nicht, dass Fragen stellen verboten sein kann!

Die Anwälte forderten auch im Beitrag von a-t zitierte E-Mails in vollem Wortlaut heraus. Grund dafür seien Zweifel daran, ob die Mails in Gänze zitiert wurden. a-t wiederum versichert, dass dies der Fall gewesen wäre.

Die Kanzlei kündigte an, den Vorgang beim Presserat anzuzeigen. a-t sieht in der bizarren Auseinandersetzung den Versuch, durch juristischen Druck mundtot gemacht zu werden.

Fazit

Kijimea ist für mich ein gutes Beispiel dafür, wie aus einem grundsätzlich interessanten Thema eine große Marketingmaschine werden kann.

Probiotika können sinnvoll sein. Daran habe ich keinen Zweifel. Ich arbeite seit vielen Jahren mit Darmtherapie, Symbioselenkung, Ernährung, Fasten und gezielten Mikrobiom Präparaten. Der Darm ist in der Naturheilkunde kein Nebenschauplatz, sondern oft einer der zentralen Ansatzpunkte. Aber genau deshalb sehe ich solche Produkte auch kritisch. Denn Darmtherapie ist mehr als eine hübsch verpackte Kapsel mit vielen Bakterienstämmen und einem Werbeversprechen.

Kijimea hat inzwischen eine ganze Produktfamilie aufgebaut: Reizdarm, Reizdarm PRO, K53 Advance, Immun, Derma, Regularis und weitere Varianten. Für den Verbraucher klingt das nach Spezialisierung. In der Praxis wird es dadurch aber eher unübersichtlicher. Welches Produkt passt zu welchem Beschwerdebild? Welche Studienlage gilt für welches Präparat? Und wo wird eine Untersuchung zu einem bestimmten Bakterienstamm auf eine ganze Produktwelt übertragen, obwohl das fachlich so nicht sauber ist?

Besonders bei Kijimea K53 Advance wäre ich zurückhaltend. 53 Mikrokulturenstämme klingen beeindruckend. Aber „viel“ ist in der Darmtherapie nicht automatisch „besser“. Entscheidend ist nicht die Anzahl der Stämme, sondern ob die Stämme zum Menschen, zum Beschwerdebild und zur Situation im Darm passen. Gerade empfindliche Patienten reagieren auf breit angelegte Probiotika manchmal mit mehr Blähungen, Unruhe im Bauch oder dem Gefühl, dass der Darm noch mehr durcheinandergerät. Das wird dann gerne als Anfangsreaktion erklärt. Manchmal mag das stimmen. Manchmal passt das Präparat einfach nicht.

Ich selbst setze Kijimea in meiner Praxis nicht ein. Nicht, weil ich Probiotika ablehne, sondern weil ich mit anderen Herstellern und anderen Konzepten bessere Erfahrungen gemacht habe. Für mich zählen in der Praxis nicht Werbedruck, Fernsehspots oder Hochglanzseiten, sondern Verträglichkeit, nachvollziehbare Zusammensetzung, therapeutische Erfahrung und die Reaktion des Patienten.

Und ich sage gleich dazu: Ich erhalte von keinem Hersteller Geld, Provisionen, Rabatte oder sonstige Vorteile, wenn ich ein Präparat empfehle. Wenn ich ein Produkt gut finde, dann deshalb, weil es sich aus meiner Sicht bewährt hat. Wenn ich ein Produkt kritisch sehe, dann ebenfalls aus diesem Grund. Diese Unabhängigkeit ist mir wichtig, gerade in einem Markt, in dem Werbung, Affiliate Empfehlungen und redaktionell getarnte Verkaufsartikel oft kaum noch auseinanderzuhalten sind.

Mein abschließendes Urteil zu Kijimea lautet deshalb: Nicht alles daran ist fachlich uninteressant. Vor allem zu einzelnen Bakterienstämmen gibt es durchaus Daten, die man ernst nehmen kann. Aber die Art, wie daraus eine immer größere Produktpalette mit sehr viel Werbung gemacht wurde, überzeugt mich nicht. Für manche Menschen mag ein Kijimea Präparat einen Versuch wert sein. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Weitere Artikel zum Thema Probiotika finden Sie unter:

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Dieser Beitrag wurde erstmalig 2010 erstellt und letztmalig am 2.6.2026 ergänzt.