Xylit – Birkenzucker gegen Pilze (Candida Albicans)?

Eine Leser stellte mir folgende Frage:

Ich bin auf Ihrer Seite:
https://www.gesund-heilfasten.de/Candida_Anti_Pilz_Diaet.html

darüber gestolpert, dass sie der Meinung sind, Pilze können sich von Xylit ernähren. Ich habe eine komplett gegenteilige Erfahrung gemacht. Xylit scheint leicht antimykotisch zu sein.
Allein wenn man versucht mit Xylit einen Hefeteig anzusetzen, scheint man damit eher die Hefe zu töten.

Vielleicht sollten Sie sich auch mal damit befassen. Ist evtl sogar hilfreich gegen Candida. Mir war so als hätte ich irgendwann eine Studie bzgl. Mundsor dazu gelesen.

Antwort:

Xylitol oder Xylit ist ein Zuckeralkohol, der unter der Bezeichnung E967 als Zuckeraustauschstoff zum Einsatz kommt. Ich hatte eine nähere Charakterisierung dieser Substanz bereits in zwei Artikeln vorgenommen:

Hierbei wird auch die Frage nach den anti-bakteriellen Eigenschaften von Xylit diskutiert, besonders in Bezug auf die Zahnheilkunde.

Xylit ist ein natürlicher Stoff, der in Pflanzen und Tieren vorkommt. Sogar unsere eigene Leber produziert geringe Mengen an Xylit. Während die anti-bakterielle Wirkung von Xylit auf gewisse Bakterien, besonders auf Karies verursachende Bakterien der Art Streptococcus mutans, kaum angezweifelt wird, ist die Frage nach einer anti-mykotischen Wirkung nicht so eindeutig.

Es scheint sogar Hinweise zu geben, dass Xylit von niederen Pilzen verwertet und/oder produziert werden kann.

Wer sagt was? Xylit als anti-mykotische Substanz

Diese im Jahr 2015 erschienene Arbeit diskutiert die Frage, warum Xylit anti-mikrobiell wirksam ist: By passing microbial resistance: xylitol controls microorganisms growth by means of its anti-adherence property. – PubMed – NCBI

Die Autoren erklären diese Eigenschaft damit, dass Xylit die Fähigkeit der Mikroorganismen, sich an den Schleimhäuten und deren Epithelzellen fest zu haften, beeinträchtigt. Durch die mangelnde Adhäsion der Keime verlieren sie auch die Fähigkeit, auf den Schleimhäuten Kolonien zu bilden und sich zu vermehren. In diesem Zusammenhang, der primär von einer bakteriellen Infektion ausgeht, vermuten die Autoren ebenfalls ähnliche Mechanismen bei Pilzinfektionen.

Eine in vitro Studie aus dem Jahr 2018 spricht sogar von einer anti-mykotischen Wirkung gegen Candida albicans: Antifungal Activity of Xylitol against Candida albicans: An in vitro Study. – PubMed – NCBI

Die Autoren ermittelten hier eine minimale Hemmkonzentration von 200 Milligramm pro Milliliter (oder 200 Gramm pro Liter). Diese hohen Konzentrationen sind in der Lage, lokal (topisch) über Kaugummi, Zahnpasten und Mundspülungen eine Pilzinfektion in der Mundhöhle einzudämmen.

Bereits im Jahr 2000 gab es eine Arbeit, die sich mit dem Anheften von pathologischen Keimen auf der Schleimhaut in der Mundhöhle beschäftigt hatte: Effect of dietary carbohydrates on the in vitro epithelial adhesion of Candida albicans, Candida tropicalis, and Candida krusei. – PubMed – NCBI

Die Autoren sahen hier, dass vor allem eine Reihe von verschiedenen Zuckern, die wir vor allem in industriell gefertigten Nahrungsmitteln wiederfinden, die Fähigkeit der Pathogene zur Anheftung an die Epithelzellen der Mundschleimhaut signifikant fördert. Vor allem sind hier Glucose, Fructose und Maltose zu nennen. Insbesondere Candida albicans erfährt durch Fructose eine deutliche Verbesserung seiner Entwicklungsbedingungen.

Xylit dagegen verschlechtert die Fähigkeit zur Anheftung von Candida albicans an die Epithelzellen. Von daher glauben die Autoren, dass der Verzehr von Haushaltszucker, Glucose, Maltose oder Fructose das Risiko für eine Kandidose im Mundbereich signifikant erhöht. Der Einsatz von Xylitol oder Sorbitol könnte dieses Risiko verringern.

Mein Fazit: Der Einsatz von Xylit in Nahrungsmitteln als Zuckeraustauschstoff zur Verhinderung von Kandidosen im Mund funktioniert, wenn überhaupt, nur deshalb, weil Xylit die Zuckersorten ersetzt, die die Besiedlung von Pilzen fördern. Es liegt hier also keine systemische Wirkung vor, die vom Xylit ausgeht. Ähnlich wie in der zuvor diskutierten Studie verschlechtert Xylit beim Kauen der Nahrung vor Ort, also im Mund direkt, das Milieu für eine Pilzbesiedlung.

Diese Arbeit aus dem Jahr 2008 sieht überhaupt keinen fungiziden Effekt gegenüber Candida albicans: The enhancement effect of three sugar alcohols on the fungicidal effect of benzethonium chloride toward Candida albicans. – PubMed – NCBI

Die Autoren dieser Arbeit arbeiteten nicht mit isolierten Pilzkulturen, sondern mit Biofilmen von Candida albicans. Biofilme sind Schleimschichten, in die verschiedene Mikroorganismen eingebettet sind. Biofilme bieten für die hier ansässigen Mikroorganismen einen zusätzlichen Schutz, da die „Mitglieder“ in den Randgebieten bei einem Angriff durch zum Beispiel Antibiotika zwar abgetötet werden, dann aber eine Barriere bilden, die das Eindringen der für sie toxischen Substanz verhindert. Von daher sind Infektionen, die Biofilme ausgebildet haben, deutlich schwerer zu therapieren. Von daher sahen die Autoren keinen fungiziden Effekt von Xylitol, Sorbitol und Erythritol. Lediglich die fungizide Wirksamkeit von Benzethoniumchlorid, einem Konservierungsstoff, wurde durch die drei Zuckeralkohole verstärkt.

Mein Fazit: Auch hier zeigt sich, dass der fungizide Effekt von Xylit kein systemischer, sondern ein lokaler Effekt ist, der bei Biofilmen nicht mehr greifen kann, da die Substanz nicht in der Lage ist, in den Film einzudringen.

Wer sagt was? Xylit als pro-mykotische Substanz

Wenn wir die eben diskutierten Ergebnisse in Beziehung setzen zu der Tatsache, dass Xylit im Gastrointestinaltrakt nur sehr langsam und unvollständig resorbiert wird, dann wird klar, dass eine anti-mykotische Wirksamkeit nicht systemisch erreicht werden kann, sondern diese auf entsprechend hohen Konzentrationen am Wirkort beruhen, die über eine topische Applikation erreicht werden.

Seit geraumer Zeit gibt es vermehrt Arbeiten, die gezeigt haben, dass bestimmte Formen von Candida in der Lage sind, Xylitol zu produzieren. Diese Formen von Candida sind nicht nur gegenüber Xylitol unempfindlich, sondern darüber hinaus in der Lage, diesen Zuckeralkohol zu synthetisieren. Diese Eigenschaft hat sich die Industrie zu Nutze gemacht, um hier möglicherweise eine kostengünstige Form der Xylit-Produktion aufzubauen. Dazu werden genetisch manipulierte Subspezies benutzt, die von Natur aus Xylit-resistent sind und zudem selber die Fähigkeit haben, die Substanz zu produzieren, wie zum Beispiel Candida glycerinogenes. Ob diese Subspezies pathogenen Charakter hat konnte ich nicht ermitteln. (Production of Xylitol from D-Xylose by Overexpression of Xylose Reductase in Osmotolerant Yeast Candida glycerinogenes WL2002-5. – PubMed – NCBI)

Candida tropicalis dagegen ist ein pathogen wirksamer Hefepilz, der rund zehn Prozent aller erfassten systemischen Pilzinfektionen ausmacht. Diese Arbeit (Metabolic responses in Candida tropicalis to complex inhibitors during xylitol bioconversion. – PubMed – NCBI) diskutiert den Einsatz dieser Hefe bei der Produktion von Xylit und den damit verbundenen Beschränkungen. Diese Arbeit sucht also nach Möglichkeiten, die Xylit-Produktion durch die Hefe zu verbessern, ohne dabei Schäden beim „Produzenten“ hinnehmen zu müssen.

Daneben gibt es noch weitere Spezies von Hefepilzen, die in der Lage sind, Xylit zu produzieren: Cyberlindnera xylosilytica sp. nov., a xylitol-producing yeast species isolated from lignocellulosic materials. – PubMed – NCBI.

Diese Hefepilz-Art wurde 2015 neu entdeckt und festgestellt, dass sie in der Lage ist, Xylit zu produzieren. Ob sie für eine industrielle Verwendung geeignet ist, das wird im Artikel nicht beantwortet. Es gibt auch keine Auskünfte bezüglich pathogener Eigenschaften.

Eine Verwandte Art ist Cyberlindnera jadinii, auch Torula genannt, die als Geschmacksverstärker in industriell gefertigten Nahrungsmitteln zum Einsatz kommt. Diese Nahrungsmittel enthalten dann nicht mehr den Hinweis auf den Inhaltsstoff „Glutamat“, sondern „Hefeextrakt“, um auf diese Weise die Liste der Inhaltsstoffe aufzuhübschen.

Fazit

Xylit und Hefepilze – zwischen diesen beiden gibt es keine geradlinige Interaktion im Sinne von Xylit als „Medikation“ gegen Pilzinfektionen. Xylit wird zum Teil von einer Reihe von Hefepilzen selbst hergestellt, sogar bestimmte Candida-Arten mit pathogenem Charakter sind dazu in der Lage. Dies spricht gegen eine systemische Wirksamkeit von Xylit. Bei lokaler Applikation, wie zum Beispiel in Zahnpasta oder Kaugummis, scheint es eine gute Wirksamkeit gegen Mund-Soor zu geben.

Es ist zu vermuten, dass die wasserbindende Fähigkeit von Xylit die auf der Schleimhaut anhaftenden Hefepilze austrocknet und/oder daran hindert, sich an den Epithelzellen der Schleimhaut anzukoppeln. Gegen eine systemische Wirksamkeit spricht auch die sehr schlechte Bioverfügbarkeit von Xylit bei oraler Aufnahme.

Fazit vom Fazit: Wenn Xylit im Hefeteig das Aufgehen des Teigs verhindert, dann ist dies mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf eine lokale Wirksamkeit des Xylit auf die im Teig enthaltene Hefe zurückzuführen. Wir haben hier also das gleiche Szenario wie beim Xylit-Kaugummi im Mund. Rückschlüsse vom Hefeteig auf den Organismus und die Wirksamkeit von Xylit als „Pilzmittel“ führen damit notwendigerweise zu falschen Schlüssen.

Mehr zum Thema Candida finden Sie übrigens auch in meinem Buch zum Thema:

Datum: Dienstag, 20. März 2018
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Ein Kommentar

  1. 1

    Habe Bio-Xylit (mit Echtgarantie und sowas drauf) ausprobiert, um dessen angebliche Schutzwirkung vor Karies zu testen. Verzichtete dazu eine Zeitlang auf Rübenzuckerverzehr, welcher bei mir immer einen spürbaren, dicken Zahnbelag hinterlässt. Ergebnis: Nach Xylit war wieder ein Zahnbelag da, wenn auch etwas geringer. By the way: Xylit ist teuer, und teure Nahrungsmittel werden sehr oft gepanscht, zumal man das als Verbraucher nicht selber nachprüfen kann. Fazit: Ich hab damit aufgehört!

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