Breuss-Kur bei Krebs: Ablauf, Erfahrungen, Studien und Grenzen
Die Breuss-Kur gehört zu den bekanntesten und zugleich umstrittensten Fastenkuren überhaupt. Rudolf Breuss empfahl Menschen mit Krebs, 42 Tage lang auf feste Nahrung zu verzichten und lediglich bestimmte Gemüsesäfte und Kräutertees zu sich zu nehmen.
Seine Erklärung dafür klingt aus heutiger Sicht zunächst ziemlich abenteuerlich: Der Tumor sollte gewissermaßen „ausgehungert“ werden, während der übrige Organismus von den Säften weiterleben könne.
Damit könnte man das Thema schnell abhaken. Und genau das geschieht meistens.
Ich halte das für etwas zu einfach.
Denn Breuss‘ Vorstellung davon, dass eine Krebszelle von „fester Nahrung“ lebe, war biologisch natürlich nicht korrekt. Die wesentlich interessantere Frage lautet aber: Kann eine drastische Veränderung der Nährstoffzufuhr den Stoffwechsel von Tumorzellen und das Tumormilieu beeinflussen?
Und da lautet die Antwort inzwischen eindeutig: Ja, das kann sie.
Ob daraus wiederum folgt, dass die Breuss-Kur Krebs behandeln oder sogar heilen kann, ist eine völlig andere Frage. Hier ist die Datenlage sehr viel dünner.
Genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Wer war Rudolf Breuss?
Rudolf Breuss wurde 1899 in Österreich geboren und starb 1990. Bekannt wurde der Naturheilkundige vor allem durch seine Massage und die später als „Krebskur total“ bezeichnete Saftfastenkur.
1978 veröffentlichte er sein Buch über Krebs, Leukämie und andere schwere Erkrankungen. Das Buch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und erreichte eine enorme Verbreitung.
Breuss selbst berichtete von Tausenden Menschen, die nach seiner Methode erfolgreich behandelt worden seien. Später war sogar von Zehntausenden Fällen die Rede. Als Grundlage dienten vor allem Briefe und Rückmeldungen ehemaliger Patienten.
Solche Angaben sind historisch interessant, aber natürlich keine klinische Statistik. Wir wissen bei diesen Fällen meist nicht zuverlässig, wie die Diagnose gestellt wurde, welches Tumorstadium bestand, welche Behandlungen vorher oder gleichzeitig durchgeführt worden waren und wie lange die Patienten anschließend beobachtet wurden.
Das sollte man berücksichtigen.
Man sollte aber auch nicht den umgekehrten Fehler machen und sämtliche Erfahrungsberichte allein deshalb für bedeutungslos erklären. Gerade in der Naturheilkunde entstanden viele interessante Fragestellungen zunächst aus Beobachtungen. Entscheidend ist, was man anschließend daraus macht.
Wie funktioniert die Breuss-Kur?
Das Kernstück ist ein 42-tägiges Saftfasten. Während dieser Zeit wird keine feste Nahrung aufgenommen. Breuss erlaubte lediglich eine begrenzte Menge Gemüsesaft und verschiedene Kräutertees.
Der klassische Saft besteht unter anderem aus Roter Bete, Karotten, Sellerie und Rettich. Die tägliche Saftmenge sollte nach Breuss 500 Milliliter nicht überschreiten. Hinzu kamen verschiedene Tees, beispielsweise aus Salbei und anderen Heilpflanzen. Abhängig von der Erkrankung gab Breuss zusätzliche Empfehlungen. Für Prostata- und Hodenerkrankungen spielte bei ihm beispielsweise das kleinblütige Weidenröschen eine besondere Rolle.
Wer die Breuss-Kur mit dem üblichen Heilfasten vergleicht, sollte allerdings einen wesentlichen Unterschied berücksichtigen: 42 Tage sind eine völlig andere Größenordnung als eine klassische Fastenwoche.
Beim Heilfasten, wie ich es seit vielen Jahren praktiziere und begleite, stehen meist einige Entlastungstage, fünf bis sieben eigentliche Fastentage und anschließend die Aufbautage im Mittelpunkt. Eine sechswöchige Phase mit extrem geringer Energie- und Eiweißzufuhr stellt erheblich andere Anforderungen an den Organismus.
Das sollte man sich klarmachen, bevor man über Nutzen oder Risiken der Breuss-Kur spricht.
Breuss wollte den Tumor „aushungern“
Breuss ging davon aus, dass Tumorgewebe insbesondere auf Eiweiß und feste Nahrung angewiesen sei. Entziehe man diese Nahrung lange genug, beginne der Organismus gewissermaßen, den Tumor abzubauen. Er sprach sinngemäß von einer „Operation ohne Messer“. Die Vorstellung, eine Krebszelle könne feste Nahrung von flüssiger Nahrung unterscheiden, ist biologisch nicht haltbar. Nahrung wird schließlich im Verdauungstrakt zerlegt. An der einzelnen Zelle kommen Glukose, Aminosäuren, Fettsäuren und andere Stoffwechselprodukte an – keine Karotte und kein Schnitzel.
An dieser Stelle könnte man Breuss also leicht als widerlegt betrachten.
Nur ist damit die interessantere Frage noch gar nicht beantwortet.
Denn eine Krebszelle reagiert sehr wohl darauf, welche Nährstoffe verfügbar sind und welche hormonellen und metabolischen Signale im Organismus herrschen.
Und genau hier wird die moderne Forschung spannend.
Kann man Krebs tatsächlich „aushungern“?
Der Ausdruck ist problematisch, weil er etwas sehr Einfaches suggeriert, wo die Biologie ausgesprochen kompliziert ist. Tumorzellen besitzen einen veränderten Stoffwechsel. Viele Krebszellen nehmen große Mengen Glukose auf. Andere sind besonders von bestimmten Aminosäuren, Fettsäuren oder Wachstumsfaktoren abhängig. Und vor allem: Tumor ist nicht gleich Tumor.
Fasten verändert gleichzeitig eine ganze Reihe von Stoffwechselwegen.
- Blutzucker und Insulin sinken.
- Auch der Wachstumsfaktor IGF-1 kann zurückgehen.
- Die Bildung von Ketonkörpern steigt.
- Nährstoffabhängige Signalwege wie mTOR werden verändert.
- AMPK als Sensor des zellulären Energiestatus wird aktiviert.
- Autophagie und andere zelluläre Recyclingprozesse verändern sich.
- Auch Immunreaktionen und Entzündungssignale werden beeinflusst.
Was bei dieser Stoffwechselumschaltung im Einzelnen geschieht, beschreibe ich ausführlicher in meinem Beitrag Fasten und Fastenphysiologie – was passiert beim Fasten eigentlich?
Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang die Autophagie als zellulärer Recycling- und Reinigungsprozess. Gerade beim Thema Krebs ist sie allerdings komplex: Je nach Tumorart und Krankheitsstadium kann Autophagie sowohl tumorsuppressive als auch tumorschützende Funktionen besitzen.
Das bedeutet also keineswegs, dass ein Tumor automatisch verschwindet, sobald jemand nichts mehr isst. Es bedeutet aber sehr wohl, dass Fasten die metabolische Umgebung verändert, in der eine Tumorzelle existieren muss. Und das ist inzwischen keine naturheilkundliche Spekulation mehr.
Was moderne Fastenforschung mit Breuss zu tun hat
In den vergangenen Jahren ist eine ganze Forschungsrichtung entstanden, die untersucht, wie Nahrungsentzug oder eine sogenannte Fasting-Mimicking-Diet nach Valter Longo auf Tumorzellen und Krebstherapien wirken können.
Besonders intensiv untersucht werden Veränderungen von Glukose, Insulin, IGF-1, Aminosäureverfügbarkeit und verschiedenen Wachstumssignalwegen.
In Tiermodellen zeigen sich zum Teil deutliche antitumorale Effekte. Besonders interessant erscheinen Kombinationen mit etablierten Krebstherapien. Bei Menschen gibt es inzwischen erste klinische Studien mit metabolischen und immunologischen Veränderungen. Einen allgemeinen Nachweis, dass Fasten allein eine Krebserkrankung behandeln kann, liefern diese Studien jedoch nicht.
Ich habe zu diesem Themenkomplex bereits mehrfach geschrieben, unter anderem über Fasten bei Krebs und über die interessante Kombination von Fasten beziehungsweise Fasting-Mimicking-Diet und Vitamin C in der Krebsforschung.
Damit befinden wir uns jedoch in einer wesentlich interessanteren Situation als noch vor 20 oder 30 Jahren.
Breuss‘ Erklärung des Geschehens war falsch. Seine Beobachtung, dass ein massiver Nahrungsentzug den Stoffwechsel einer Tumorerkrankung beeinflussen könnte, erscheint aus heutiger Sicht dagegen keineswegs mehr so abwegig.
Und genau das ist einer der Gründe, weshalb ich beim Fasten immer wieder auf die Physiologie zurückkomme. Es geht eben nicht nur darum, einige Tage „nichts zu essen“. Insulin, Ketonkörper, Autophagie, Entzündungsprozesse und zahlreiche Regulationsmechanismen verändern sich dabei gleichzeitig. Wenn Sie solche Zusammenhänge interessieren und Sie meine Erfahrungen aus vielen Jahren Heilfasten-Praxis regelmäßig erhalten möchten, dann tragen Sie sich hier in meinen kostenlosen Heilfasten-Newsletter ein:
Was geschieht mit gesunden und kranken Zellen beim Fasten?
Ein besonders interessanter Forschungsansatz stammt unter anderem aus den Arbeiten um Valter Longo. Gesunde Zellen reagieren auf Nährstoffmangel, indem sie Wachstum und Zellteilung zurückfahren und verstärkt in Erhaltungs- und Reparaturprogramme wechseln. Biologisch ist das durchaus sinnvoll: Schlechte Zeiten sind kein günstiger Moment für Wachstum.
Tumorzellen haben dagegen häufig genau jene Signalwege verändert, mit denen eine normale Zelle auf solche Umweltbedingungen reagiert. Sie versuchen weiterzuwachsen. Daraus entstanden die Konzepte der sogenannten differential stress resistance und differential stress sensitization. Vereinfacht gesagt lautet die Hypothese:
Fasten könnte gesunde Zellen gegenüber bestimmten Belastungen widerstandsfähiger machen, während Tumorzellen gleichzeitig empfindlicher werden.
In einer klinischen Untersuchung mit 101 Krebspatienten wurde eine zyklische fünftägige Fasting-Mimicking-Diet zusammen mit einer Standard-Krebstherapie untersucht. Dabei zeigten sich deutliche Veränderungen von Blutzucker, Wachstumsfaktoren und verschiedenen Immunzellpopulationen.
Die Autoren sahen darin eine Grundlage für weitere Phase-II- und Phase-III-Studien. Ein Nachweis, dass die Patienten allein aufgrund dieser Ernährungsintervention länger lebten oder ihre Tumoren verschwanden, war die Untersuchung ausdrücklich nicht.
Gibt es überhaupt eine Untersuchung zur Breuss-Kur?
Ja. Und erstaunlicherweise wird sie in vielen Darstellungen zur Breuss-Kur gar nicht erwähnt. 1984 veröffentlichten Douwes und Mitarbeiter eine kleine Untersuchung mit acht Patienten mit fortgeschrittenen metastasierten Tumorerkrankungen. Eine Kontrollgruppe gab es nicht.
Die Autoren berichteten über:
- zwei komplette Remissionen,
- zwei partielle Remissionen,
- ein besseres Allgemeinbefinden bei mehreren Patienten und
- weniger Schmerzen als erwartet.
Ein Patient starb während der Untersuchung, zwei weitere kurz nach deren Abschluss. Gleichzeitig wurden erhebliche Gewichtsverluste zwischen etwa 9 und 16 Kilogramm beobachtet.
Die Untersuchung wird auch in der aktuellen Darstellung zur Breuss-Diät bei Onkopedia erwähnt.
Was lässt sich daraus schließen?
Zunächst einmal sehr wenig.
Acht Patienten ohne Kontrollgruppe ergeben keinen Wirksamkeitsnachweis. Bei verschiedenen Tumorerkrankungen, unterschiedlichen Vorbehandlungen und einer derart kleinen Gruppe kann man aus den beobachteten Remissionen nicht ableiten, dass die Breuss-Kur dafür verantwortlich war.
Aber auch die häufig anzutreffende Behauptung, die Breuss-Kur sei niemals untersucht worden, stimmt so nicht.
Es gab diese kleine klinische Beobachtung. Ihre Ergebnisse waren zumindest interessant genug, um weitere Untersuchungen zu rechtfertigen. Die kamen allerdings nicht. Und das ist für mich einer der bemerkenswertesten Punkte an der ganzen Geschichte.
Was sagt die aktuelle Krebsleitlinie?
Seit 2026 liegt eine aktualisierte deutsche S3-Leitlinie zur klinischen Ernährung in der Onkologie vor. Darin wird die Breuss-Diät ausdrücklich behandelt.
Die Leitliniengruppe kommt zu dem Ergebnis, dass keine ausreichend belastbaren Untersuchungen vorliegen, mit denen nachgewiesen werden könnte, dass die Breuss-Diät beim Menschen Tumorwachstum oder Metastasierung zurückdrängt oder die Wirksamkeit einer Krebstherapie verbessert. Entsprechend wird sie nicht empfohlen.
Interessant ist allerdings ein kleines Detail: Die Leitlinie spricht davon, dass bei ihrer systematischen Recherche keine verwertbaren klinischen Studien gefunden wurden. Onkopedia führt dagegen die ältere unkontrollierte Untersuchung von Douwes mit acht Patienten auf.
Das ist kein wirklich großer Widerspruch. Die Douwes-Arbeit erfüllt schlicht nicht die Anforderungen, die wir heute an einen klinischen Wirksamkeitsnachweis stellen.
Die korrekte Aussage lautet deshalb meines Erachtens: Es gibt eine kleine historische klinische Beobachtung mit interessanten Ergebnissen. Einen kontrollierten Nachweis für die Wirksamkeit der Breuss-Kur gibt es nicht.
Warum mich gerade die Berichte bei Prostatakrebs interessieren
Bei der Beschäftigung mit der Breuss-Kur stoße ich seit vielen Jahren immer wieder auf Berichte von Männern mit Prostatakarzinom. Einen solchen Fall habe ich bereits ausführlicher unter Prostatakrebs und Breuss-Kur beschrieben.
Bei diesem Leser war ein Prostatakarzinom diagnostiziert worden. Nach seiner Schilderung war eine Operation nicht mehr möglich. Er erhielt unter anderem eine Hormontherapie und entschied sich später für die 42-tägige Breuss-Kur. Jahre danach berichtete er mir, seine Blutwerte lägen weiterhin im Normbereich.
Ich kann einen solchen Fall aus der Ferne selbstverständlich nicht nachträglich klinisch bewerten. Dazu müsste man unter anderem Histologie, Tumorstadium, Bildgebung, sämtliche PSA-Werte und den Einfluss der vorausgegangenen Hormonbehandlung kennen. Aber der Verlauf ist bemerkenswert.
Solche Berichte sind für mich kein Beweis für die Breuss-Kur. Sie sind aber sehr wohl ein Grund, eine Frage nicht vorschnell für erledigt zu erklären.
Und gerade beim Prostatakarzinom wird diese Frage inzwischen wissenschaftlich ausgesprochen interessant.
Fasten und Prostatakrebs: Hier wird es spannend
Das Wachstum vieler Prostatakarzinome wird wesentlich über den Androgenrezeptor gesteuert. Genau deshalb gehören Behandlungen, welche die Wirkung männlicher Geschlechtshormone beziehungsweise die Androgenrezeptor-Signalgebung vermindern, zu den zentralen Verfahren bei fortgeschrittenem Prostatakrebs.
2025 erschien in der Fachzeitschrift Cancer Research eine bemerkenswerte experimentelle Untersuchung. Die Forscher untersuchten eine Kalorienrestriktion durch Alternate-Day-Fasting – also Fasten an wechselnden Tagen – in verschiedenen Prostatakrebsmodellen. Dabei wurde die Bildung beziehungsweise Signalwirkung des Androgenrezeptors vermindert. Gleichzeitig verstärkte das Fasten die antitumorale Wirkung des Androgenrezeptorblockers Enzalutamid.
Besonders interessant war der vorgeschlagene Mechanismus: Der Nährstoffmangel und insbesondere die eingeschränkte Verfügbarkeit von Aminosäuren störten die Herstellung des Androgenrezeptor-Proteins innerhalb der Tumorzelle. Die Arbeit kann bei PubMed nachgelesen werden.
Ich betone ausdrücklich: Das waren überwiegend präklinische Modelle. Das war keine Breuss-Kur an Männern mit Prostatakrebs.
Trotzdem finde ich diesen Befund ausgesprochen bemerkenswert.
Breuss stellte vor Jahrzehnten ausgerechnet die Einschränkung der Nahrungs- und Eiweißzufuhr in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Heute findet man beim Prostatakarzinom einen Mechanismus, bei dem Nährstoff- und Aminosäuremangel tatsächlich die Androgenrezeptor-Signalgebung beeinflussen kann.
Das beweist nicht, dass Breuss recht hatte. Es zeigt aber, dass seine Beobachtungen eine biologische Fragestellung berühren, die heute mit modernen molekularbiologischen Methoden untersucht wird.
2026 erschien dazu sogar eine systematische Übersichtsarbeit
Im Jahr 2026 erschien eine systematische Übersichtsarbeit speziell zum Zusammenhang zwischen intermittierendem Fasten, Stoffwechsel und Androgenrezeptor-Signalwegen beim Prostatakarzinom. Die Autoren diskutieren unter anderem:
- Insulin und IGF-1,
- AMPK und mTOR,
- den Fettstoffwechsel,
- mitochondriale Funktionen,
- oxidativen Stress und
- verschiedene Formen des Androgenrezeptors.
Die präklinischen Daten sprechen dafür, dass Fasten die Androgenrezeptor-Aktivität beeinflussen und möglicherweise die Wirkung antihormoneller Behandlungen verändern kann. Gleichzeitig betonen die Autoren, dass klinische Daten noch nicht ausreichen, um daraus eine etablierte therapeutische Strategie abzuleiten. Die Arbeit finden Sie ebenfalls bei PubMed.
Genau diese Unterscheidung halte ich für wichtig: Ein plausibler Mechanismus ist noch keine Therapie. Aber ohne solche Mechanismen entstehen auch keine neuen Therapien.
Was zeigen Untersuchungen mit Prostatakrebspatienten?
Auch hierzu gibt es inzwischen erste Daten am Menschen. In einer prospektiven Pilotstudie wurden 35 Männer mit Prostatakrebs aufgenommen. 29 absolvierten drei monatliche Zyklen einer jeweils viertägigen Fasting-Mimicking-Diet. Nach drei Monaten waren unter anderem Körpergewicht und Bauchumfang gesunken. Auch der Blutdruck verbesserte sich. Die Intervention erwies sich in dieser kleinen Gruppe als grundsätzlich durchführbar.
Die Autoren selbst weisen jedoch darauf hin, dass größere Studien notwendig sind, insbesondere wenn es um Lebensqualität, Tumorprogression und progressionsfreies Überleben geht.
Die Studie kann hier nachgelesen werden: Fasting-Mimicking-Diet bei Patienten mit Prostatakrebs.
Das ist zunächst eine Stoffwechselstudie. Sie zeigt nicht, dass Fasten ein Prostatakarzinom beseitigt. Was sich daraus aber durchaus ergibt: Gerade beim Prostatakarzinom gibt es heute biologische und erste klinische Gründe, den Zusammenhang zwischen Ernährung, Fasten, Stoffwechsel und Tumorentwicklung wesentlich ernster zu nehmen als noch vor einigen Jahrzehnten.
Ein sinkender PSA-Wert ist allerdings noch keine Heilung
Hier muss man aufpassen.
Wer bei Prostatakrebs fastet und anschließend einen sinkenden PSA-Wert beobachtet, darf daraus allein noch keine Tumorheilung ableiten.
PSA wird von Prostatazellen produziert und hängt von verschiedenen Faktoren ab. Vor allem antihormonelle Behandlungen können den Wert drastisch verändern.
Entscheidend ist deshalb immer der Gesamtverlauf:
- Ausgangsbefund,
- Histologie,
- Gleason- beziehungsweise ISUP-Einstufung,
- Bildgebung,
- PSA-Verlauf,
- vorangegangene und laufende Behandlungen und
- die weitere Entwicklung über längere Zeit.
Das macht einzelne Langzeitverläufe nicht uninteressant. Es verhindert nur, dass aus einem interessanten Fall vorschnell ein Beweis wird.
Das größte Problem der Breuss-Kur ist nicht der Gemüsesaft
Es sind die 42 Tage. In der kleinen Untersuchung von Douwes verloren die Patienten zwischen 9 und 16 Kilogramm Körpergewicht.
Bei einem kräftigen, vielleicht sogar übergewichtigen Mann mit einem frühen Prostatakarzinom ist das eine völlig andere Ausgangssituation als bei einem Patienten mit fortgeschrittenem Bauchspeicheldrüsen-, Lungen- oder Magenkrebs, der bereits zehn oder fünfzehn Kilogramm ungewollt verloren hat.
Viele Tumorerkrankungen können zu einer Kachexie führen. Dabei geht nicht nur Fett verloren, sondern vor allem Muskelmasse.
Und Muskelmasse ist gerade bei einer schweren Erkrankung keine kosmetische Größe. Sie beeinflusst Belastbarkeit, Stoffwechsel, Therapieverträglichkeit und Prognose.
Deshalb halte ich wenig von pauschalen Fragen wie: „Dürfen Krebspatienten fasten?“
Die vernünftigere Frage lautet: Welcher Patient mit welcher Tumorerkrankung, in welchem Stadium und mit welchem Ernährungszustand soll welche Form des Fastens für wie lange durchführen?
Das ist etwas völlig anderes. Zu den allgemeinen Grenzen und Gegenanzeigen des Fastens habe ich im Beitrag Wer darf nicht fasten? ausführlicher geschrieben.
42 Tage Breuss sind nicht dasselbe wie modernes Kurzzeitfasten
Das ist auch wichtig, wenn heutzutage Studien zum Fasten bei Krebs zitiert werden. Die neueren klinischen Untersuchungen arbeiten häufig mit kurzen Fastenzeiten oder sogenannten Fasting-Mimicking-Diets von etwa vier bis fünf Tagen. Anschließend wird wieder normal beziehungsweise kontrolliert gegessen.
Solche Interventionen kann man nicht einfach auf eine 42-tägige Breuss-Kur übertragen. Auch Erkenntnisse zum Kurzzeitfasten vor oder während einer Chemotherapie sind kein Beweis dafür, dass sechs Wochen Saftfasten dieselben Wirkungen besitzen.
Die moderne Forschung bewegt sich eher in Richtung kurzer und gezielt wiederholter metabolischer Interventionen.
Vielleicht ist gerade das langfristig die interessantere Weiterentwicklung des Breuss-Gedankens.
Und was ist mit den Kräutern?
Dieser Teil der Breuss-Kur wird meiner Meinung nach oft etwas vernachlässigt. Breuss kombinierte das Fasten mit verschiedenen Heilpflanzen. Neben Salbei und anderen Kräutertees setzte er abhängig von der Erkrankung unterschiedliche Pflanzen ein.
Beim Prostatakarzinom beziehungsweise bei Prostatabeschwerden spielte bei ihm insbesondere das kleinblütige Weidenröschen eine Rolle.
Ob solche Pflanzen zu den von Breuss berichteten Ergebnissen beigetragen haben, wissen wir nicht. Eine Breuss-Kur ist deshalb streng genommen nicht nur eine Fastenmethode. Sie besteht aus mehreren Komponenten:
- massiver Kalorienrestriktion,
- sehr geringer Proteinzufuhr,
- Gemüsesäften,
- Heilpflanzentees und
- einer 42 Tage dauernden Stoffwechselumstellung.
Wenn man mögliche Wirkungen wissenschaftlich untersuchen wollte, müsste man diese Faktoren eigentlich voneinander trennen. Das wurde meines Wissens nie systematisch gemacht.
Was ich an Breuss heute noch interessant finde
Breuss entwickelte seine Methode zu einer Zeit, als Begriffe wie mTOR, AMPK, IGF-1-Signalweg, metabolische Flexibilität oder Autophagie nicht zum normalen medizinischen Wortschatz gehörten. Seine Erklärungen waren entsprechend einfach, teilweise zu einfach. Aber man wusste es zu Breuss Zeiten eben noch nicht. Breuss war Praktiker. Heute wissen wir, dass der Nährstoffstatus unmittelbar mit zellulären Wachstumsprogrammen verbunden ist.
Wenn reichlich Glukose, Aminosäuren und Wachstumssignale vorhanden sind, bekommt eine Zelle andere Signale als während eines längeren Nahrungsentzugs. Fasten verändert zudem nicht nur die Tumorzelle selbst. Es beeinflusst Leber, Fettgewebe, Hormone, Immunsystem, Darm und praktisch den gesamten Stoffwechsel.
Gerade deshalb halte ich die Frage hinter Breuss weiterhin für interessant: Kann man durch eine gezielte metabolische Veränderung Bedingungen erzeugen, unter denen gesunde Zellen besser zurechtkommen als bestimmte Tumorzellen?
Diese Frage wird heute tatsächlich wissenschaftlich untersucht. Nur nennt man es nicht mehr Breuss-Kur.
Solche Themen zeigen für mich übrigens sehr schön, weshalb man Naturheilkunde weder unkritisch übernehmen noch vorschnell entsorgen sollte. Mich interessiert immer: Was wurde tatsächlich beobachtet? Was ist biologisch plausibel? Und was lässt sich inzwischen durch Forschung belegen? Wenn Sie solche Analysen und meine Einschätzungen aus der Naturheilpraxis regelmäßig lesen möchten, können Sie hier meinen kostenlosen Praxis-Newsletter „Unabhängig. Natürlich. Klare Kante.“ anfordern:
Wo ich persönlich eine Grenze ziehen würde
Eine 42-tägige Saftkur ist keine Fastenkur, die ich einem Krebspatienten anhand einer Internetseite einfach empfehlen würde.
Dafür sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Erkrankungen und Patienten zu groß.
Wer bereits stark abgenommen hat, wenig Muskelmasse besitzt, unter einer ausgeprägten Tumorkachexie leidet oder aufgrund der Erkrankung beziehungsweise Therapie kaum noch Nahrung aufnehmen kann, befindet sich in einer völlig anderen Situation als ein übergewichtiger Patient mit stabilem Allgemeinzustand.
Ebenso muss berücksichtigt werden, welche Medikamente eingenommen werden und welche onkologische Behandlung gerade erfolgt.
Das ist für mich keine Frage von „Schulmedizin gegen Naturheilkunde“. Es ist schlicht eine Frage der Physiologie. Historisch gehört außerdem zur Wahrheit, dass Breuss während seiner Kur konventionelle Krebsbehandlungen ablehnte beziehungsweise unterbrechen wollte. Diesen Teil seines Konzepts würde ich heute keinesfalls einfach übernehmen.
Gleichzeitig würde ich aus den möglichen Risiken einer 42-tägigen Breuss-Kur auch nicht den Schluss ziehen, Fasten habe bei Krebs grundsätzlich nichts verloren. Dazu ist die moderne Forschung inzwischen viel zu interessant.
Und noch etwas: Nach sehr langen Fastenzeiten ist auch das richtige Fastenbrechen und der schrittweise Kostaufbau ein eigenes Thema. Nach 42 Tagen darf man nicht einfach zur normalen Ernährung zurückkehren, als sei nichts gewesen.
Mein Fazit zur Breuss-Kur
Rudolf Breuss hat mit seiner Vorstellung, Krebszellen würden sich von „fester Nahrung“ ernähren, den Tumorstoffwechsel falsch erklärt.
Damit ist die Geschichte für mich aber nicht beendet. Die moderne Forschung zeigt inzwischen sehr deutlich, dass Nährstoffverfügbarkeit, Glukose, Insulin, IGF-1, Aminosäuren und zelluläre Energiesensoren erheblichen Einfluss auf das Verhalten von Tumorzellen haben können.
Besonders interessant finde ich die neueren Arbeiten zum Prostatakarzinom. Dass Fasten und Aminosäureverfügbarkeit experimentell sogar die Androgenrezeptor-Signalgebung verändern können, hätte Breuss nicht erklären können.
Seine Beobachtung, dass gerade bei bestimmten Tumoren eine drastische Veränderung der Nahrungszufuhr möglicherweise etwas bewirkt, erscheint vor diesem Hintergrund zumindest untersuchenswert.
Zur eigentlichen Breuss-Kur fehlt dieser Nachweis weiterhin.
Wir haben historische Erfahrungsberichte, eine winzige unkontrollierte Untersuchung mit interessanten Ergebnissen und inzwischen eine wachsende moderne Forschung über Fasten und Tumorstoffwechsel.
Mehr lässt sich derzeit seriös nicht sagen — aber weniger eben auch nicht. Und deshalb halte ich es für falsch, Rudolf Breuss entweder zum bewiesenen Krebsheiler zu erklären oder seine Beobachtungen mit einem Handstreich vom Tisch zu fegen. Die spannende Frage lautet heute nicht mehr, ob Krebszellen „feste Nahrung“ brauchen.
Die spannende Frage lautet: Welche Tumoren besitzen metabolische Schwachstellen, die sich durch zeitlich begrenztes Fasten oder eine gezielte Nährstoffrestriktion nutzen lassen?
Darauf bekommen wir aus der Forschung inzwischen erste Antworten. Und ich vermute, dass dieses Kapitel noch lange nicht abgeschlossen ist.
Quellen die ich mir angesehen habe
- Onkopedia: Breuß-Diät. Übersicht über Methode, historische Untersuchung und Sicherheitsaspekte.
- Leitlinienprogramm Onkologie: S3-Leitlinie Klinische Ernährung in der Onkologie, Version 1.0, 2026.
- Vernieri C et al.: Fasting-Mimicking Diet Is Safe and Reshapes Metabolism and Antitumor Immunity in Patients with Cancer. Cancer Discovery. 2022;12(1):90–107.
- Fay-Watt V et al.: The impact of a fasting mimicking diet on the metabolic health of a prospective cohort of patients with prostate cancer. Prostate Cancer and Prostatic Diseases. 2023;26:317–322.
- Cordova R et al.: Caloric Restriction Enhances the Efficacy of Antiandrogen Therapy in Prostate Cancer by Inhibiting Androgen Receptor Translation. Cancer Research. 2025;85:4182–4197.
- Intermittent Fasting and Androgen Receptor Signaling in Prostate Cancer: Metabolic Crosstalk and Therapeutic Implications. Systematische Übersichtsarbeit, 2026.
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