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Die Bedeutung der Darmflora

Informationen aus der Naturheilpraxis von René Gräber

René Gräber

Die Darmflora findet in der Schulmedizin bei der Beurteilung der Verdauung und der Diagnose verschiedener Erkrankungen auch heute noch kaum Beachtung. Zeit für einen genauen Blick.

In diesem Artikel gehe ich daher ausführlich auf die Bedeutung der Darmflora ein, sowie deren Sinn und Zweck. Und: deren Wirkung im Immunsystem, sowie den Zusammenhang zu verschiedenen Erkrankungen.

Darmflora – was ist das eigentlich genau?

Dies hört sich irgendwie nach einem Mädchennamen an, Flora. Flora entstammt dem Lateinischen und bedeutet „Blume“ oder „Blüte“. Und so bezeichnen die Wissenschaften alles Pflanzliche als Flora (Fauna bezieht sich auf alle tierischen Lebewesen).

Unglücklicherweise wird auch das Reservoir an Lebewesen im Darm von Mensch und Tier als Flora, die Darmflora, bezeichnet. Hier haben wir es aber mit einer komplett anderen Lebensform zu tun, die einem eigenen Reich zugehörig ist, den Bakterien. Von daher ist der Begriff „Darmflora“ nicht richtig.

Es wäre richtig, hier von „Darmmikroorganismen“ oder einfach „Darmbakterien“ zu reden. Aber auch hier hat sich eine sprachliche Ungenauigkeit durchgesetzt, die in den Erkenntnissen von vor mehr als 50 Jahren begründet liegt, wo man die Bakterien großenteils noch den Pflanzen zugeordnet hatte.

Heute weiß man aufgrund von genetischen Untersuchungen, dass Bakterien weder Pflanzen, noch Tiere, noch Pilze sind, sondern ein eigenes Reich bilden.

Aber: Um hier keine große Verwirrung zu stiften, werde ich im Folgenden auch der Einfachheit halber auf die „Darmflora“ zurückgreifen.

 

Was also ist eine „Darmflora“?

Die Darmflora besteht aus Mikroorganismen, die im Verdauungstrakt von Menschen und Tieren beheimatet sind und das größte Reservoir an Mikroorganismen beim Menschen darstellen.

Der menschliche Körper besteht aus über 100 Billiarden Zellen. In unserem Verdauungsapparat dagegen existiert mindestens die 10-fache Menge an Mikroorganismen.

Die Summe aller Stoffwechselvorgänge dieser Bakterien ist mit dem Stoffwechsel eines eigenständigen Organs vergleichbar. Von daher gibt es inzwischen Stimmen unter den Wissenschaftlern, die hier von einem „vergessenen Organ“ reden. Sie vermuten, dass die Darmflora etwa 100 mal mehr Gene zusammengenommen aufweist als das menschliche Genom. Heute weiß man außerdem, dass nur etwa zehn Prozent der menschlichen Krankheiten auf unsere genetische Veranlagung zurückzuführen sind. Den weitaus größten Einfluss haben unterschiedlichste Umweltfaktoren (etwa Medikamente, Nahrungsmittel und unsere Emotionen), die wiederum die Zusammensetzung unserer Darmflora bestimmen.

Der überwiegende Anteil der Bakterien kommt im Dickdarm vor, ein weiterer Teil im unteren Teil des Dünndarms.

Der vordere Teil des Dünndarms (Duodenum und Jejunum) dagegen ist nur sehr dünn besiedelt. Zwischen 30 und 60 Prozent des Stuhls besteht aus Trockenmasse von Bakterien.

Dennoch beachteten Wissenschaftler die Darmflora lange Zeit kaum. Doch das änderte sich spätestens mit dem 2007 ins Leben gerufene Human Microbiome Project (HMP), das sich mit den Mikroorganismen beschäftigt, die den menschlichen Körper besiedeln.
Und dabei wurde die Bedeutung der Darmflora immer offensichtlicher: So gehen Wissenschaftler davon aus, dass der menschliche Körper dauerhaft von mehr als 10.000 Mikroorganismen-Arten besiedelt werden kann, wobei nicht alle davon im Darm vorkommen, sondern teilweise nur auf der Haut, im Mundraum oder in der weiblichen Vagina. Der Darmtrakt eines Menschen wird etwa von 500 bis 1.000 unterschiedlichen Mikroorganismen-Arten bewohnt. Allein ein Gramm Darminhalt enthält etwa eine Billion Lebewesen. Obwohl die Forschung noch am Anfang steht, gehen Fachleute davon aus, dass eine Vielzahl der bakteriellen Proteine eine entscheidende Rolle für die menschliche Gesundheit spielen.

Neben den Bakterien existieren noch Pilze und Protozoen im Gastrointestinaltrakt. Aber bis heute weiß man so gut wie gar nichts über deren Aktivitäten und Funktionen für den Darm des Menschen.

Was man heute aber weiß, ist, dass das Verhältnis zwischen dem Menschen als Wirt und der Darmflora als Gast mehr ist als nur ein Zusammenleben unter Waffenstillstandsbedingungen. Vielmehr können wir hier von einer echten „Symbiose“ reden, also einem Zusammenleben, bei dem beide Parteien einen partnerschaftlichen Nutzen haben.

Theoretisch wäre es denkbar, dass ein Mensch auch ohne Darmbakterien überleben kann. Aber die notwendigen Ausgleichsmaßnahmen für ein Fehlen der Darmflora wären enorm. Denn die Mikroorganismen führen eine Menge von nützlichen Aktivitäten aus:

  • Sie fermentieren unberührte Energiesubstrate,
  • trainieren das Immunsystem,
  • verhindern das Wachstum von nicht erwünschten und schädlichen Mikroorganismen,
  • Regulieren die Entwicklung des Darms,
  • produzieren Vitamine für uns (u.a. Biotin, Vitamin K)
  • und produzieren Hormone, die die Fettspeicherung erleichtern.

Genauer auf die Verteilung der verschiedenen Spezies und deren Vitaminbildung gehe ich in meinem Beitrag "Darmbakterien" ein.

Bis heute ist man aber noch weit davon entfernt, alle Spezies im Gastrointestinaltrakt identifizieren zu können. Dies liegt auch daran, dass viele der Bakterien sich nicht kultivieren lassen. Damit ist eine Bestimmung fast unmöglich.

Was man aber heute weiß (und das ist das Überraschende), ist, dass die Spezies von Mensch zu Mensch variieren.

Diese Variationen in der Population der Mikroorganismen bleiben auch über einen langen Zeitraum erhalten, selbst bei Veränderungen in Diät, Lebensgewohnheiten und mit zunehmendem Alter.

Man kann hier also von einem gastrointestinalen Fingerabdruck reden, der so individuell ausfällt wie der echte Fingerabdruck.

Doch kann die sonst so solide Gemeinschaft der Darmbakterien – etwa durch eine Antibiotikabehandlung – in ihrem Gleichgewicht gestört und dauerhaft verändert werden. Meist regeneriert sich die Darmflora nach einiger Zeit von selbst. Aber kommen viele ungünstige Faktoren zusammen (etwa Stress, zuckerreiche Nahrung, geschwächtes Immunsystem), so können plötzlich andere Mikroorganismen als vor der Behandlung Überhand nehmen.
Spannend in diesem Zusammenhang sind Beobachtungen, dass die Darmflora mancher autistische Kinder sich stark von der gesunder Kinder unterscheidet. In ihrem Intestinaltrakt siedeln beispielsweise viel weniger gesunde Bifidobakterien (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24130822).

Auch bei Kindern mit der Autoimmunerkrankung Typ-1-Diabetes scheint teilweise die Zusammensetzung der Darmbakterien ungünstig verschoben zu sein (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24475780).

Vermutlich ist das Verhältnis der siedelnden Mikroorganismen einer von mehreren Faktoren, die diese Form der Diabetes auslösen können.
Laborversuche zeigen außerdem, dass bei neugeborenen Mäusen eine Antibiotikagabe nicht nur die Zusammensetzung der Darmflora nachhaltig ändert, sondern hieran anschließend auch zu Übergewicht führen kann (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25126780).
Obwohl die genauen Zusammenhänge noch unerforscht sind, zeigen diese Beispiele, wie weitreichend der Körper des Wirtes (Mensch bzw. Maus) von seinen winzig kleinen Darmbewohnern abhängig zu sein scheint.

Die meisten Bakterien unseres Verdauungstraktes gehören zu der Gattung Bacteroides, Clostridium, Fusobacterium, Eubacterium, Ruminococcus, Peptococcus, Peptostreptococcus und Bifidobacterium. Escherichia und Lactobacillus sind weniger häufig vertreten (aber die Bekannteren). Die Spezies von der Gattung Bacteroides alleine machen schon ca. 30 Prozent aller Bakterien im Gastrointestinaltrakt aus. Dies lässt die Vermutung zu, dass diese Gattung besonders wichtig ist für die Funktion des Darms.

Die zurzeit bekannten Pilze in der Darmflora sind Candida, Saccharomyces, Aspergillus und Penicillium.

Wie erhält man eine Darmflora?

Wenn man Blumen haben möchte, dann geht man zum Floristen. Wenn man eine Darmflora haben möchte, gibt es dann dafür einen Darmfloristen?

Scherz beiseite. Nein, es gibt weder einen Darmfloristen (wäre ein alternativer Beruf für einen Gastroenterologen), noch kann man sich eine Darmflora auswählen.

Auf der anderen Seite werden wir aber auch nicht mit einer voll ausgebildeten Darmflora geboren.

Bisher ging man davon aus, dass ein Neugeborenes erst während der Geburt mit den ersten Bakterien in Kontakt kommt. (http://www.newscientist.com/article/mg21428603.800-babies-are-born-dirty-with-a-gutful-of-bacteria.html).

Ein spanisches Forscherteam fand allerdings kürzlich im Mekonium (dem ersten Stuhlgang nach der Geburt, auch Kindspech genannt) von Mäusen eine vielfältige Bakteriengesellschaft. Die frühe Besiedlung ließ sich auch bei menschlichen Neugeborenen bestätigen.

Die Forscher gehen daher davon aus, dass Bakterien die Plazentaschranke überwinden können und schon während der Schwangerschaft den Verdauungstrakt der Föten besiedeln.

Dies sind bei einer normalen Geburt Bakterien im Geburtskanal und Vaginalbereich. Durch Verschlucken von Sekret kommt es zur weiteren Besiedelung im Gastrointestinaltrakt des Säuglings. Anschließende Schübe erhält der Säugling durch das Stillen und die Umwelt.

Nach ungefähr einem Monat ist dann der Gastrointestinaltrakt ausreichend besiedelt.

Bei durch Kaiserschnitt entbundenen Kindern sieht die Sache deutlich anders aus. Denn hier erfolgt die Exposition nur der Umwelt gegenüber, also Keime von Luft, anderen Kindern, der Haut der Mutter, Krankenhauspersonal usw. Damit ist die Besiedlung dieser Säuglinge signifikant anders als die von normal entbundenen Neugeborenen.

Bei nicht gestillten, sondern mit der Flasche gefütterten Säuglingen erfolgt zu Beginn eine primäre Besiedlung mit E. coli und Streptococcus. Während der ersten Lebenswoche sorgen diese Bakterien für Bedingungen, die eine nachfolgende Weiterbesiedlung mit ausschließlich anaeroben Bakterien begünstigen, wie Bifidobacterium, Bacteroides, Clostridium und Ruminococcus. Im weiteren Verlauf entwickelt sich hier eine erwachsenenähnliche Darmflora.

Bei gestillten Säuglingen dagegen siedeln sich primär Bakterien an, die Milchsäure produzieren, also Bifidobakterien und Laktobazillen. Dadurch kommt es zu einer Ansäuerung des Darmmilieus. Dies wiederum schafft Bedingungen, die es für andere, besonders für schädliche Bakterien schwer macht, sich erfolgreich anzusiedeln. Grund für die nahezu selektive „Zucht“ von Bifidobacterium und Lactobacillus bei den gestillten Babys scheinen Substanzen in der Muttermilch zu sein, die als Wachstumsfaktoren für diese Gattungen wirken.

Das Problem welches ich deutlich sehe: Auf diese Umstände wird in den Kliniken und seitens der Hebammen kaum hingewiesen. Ich sehe hier auch Zusammenhänge mit der Immunlage der Kinder und auch den sog. Drei-Monats-Koliken. Zum Immunsystem später noch mehr, aber zuerst einmal sollten wir uns mehr mit dem Sinn und dem Zweck der Darmflora zuwenden.

Sinn und Zweck der Darmflora

Wie schon einleitend beschrieben, gehen die Bakterien der Darmflora einer Reihe von nützlichen Aktivitäten nach. Die Wichtigsten sind die Aktivierung und Sensibilisierung des Immunsystems gegenüber Pathogenen, das Verdrängen von schädlichen Mikroorganismen und ihr Beitrag zur Verdauung und Resorption von Nährstoffen.

Im Folgenden will ich die verschiedenen Aufgaben näher charakterisieren:

Unterdrückung des Wachstums von pathogenen Mikroorganismen
Eine der wichtigsten Aufgaben der Darmflora ist die Kontrolle und Aufrechterhaltung der Zusammensetzung der verschiedenen Mikroorganismen. Damit wird der Lebensraum für unerwünschte und krankheitserregende Mikroorganismen deutlich beschnitten.

Diese stabilisierende Aktivität wird auch „Barriereeffekt“ oder „Barrierefunktion“ genannt. Sie verhindert, dass schädliche Hefepilze und Bakterien, wie Clostridium difficile, Überhand nehmen können, da sie in Konkurrenz stehen mit den nützlichen Bakterien der Darmflora. Diese Konkurrenz bezieht sich auf den zur Verfügung stehenden Platz und das Nahrungsangebot.

Aus Tierversuchen weiß man, dass Tiere ohne Darmflora schnell gastrointestinale Infektionen aufwiesen, wie z.B. ein ausgeprägtes Wachstum von Clostridien, die Entzündungen der Darmschleimhäute bewirken. Auch nach Einsatz von Antibiotika wird dieses Phänomen beobachtet. Daher der Name „antibiotikaassoziierte Kolitis“. Häufiger wird aber von der "pseudomembranösen Kolitis" gesprochen. Das ist zwar genau das Gleiche - aber der Patient merkt nicht gleich, dass er die Darmentzündung wegen der Antibiotika hat. In diesem Fall liegt die Ursache in der Zerstörung der natürlichen Darmflora durch die Antibiotika, was den Weg ebnet für den Einzug pathogener Mikroorganismen, wie z.B. Clostridien. Der Barriereeffekt also schützt den Menschen vor der Invasion von neuen Spezies und vor den Spezies, die schon in geringer Zahl im Darm präsent sind, sich aber aufgrund der Aktivitäten der Darmflora nicht durchsetzen können.

Die Mechanismen, mit denen die Darmflora sich reguliert, sind noch nicht vollständig bekannt. Man weiß aber heute, dass die Darmflora in der Lage ist, Bakteriocine zu produzieren. Bakteriocine sind Gifte auf Proteinbasis, die das Wachstum der Stämme derselben bzw. ähnlicher Bakteriengattungen unterbinden. Die Fermentation im Dickdarm erzeugt Milchsäure und verschiedene Fettsäuren, die eine Senkung des pH-Werts bewirken. Das Milieu wird also im Dickdarm in den sauren Bereich verschoben. Dieses „Ansäuern“ ist ein weiterer Mechanismus, der die Ansiedlung schädlicher Mikroorganismen verhindert und die Nützlichen fördert. Es wird auch vermutet, dass diese pH-Wert-Veränderung die Ausscheidung von krebserzeugenden Stoffen begünstigt.

Schauen wir als nächstes einmal auf die Auswirkungen in Bezug auf das Immunsystem.

Die Darmflora und das Immunsystem

Die Darmflora hat einen anhaltenden und dynamischen Effekt auf das systemische Immunsystem des Wirts und auf sein Immunsystem im Darm.

Hier sind die Bakterien der Schlüssel für die frühe Entwicklung des Immunsystems in der Darmschleimhaut. Diese Bakterien stimulieren das lymphatische Gewebe, das mit der Darmschleimhaut assoziiert ist und regen somit die Produktion von Antikörpern gegen krankmachende Keime an.

Das Immunsystem erkennt und bekämpft schädliche Mikroorganismen, ohne dabei die Nützlichen zu beeinträchtigen.

Dieses selektierende und differenzierende „Toleranzverhalten“ seitens des darmassoziierten Immunsystems wird schon in der Kindheit erworben, denn: direkt nach der Geburt beginnen die Bakterien mit der Kolonisierung des Gastrointestinaltrakts, wie wir schon weiter oben diskutiert haben. Dabei tritt ein interessantes Phänomen auf. Die ersten sich ansiedelnden Bakterien sind in der Lage, den Aufbau des Immunsystems des Neugeborenen so zu beeinflussen, dass dies das Überleben dieser „Pioniere“ unterstützt und schützt, dagegen das Überleben der Konkurrenz bekämpfen hilft. Dies macht deutlich, wie wichtig es ist, welche Bakterien bei einem Neugeborenen sich in der Stunde Eins ansiedeln. Denn hiervon hängt der Aufbau der Darmflora für den Rest des Lebens ab. Dies ist auch eine mögliche Erklärung für Darmstörungen bei Patienten, die als Neugeborene per Kaiserschnitt entbunden wurden und / oder primär mit der Flasche gefüttert wurden.

Wir haben in dem vorherigen Kapitel diskutiert, dass Kaiserschnitt und der Verzicht aufs Stillen zu einer signifikant veränderten Erstbesiedlung führt, die der eines Erwachsenen gleicht. Damit könnte es also zu Toleranzen seitens des sich entwickelnden Immunsystems gegenüber schon vorhandenen pathogenen Bakterienstämmen kommen. In der Abstillphase dann kommt es zu einem Wechsel der Darmflora von fakultativ anaeroben Gattungen, wie Streptococcus und E. coli, zu meist rein anaeroben Gattungen. Angesichts dieser Tatsachen kann ich es immer noch nicht glauben, dass dies in der Schulmedizin und der Kinderheilkunde keinerlei Relevanz in der Therapie zu finden scheint.

Neuere Forschungen haben gezeigt, dass die Darmflora eine Rolle bei der Aktivität des Toll-like Rezeptors (TLR) im Gastrointestinaltrakt spielt. Dies sind Moleküle, die bei der Reparatur von verletzungsbedingten Schäden helfen. So veranlassen diese Rezeptoren das Immunsystem, z.B. um Strahlungsschäden zu beheben. Eine andere Aufgabe dieser Rezeptoren ist die Befähigung des darmassoziierten Immunsystems, zwischen Freund und Feind unter den Mikroorganismen unterscheiden zu können. Die Rezeptoren identifizieren dabei die Krankheitserreger, die die Mukosabarriere überwunden haben und lösen eine Immunantwort aus, die sich gegen diese spezifischen Pathogene richtet. Dabei spielen drei Arten von immunosensorischen Zellen eine Rolle: Die Oberflächenenterozyten (Saumzellen), M-Zellen und dendritische Zellen.
Eine andere Gruppe von Rezeptoren ist in der Lage, molekulare Strukturen von Bakterien zu erkennen und eine Art Stressantwort auszulösen, indem sie die Produktion von entzündungsfördernden Zytokinen auslösen.

Bakterien sind auch in der Lage, ein Phänomen zu beeinflussen, dass „orale Toleranzentwicklung“ genannt wird. Hier zeigt sich das Immunsystem weniger empfindlich einem Antigen gegenüber, das oral aufgenommen wird oder auch von der Darmflora produziert wird. Diese Toleranzentwicklung wird teilweise durch das gastrointestinale Immunsystem bewirkt und teilweise durch die Leber. Sie führt zu einer Verminderung von überaktiven Immunantworten, wie sie bei einer Allergie und Autoimmunerkrankungen bekannt sind.

Mäuseversuche bestätigen, dass die Entwicklung einer Lebensmittelallergie unter anderem von der Zusammensetzung der Darmflora abhängt (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25157157).

Mediziner stellen immer wieder fest, dass manche Impfungen bei den einen Menschen hervorragend wirken, bei anderen wiederum gar nicht. Mittlerweile haben Forscher herausgefunden, dass auch hier die Zusammensetzung der Darmflora entscheidend dazu beiträgt, wie gut die Immunantwort bei Impfungen – zum Beispiel gegen Grippe – ausfällt (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25220212). Obwohl es wissenschaftlich bisher nur an Mäusen überprüft wurde, kann man davon ausgehen, dass die Wirkung einer Impfung kurz nach einer Antibiotikabehandlung stark abgeschwächt wird.

Metabolische Funktion der Darmflora

Die angesiedelte und etablierte Darmflora kontrolliert die Entwicklung und Vermehrung der Schleimhautzellen der Darmwände durch die Produktion von kurzkettigen Fettsäuren.

Sie vermitteln auch andere metabolische Effekte, wie die Synthese von Biotin und Folat (Vitamin B7 und B9). Sie sind auch beim Resorptionsvorgang von Mineralien beteiligt, wie z.B. Magnesium, Calcium und Eisen.

Weiterhin spielt die Darmflora eine bedeutsame Rolle bei der Metabolisierung von in der Nahrung befindlichen Karzinogenen und deren Mikrokomponenten und Makrokomponenten.

Die Mikrokomponenten sind genotoxisch (genschädigend). Ein Beispiel dafür sind die heterozyklischen Amine (HCA), die im Fokus der Forschung stehen. Sie entstehen beim Grillen und Braten von proteinhaltigen Nahrungsmitteln und werden als möglicher Auslöser von Brustkrebs, Darmkrebs und Prostatakrebs gehandelt. HCAs kommen aber auch in der Natur vor, so dass es unmöglich ist, ihnen zu 100 Prozent auszuweichen. Deshalb kommt der metabolischen Wirksamkeit der Darmflora in Bezug auf diese Komponenten ein besonders wichtiger Stellenwert zu, da diese Funktion dem Organismus hilft, Tumore zu verhindern, die ansonsten unumgänglich wären.

Die Makrokomponenten setzen sich im Wesentlichen zusammen aus einem Übermaß an Fett und Kochsalz, die zusammen im Ruf stehen, bei Langzeitkonsum in hohen Dosen ebenfalls zur Ausbildung von Tumoren zu führen, hier speziell als Brustkrebs und Dickdarmkrebs von Seite der Fette und Magenkrebs von Seite des Kochsalz.

Fermentierung und Resorption von Kohlenhydraten

Ohne die Darmflora wäre der menschliche Organismus nicht in der Lage, einige der unverdauten Kohlenhydrate aufzunehmen und zu verwerten.

Dies liegt daran, dass einige der „Mitglieder“ der Darmflora Enzyme aufweisen, die der Mensch nicht produzieren kann, die aber bestimmte Polysaccharide abbauen können. Mäuse z.B., die unter sterilen Bedingungen gezüchtet wurden und daher eine unterentwickelte Darmflora besaßen, mussten 30 Prozent mehr Kalorien zu sich nehmen, um das gleiche Gewicht zu erreichen, als Mäuse unter normalen Bedingungen.

Auf der anderen Seite sind die Darmbakterien aber auch mit dafür verantwortlich, ob wir schlank oder dick sind. Wissenschaftler stellten fest, dass es – trotz der individuellen Fülle – drei klassische Besiedlungsmuster unseres Verdauungstraktes gibt. Demnach besteht die Darmflora bei den drei Typen entweder hauptsächlich jeweils aus Bakterien der Gattungen Bacteroides, Prevotella oder Ruminococcus. Personen, die vorzugsweise mit Bacteroides besiedelt sind, neigen zu Fettleibigkeit. Denn die Bakterien schaffen es, schwer verdauliche Kohlenhydrate des Nahrungsbreis für unseren Körper verfügbar zu machen. Die anderen beiden Typen hingegen scheiden den unverdauten Zucker zu großen Teilen wieder aus (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21508958).

Kohlenhydrate, die vom Menschen nicht verdaut werden können ohne bakterielle Hilfe sind z.B. Stärken, Ballaststoffe, Oligosaccharide, bestimmte Zuckermoleküle, Laktose im Fall einer Laktoseintoleranz, Zuckeralkohole, Darmschleim und bestimmte Proteine. Als Resultat erhalten wir vermehrte Beschwerden, wie ein Völlegefühl oder Blähungen, besonders bei der Verdauung von Oligosacchariden, wie sie bei Bohnen ("Jedes Böhnchen gibt ein Tönchen") auftreten.

Die Bakterien der Darmflora verwandeln die Kohlenhydrate durch Fermentation in kurzkettige Fettsäuren. Diese Form der Fermentation wird auch saccharolytische Fermentation genannt. Als Produkt erhalten die Bakterien Essigsäure, Propionsäure und Buttersäure. Diese „Materialien“ können die Wirtszellen wiederum verwerten, stellen sie eine wertvolle Quelle für Energie und Nährstoffe dar. Sie helfen auch dem Organismus, essentielle Mineralien aus der Nahrung zu resorbieren, wie Calcium, Magnesium und Eisen. Die saccharolytische Fermentation produziert aber auch Gase und organische Säuren, wie die Milchsäure. Essigsäure wird von der Muskulatur verwertet, Propionsäure hilft der Leber ATP zu gewinnen, und Buttersäure liefert Energie an die Darmzellen und steht im Ruf, möglicherweise krebsverhindernd zu wirken. Inzwischen gibt es sogar ernstzunehmende Hinweise, dass die Bakterien die Resorption und Einlagerung von Fetten unterstützen. Sie produzieren Vitamin K und erleichtern die Resorption dieses Vitamins.

Eine andere Art der Fermentation, die proteolytische Fermentation, zersetzt Protein, wie Enzyme, tote Zellen von Wirt und Darmflora, Kollagen und Elastin im Nahrungsbrei usw. Dieser Prozess jedoch kann beiläufig zur Produktion von Toxinen beitragen, die karzinogenen Charakter haben. Von daher erklärt sich eine proteinärmere Diät als gesünder, da die proteolytische Fermentation nur gedrosselt abläuft und weniger Toxine in der Folge gebildet werden.

Eine gut funktionierende Darmflora erhöht auch die Resorption von Wasser, reduziert die Zahl an schädlichen Bakterien, erhöht das Wachstum der Darmzellen des Menschen und stimuliert das Wachstum von einheimischen Bakterien.

Antiallergische Wirkungen

Die Bakterien der Darmflora beteiligen sich auch an der Verhinderung von Allergien bzw. deren Entstehung.

Inzwischen gibt es Hinweise, dass der Zeitpunkt einer Allergieentwicklung im Zusammenhang mit der Zusammensetzung der Darmflora steht. Diese Zusammensetzung ist bei nicht allergischen Menschen signifikant anders als bei Allergikern. Allergiker zeigen in der Regel eine höhere Bereitschaft zur Ansiedlung von schädlichen Bakterien, wie Clostridium difficile und Staphylococcus aureus, bei einer gleichzeitigen Verdrängung von Bacteroides und Bifidobacterien. Eine Erklärung dafür ist die positive Stimulierung des Immunsystems durch die gesunde Darmflora und das damit verbundene „Training“, wie es auf Antigene richtig zu reagieren hat.

Ein Mangel an nützlichen Bakterien in der Entwicklungsphase kurz nach der Geburt führt zu einem verzerrten Bild, das das Immunsystem von seiner späteren Aufgabestellung gewinnt. Resultat ist die Überreaktion bei Antigenen, die für den Organismus keinen Schaden bedeuten. Auf der anderen Seite ist noch nicht klar, ob die Unterschiede in der Zusammensetzung der Darmflora nicht vielleicht auch das Resultat von, und nicht der Grund für Allergieentwicklungen sind. Wie auch immer. Dieses Beispiel zeigt deutlich, wie eng die Darmflora und das Immunsystem miteinander korrespondieren.

Die therapeutischen Erfolge in der Praxis rechtfertigen aus meiner Sicht jedoch bei allen Arten von Allergien die Darmflora näher zu betrachten.

Verhinderung von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen

Ein weiterer Hinweis auf die Hilfe der Bakterien bei der Heranbildung des Immunsystems ist die Ausbreitung von Darmentzündungen, wie z.B. Morbus Crohn, Colitis ulcerosa oder auch beim Reizdarmsyndrom.

Es gibt Wissenschaftler, die die kurzkettigen Fettsäuren, die von den Bakterien der Darmflora produziert werden, als Verhinderer von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen ansehen. Zusätzlich gibt es einige Bakteriengattungen, die die Entzündung direkt verhindern können.

Bei Patienten, die an Morbus Crohn leiden, ist beispielsweise die Anzahl der Bakterien des Stammes Faecalibacterium prausnitzii stark herabgesetzt (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23829084). Über welchen Mechanismus diese Mikroorganismen bei Gesunden die schmerzhafte Darmerkrankung verhindern, ist allerdings bisher noch nicht bekannt.

Es ist auffällig, dass gerade in industrialisierten Ländern die Häufigkeit entzündlicher Darmerkrankungen enorm hoch ist und auch weiterhin ansteigt.

In ökonomisch weniger entwickelten Ländern dagegen ist die Häufigkeit deutlich niedriger. Grund für diese Unterschiede liegen nach Meinung der Fachwelt in der (zu) guten Hygiene in der Jugend, dem frühzeitigen Abstillen (wenn überhaupt gestillt wird), und dem enormen Konsum von Zucker und tierischen Fetten.

Das Auftreten dieser Darmerkrankung steht in umgekehrtem Zusammenhang mit mangelhafter Hygiene in den ersten Lebensjahren und dem Konsum von Früchten, Gemüse und nicht verarbeiteter Nahrung.

Denn so positiv gefüllte Kühlregale in den Supermärkten und "porentiefe Reinheit" auch sind – für eine gesunde Darmflora dürfen die Hände im Garten ruhig mal richtig schmutzig werden und durchs offene Fenster jede Menge Keime in unsere Wohnungen kommen. Selbst ein von Hand gespülter Teller, an dem noch ein paar Bakterien haften, ist für die Zusammensetzung unserer Darmflora – und damit für unsere Gesundheit – besser als das hygienisch einwandfreie Geschirr aus der Spülmaschine (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25713281).

Auch lässt sich die Darmflora beispielsweise alleine dadurch verbessern, dass man "seinen Mikroorganismen" eine gesunde Nahrungsgrundlage bietet. So können sich die nützlichen Bakterien besonders gut vermehren, wenn sie viele Ballaststoffe aus rohem Obst und Gemüse, aber auch traditionell fermentierte Lebensmittel erhalten. So haben sich eine Vielzahl dieser Mikroorganismen darauf spezialisiert, lösliche Ballaststoffe aus Früchten und Gemüse zu zersetzen, deren Endprodukte unser Immunsystem stärken und vor Entzündungen schützen. Ist die Darmflora bereits geschädigt, so lässt sie sich durch spezielle probiotische Lebensmittel verbessern.

Zucker (etwa der in Fertigprodukten oft in großen Mengen enthaltene Fruktose-Sirup) hingegen begünstigt die Vermehrung anderer Mikroorganismen (unter anderem auch Pilze), die das gesunde Gleichgewicht der Darmflora stören können. Fleisch aus Masttierhaltung ist unter anderem aufgrund der enthaltenen Antibiotika ebenfalls für die Darmflora schädlich. Und auch manche Emulgatoren, die in Fertigprodukten dafür sorgen, dass die Flüssigkeiten dauerhaft durchmischt bleiben, wirken sich negativ auf die Zusammensetzung der Darmbakterien aus. Untersuchungen an Mäusen zeigen, dass unter anderem die Emulgatoren  E466 und E433 aus Backwaren und Speiseeis nicht nur die Darmflora verändern, sondern auch eine erhöhte Anfälligkeit für Darmentzündungen hervorrufen können (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25731162).

Zwar müssen Zusatzstoffe für Lebensmittel auf ihre Unbedenklichkeit getestet werden, bevor sie auf den Markt kommen, doch scheinen diese Prüfungen, laut einer amerikanischen Studie, nicht sehr konsequent (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23954440).

Demnach wurden weniger als 38 Prozent der von der US-amerikanischen Lebensmittelbehörde Food and Drug Administration (FDA) zugelassenen Zusatzstoffe anhand von Fütterungsversuchen kontrolliert. Daher ist nicht auszuschließen, dass viele weitere Lebensmittelzusätze unsere Darmflora nachhaltig schädigen.

Ein weiterer Faktor sind Antibiotika, die während der Kindheit zum Einsatz kommen. Sie vernichten gute wie schädliche Bakterien im Darm, was bei einem häufigeren Einsatz zu langfristigen Verschiebungen in der Darmflora führen kann und damit zu einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung in der Folge. In Anbetracht dieser Tatsache ist es für mich geradezu ein Kunstfehler, dass Kindern bis zum 10. Lebensjahr orale Antibiotika verabreicht werden. Im Jahr 2003 überrascht mich sogar der Chefarzt einer Kinderklinik mit der Aussage, dass er die orale Gabe von Antibiotika an Kinder unter 14 für verantwortungslos hielte. Die gängige Praxis in ALLEN mir bekannten Kinderarzt- und Hausarztpraxen sieht deutlich anderes aus. Hier werden fleißig Antibiotika Tabletten und Sirup verschrieben.

Effekte von Antibiotika auf die Darmflora

Eine Veränderung der Darmflora durch den Einsatz von Breitbandantibiotika ist in der Lage, die Gesundheit des Behandelten und seine Fähigkeit, Nahrung zu verdauen, negativ zu beeinflussen.

Im Falle einer schwerwiegenden Infektion besteht natürlich die Notwendigkeit einer Therapie mit Antibiotika für einen limitierten Zeitraum.

Aber es besteht auch die Möglichkeit, unfreiwillig signifikante Mengen an Antibiotika einzunehmen, indem man Fleisch verzehrt, das von mit Antibiotika behandelten Tieren stammt. Diese Tiere wurden nicht mit Antibiotika behandelt, weil sie krank waren, sondern wurden entweder prophylaktisch behandelt und/oder für ein schnelleres Wachstum. Lesen Sie hierzu mal meinen Beitrag: Hühnerfleisch ohne Geschmack. Vielleicht überzeugt Sie dieser Beitrag endlich, dass... ach was predige ich eigentlich... Bilden Sie sich bitte Ihr eigenes Urteil.

Auf jeden Fall kann es in beiden Fällen zu antibiotikaassoziierten Durchfällen kommen, die durch eine Irritierung des Darms direkt entsteht. Grund dafür ist die Ausbreitung von schädlichen Bakterien nach Tötung von ansässigen Bakterien durch das Antibiotikum.

Ein weiterer schwerwiegender Nebeneffekt ist die Resistenzentwicklung von Bakterien bedingt durch eine langfristige Einnahme von Antibiotika, wie sie mit dem antibiotikaverseuchtem Fleisch erfolgt. Solange diese resistenten Bakterien im Darm verbleiben, besteht keine große Gefahr für die Gesundheit des Wirts. Sollten diese Bakterien aber in der Lage sein, die Darmbarriere zu überwinden und in den Organismus vorzudringen (wie dies zum Beispiel bei einem Leaky Gut Syndrom der Fall sein kann), dann wird die folgende Infektion kaum noch mit Antibiotika zu behandeln sein.

Ein weiterer Punkt bei einer Veränderung der Darmflora ist eine mögliche Einschränkung der Fähigkeit des Organismus, Kohlenhydrate zu fermentieren und Gallensäure abzubauen, was ein weiterer Grund für einen Durchfall sein kann. Kohlenhydrate, die nicht abgebaut worden sind, absorbieren große Mengen an Wasser, was für einen wässrigen Stuhl sorgt. Ein Mangel an kurzkettigen Fettsäuren hat sehr häufig den gleichen Effekt.

Es sind aber nicht nur Antibiotika, die die Zusammensetzung der Darmflora verändern können. Schwere Erkrankungen können zu gleichen Ergebnissen führen, wie z.B. Ischämien im Darm, Mangelernährung und Immunschwäche.

Neben den Antibiotika können auch andere Medikamente negativ auf die Darmflora wirken. Bekannt ist beispielsweise, dass Antazida das Mirkobiom beeinträchtigen. Die säureneutralisierenden Medikamente sollen Magenbeschwerden verringern. Möglicherweise ist eine Anhebung des pH-Wertes (Säure-Base-Maß) verantwortlich für die Veränderungen der Darmbesiedlung.

Metformin ist ein Anti-Diabetes-Mittel, das ebenfalls die intestinale Mikroben-Besiedlung verändert. Solche unerwünschten Nebenwirkungen auf die Darmflora sind für mindestens 19 Pharmazeutika nachgewiesen. Wahrscheinlich ist die Dunkelziffer noch viel höher (http://www.spektrum.de/news/dein-darm-ist-was-du-isst/1408962). 

Die Rolle der Darmflora bei Erkrankungen

Bakterien im Gastrointestinaltrakt haben neben ihren gesundheitsfördernden auch krankmachende (pathogene) Eigenschaften. So sind sie in der Lage, Giftstoffe und krebserzeugende Substanzen zu erzeugen. Sie sind auch bekannt dafür, dass sie an Komplikationen beteiligt sind wie das multiple Organversagen, Blutvergiftung (Sepsis), Darmkrebs und den eben diskutierten chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. Ebenso vermuten Forscher einen Zusammenhang einer gestörten Darmflora – und der damit verbundenen Entstehung zahlreicher Giftstoffe – mit der Entstehung von Autismus (http://www.arte.tv/de/Hilfe-bei-Autismus--Die-Rolle-der-Bakterien-/6714470.html; http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22747852).

Hier spielt die Ausgewogenheit der Anzahl an Bakterien eine entscheidende Rolle. Sollte die Anzahl zu hoch oder zu niedrig sein, besteht die Gefahr der Schädigung der Barrierefunktion und damit der Gesundheit des Wirts. Entscheidenden Anteil an der Aufrechterhaltung dieser „optimalen Anzahl“ an Bakterien in der Darmflora haben Enzyme, die vom Organismus des Wirts produziert werden.

Einige der Bakteriengattungen, wie Bacteroides und Clostridien, stehen im Verdacht, an der Entwicklung von Tumoren beteiligt zu sein. Aber anstatt dies im großen Stil zu erforschen, sucht man lieber weiter nach Viren, wie zum Beispiel Prof. Harald zur Hausen, der auch mal vermutet, dass Viren für Dickdarmkrebs verantwortlich sind.

Professor zur Hausen wurde 2008 bekannt, weil er den Nobelpreis für die Entdeckung humaner Papillomviren bekam. In deren Folge wurde die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs in größtem Stil propagiert. Diese Geschichte bekam einen zusätzlich sehr faden Beigeschmack durch Korruptionsvorwürfe gegen die Nobelstiftung.

Doch zurück zur Darmflora: Andere Gattungen, wie Lactobacillus und Bifidobakterien, dagegen sind bekannt dafür, dass sie in der Lage sind, die Tumorentwicklungen zu verhindern. Weiterhin können ansonsten nützliche Bakterien sehr schädigend werden, wenn sie in anderen Körperarealen als im Gastrointestinaltrakt auftauchen.

Eine Möglichkeit dieses „Auswanderns“ in zentrale Bereiche des Organismus ist die Überwindung der Barrierefunktion des Darms. Dieser Zustand ist dann mit einer Reihe von verschiedenen Problemen verbunden. Grund für den „Barrieresprung“ kann eine Überpopulation der Bakterien im Dünndarm sein, eine Immunschwäche des Wirts oder eine erhöhte Durchlässigkeit von Schleimhäuten und Darmwand (Leaky-Gut-Syndrom). Diese Durchlässigkeit kann durch eine Zirrhose noch erhöht werden, bei der die Aktivitäten der Darmflora zu diesem Zustand beitragen und die Schäden vergrößern.

Ist der Darm einmal durchlässig geworden, dann können Bakterien in den Organismus vordringen und eine mögliche tödlich verlaufende Infektion bewirken. Aerobe Bakterien verschlimmern eine Infektion durch den Verbrauch von Sauerstoff im betroffenen Gewebe. Dies erzeugt günstige Bedingungen für eine Invasion und Besiedlung von anaeroben Bakterien.

Noch ein Wort zu den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen

Die Ursachen für die verchiedenen Formen der chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen werden noch kontrovers diskutiert. Es gibt Stimmen, die die Ursache in der Abnahme der Immuntoleranz vermuten, die eine Überreaktion des Immunsystems gegen nützliche Bestandteile der Darmflora bewirkt.

Es ist auch noch nicht klar, ob die Krankheit und ihre Formen durch die gesamte Darmflora oder nur Teile der Bakterienstämme verursacht werden kann.

Für die ulzerative Colitis und Morbus Crohn ist bekannt, dass hier genetische Faktoren eine Rolle spielen könnten. Diese genetisch bedingte Prädisposition scheint aber nicht nach den Vererbungsregeln von Mendel vererbt zu werden. Hier spielen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit weitere Faktoren eine Rolle für die Entwicklung dieser Erkrankungen. Es hat den Anschein, dass diese Frage nicht alleine mit der Bakterienbesiedlung oder der Genetik beantwortet werden kann. Es lässt sich vermuten, dass eine genetische Prädisposition und eine gleichzeitige Fehlbesiedlung die Entwicklung der Erkrankungen begünstigen.

Zur Genetik muss ich noch anmerken, dass diese aus meiner Sicht überbewertet wird. Erstens: Führende Forscher geben selbst zu, dass sie eher vor einem Scherbenhaufen stehen, als vor einem "Durchbruch". Zweitens wissen wir, dass die meisten Gene durch Umweltfaktoren angeschaltet oder auch abgeschaltet werden können. Es kommt also auf uns selbst an.

Zurück zum Leaky-Gut-Syndrom

Die Entzündungen, die im Rahmen einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung auftreten, werden auf ein Leaky-Gut-Syndrom zurückgeführt. Nach Überwindung der Darmbarriere dringen die Mikroorganismen in das gastrointestinale Gewebe vor und provozieren eine Immunreaktion, die in einer lang anhaltenden Entzündungsreaktion mündet. Die Durchlässigkeit der Darmwand ist dabei Resultat einer allergieähnlichen Reaktion, wobei, wie bereits erwähnt, das Immunsystem falsch „programmiert“ wurde und neben schädlichen auch nützliche Bakterien attackiert. Aber man weiß bis heute noch nicht, ob die Entzündungen auf den Aktivitäten bestimmter Bakterien im Gastrointestinaltrakt beruhen oder ob es auf der unphysiologischen Toleranz des Immunsystems gegenüber der Darmflora beruht.

„Tight Junctions“, (schmale Bänder bestehend aus Proteinen, die Epithelzellen vollständig umschließen und mit Bändern von Nachbarzellen eng verbunden sind) verhindern normalerweise die Durchlässigkeit der Darmwand.

Bei Patienten mit chronisch-entzündlicher Darmerkrankung sind vermehrt abnormale Tight Junctions gefunden worden, was die erhöhte Permeabilität erklären kann. Und wegen der möglicherweise schädlichen Wirkung der Bakterien werden von der Schulmedizin vermehrt Antibiotika beim Morbus Crohn verschrieben.

Aber hier ist noch nicht schlüssig bewiesen, dass eine Überbesiedlung die Ursache für die Entzündungen ist, die einen Einsatz von Antibiotika erforderlich macht. Immerhin ist es auch denkbar, dass die Entzündung zuerst erfolgt, was zu einer Erhöhung der Permeabilität der Darmwand führt und damit zur Entwicklung des Morbus Crohns. Da Antibiotika keinen Einfluss auf die Entzündung haben, kommen in der Schulmedizin dann noch zusätzlich entzündungshemmende Medikamente zum Einsatz.

Es wird vermutet, dass eine Colitis (Entzündung des Dickdarms) durch symbiotische Bakterien verursacht wird. Dieser Verdacht liegt nahe, da Mäuse, die in sterilen Bedingungen gehalten wurden, diese Krankheit nie gezeigt haben. Aber auch hier sind die Beobachtungen widersprüchlich: Einige Gattungen, wie Clostridium difficile und ansässige Darmbakterien, sind in der Lage, bei Mäusen Colitis zu verursachen. Dagegen sind andere in der Lage, eben diese Krankheit zu verhindern.

Manche Ärzte aus den USA, aus Kanada und aus Australien wenden eine auf den ersten Blick unappetitliche Methode an, um den Darm ihrer Patienten mit gesunden Bakterien zu besiedeln: Per Einlauf wird der Stuhl eines gesunden Spenders in den Darm der Kranken eingebracht. Die gesunden Mikroorganismen breiten sich aus und verdrängen dabei die Krankheitskeime effektiv. Die Mediziner berichten davon, dass sie etwa 90 Prozent ihrer Patienten mit dieser simplen Methode helfen können, selbst wenn diese jahrelang an chronischen Darmproblemen litten.

Dennoch ist die „Stuhltransplantation“ nicht unumstritten. Schließlich ist die Darmflora, wie bereits beschrieben, an unzähligen Prozessen in unserem Körper beteiligt. Zwar wird der Stuhl der Spender auf einige Krankheitserreger hin untersucht, doch sind die langfristigen Folgen einer gravierenden Veränderung der Darmflora überhaupt nicht bekannt. Es wird sicherlich noch eine Weile dauern, bis es hier Klarheit gibt.

Falsche Darmflora = Übergewicht?

Auch im Bereich des Übergewichts (Übergewicht durch Darmbakterien) scheint die Darmflora eine bedeutende Rolle zu spielen. Aus Arbeiten mit Mäusen ist bekannt, dass bei übergewichtigen Mäusen das Hormon Leptin fehlt.

Dieses Hormon wird von Fettzellen produziert und dämpft u.a. das Hungergefühl. Die übergewichtigen Mäuse fielen nicht nur durch das Fehlen von Leptin auf, sondern auch durch die besondere Zusammensetzung der Darmflora im Vergleich zu normal gewichtigen Mäusen. Es hatte sich eine Veränderung im Verhältnis von Bacteroides und Firmicutes zu Gunsten der Firmicutes ergeben. Gleiches wurde auch bei normal gewichtigen und übergewichtigen Menschen bestätigt.

Es lässt sich grob umreißen, dass das Verhältnis dieser beiden Gattungen Aussagen machen kann über die allgemeinen Gewichtsbedingungen eines Betroffenen. Ein Gewichtsverlust führt dabei auch zu einer Verschiebung des Verhältnisses zurück zu Gunsten von Bacteroides.

Der gegenseitige Einfluss von der Zusammensetzung der Darmflora auf der einen Seite und den Gewichtsbedingungen auf der anderen Seite wird bedingt durch den Unterschied im energieabsorbierenden Potential der unterschiedlichen Verhältnisse von Bacteroides und Firmicutes. Dies gilt anscheinend auch für Fettsäuren und Polysaccharide aus Nahrungsmitteln. Eine Arbeit mit Mäusen zeigte, dass eine Verpflanzung der Darmflora von übergewichtigen Mäusen in den Darm von steril gehaltenen Mäusen zu einer Gewichtszunahme bei letzteren führte, obwohl diese weniger Nahrung aufnahmen.

Manche Forscher sehen außerdem einen Zusammenhang zwischen der ungünstigen Zusammensetzung der Darmflora, dem daraus resultierenden Übergewicht und sich hieran anschließenden Erkrankungen wie Diabetes Typ 2 oder Alzheimer (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24059313).

Weitere positive Einflüsse der Darmflora

Obwohl die Forschung in diesem Bereich noch am Anfang steht, gehen Wissenschaftler mittlerweile davon aus, dass auch die seelische Verfassung teilweise von den Mikroorganismen, die uns besiedeln, abhängt. So scheinen manche probiotische Bakterien ähnlich eines Anti-Depressivums zu wirken (newhope360.com/probiotics/probiotics-may-keep-you-dwelling-past).

Einige Forscher sprechen von einer „Darm-Hirn-Achse“ und sogar schon von einer „Mikrobiom-Hirn-Achse“. Die Verknüpfung kommt über den Vagus-Nerv zustande. Der Hirnnerv steuert unwillkürlich (unbewusst) die Funktionen innerer Organe, indem er Signale ans Gehirn schickt (Afferenzen). Das Zentralnervensystem verarbeitet diese Informationen zu Befehlen, die der Vagus zurück ans Erfolgsorgan sendet (Efferenzen). Auf diesem Wege könnten die Symbionten im Darm auch die Psyche beeinflussen.

Doch wie können Bakterien auf einen Nerven wirken, mit dem sie gar keinen direkten Kontakt haben? Vermitteln könnte hier das Enterische Nervensystem („Bauchhirn“), das den Darm durchzieht und den Vagus kontaktiert. Wie bei allen Neuronen funktioniert hier die interzelluläre Signalübertragung mithilfe von Neurotransmittern. Nun ist nachgewiesen, dass auch Bakterien diese Botenstoffe produzieren. Belegt ist das für Gamma-Aminobuttersäure (GABA), Dopamin („Glückshormon“) und Serotonin (http://www.spektrum.de/news/macht-der-darm-uns-gluecklich/1310381).

Resorbiert der Dünndarm die mikrobiell produzierten Neurotransmitter, hat dies einen direkten Einfluss aufs „Bauchhirn“, das wiederum die Vagustätigkeit anregt. Die hormonellen Funktionen des Darmes werden dadurch unterstützt, denn: Serotonin wird größtenteils auch im Darm selber produziert. Bakterien sezernieren also nicht nur die wirksamen Neurotransmitter, sondern auch deren Vorstufen (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25860609).

Serotonin hat vielfältige Wirkungen. Unter anderem lässt es uns ruhig und gelassen reagieren und verbessert unsere Stimmung.

Auch über den Umweg des Immunsystems beeinflussen die Bakterien im Darm die Psyche. Erkennt die darmeigene Abwehr Mikroben als „böse“, läuft die Verteidigungs- Maschinerie an. Eine Folge ist die Ausschüttung von Zytokinen. Die Entzündungs-Mediatoren wirken auch auf den Nervenstoffwechsel und rufen nachweislich depressive Stimmungen hervor (http://www.spektrum.de/news/macht-der-darm-uns-gluecklich/1310381). Umgekehrt ist eine gesunde Darmflora für das seelische Wohlbefinden wichtig, weil eine Immunantwort auf die „willkommenen“ Symbionten unterbleibt.   

Fazit

Die Darmflora ist wie jedes andere Biosystem ein kompliziertes biologisches Regelwerk.

Die Wissenschaftler stehen heute noch am Anfang, dieses komplexe Geflecht von Strukturen und Funktionen zu erklären. So führen Eingriffe durch Medikamente z.B. sehr häufig zu unterschiedlichen Ergebnissen. Neben den Pharmazeutika sind Umwelteinflüsse, Ernährung und Hygiene sowie die perinatale Versorgung die bestimmenden Faktoren für eine gedeihliche Darmflora. Deren Bedeutung wird erst langsam gewürdigt und so werden auch deren therapeutischen Aspekte bei vielen Krankheiten zurzeit nur unzureichend berücksichtigt. 

Bislang scheint die Gabe von Probiotika und Präbiotika mit wenigen bzw. keinen unerwünschten Nebenwirkungen verbunden zu sein. Gleichzeitig liefern diese natürlichen Substanzen bei einer Reihe von gastrointestinalen Erkrankungen positive Resultate. Therapieverfahren wie die Symbioselenkung setzen genau darauf. Ebenso wie Verfahren die unter dem Begriff "Darmsanierung" zu finden sind.

Als umfassendes Heilverfahren zur Regulierung der Darmflora halt ich auch das Heilfasten für sehr geeignet. Wenn Sie möchten, können Sie auch mehr Informationen dazu anfordern, indem Sie einfach hier unten Ihren Namen und Ihre e-mail Adresse eintragen.

Dieser Beitrag wurde letztmalig am 17.06.2016 aktualisiert



   
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