Hormone im Trinkwasser? Bei diesem Thema pendelt die öffentliche Diskussion zuverlässig zwischen zwei bequemen Extremen. Die einen machen aus jedem Glas Leitungswasser einen pharmazeutischen Hormoncocktail. Die anderen verweisen auf winzige Konzentrationen, eingehaltene Grenzwerte und erklären die Angelegenheit damit für erledigt.
Beides ist etwas einfach…
Also:
Hormone und hormonell wirksame Stoffe gelangen tatsächlich in unsere Gewässer. Einige davon wirken bereits in Konzentrationen von wenigen Nanogramm pro Liter auf Wasserorganismen. Gleichzeitig ist Abwasser nicht dasselbe wie Trinkwasser, und ein Nachweis bedeutet noch nicht automatisch, dass Menschen durch das Trinken erkranken.
Wer das Problem vernünftig beurteilen will, muss also genauer hinsehen: Welche Stoffe sind gemeint? Wo wurden sie gemessen? Wie gelangen sie ins Wasser? Was entfernen Kläranlagen? Und welche Wasserfilter für den Haushalt halten tatsächlich etwas zurück?
Zunächst eine wichtige Korrektur
In der ursprünglichen Fassung dieses Beitrags sprach ich von etwa 100 Nanogramm Hormonen pro Liter geklärten Wassers die Rede. Diese Angabe ging auf eine Mitteilung des Karlsruher Instituts für Technologie aus dem Jahr 2018 zurück. Sie wurde allerdings leicht missverständlich formuliert.
Das KIT sprach nicht pauschal von 100 Nanogramm Hormonen in deutschem Trinkwasser. Gemeint war Wasser, in das bereits behandeltes Abwasser eingeleitet wird. Untersucht wurden unter anderem Estron, Estradiol, Progesteron und Testosteron. Für dieses belastete Wasser nannte das KIT eine Größenordnung von insgesamt etwa 100 Nanogramm pro Liter.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Zwischen dem Ablauf einer Kläranlage, einem Fluss, dem Rohwasser eines Wasserwerks und dem fertigen Leitungswasser liegen mehrere Stufen der Verdünnung und Aufbereitung.
Das Problem wird durch diese Korrektur allerdings nicht beseitigt.
Das bringt uns zur Frage:
Welche Hormone befinden sich überhaupt im Wasser?
Unter dem Begriff „Hormone im Wasser“ werden häufig sehr unterschiedliche Stoffgruppen zusammengeworfen.
Da sind zunächst körpereigene Steroidhormone wie Estron, Estradiol, Estriol, Progesteron und Testosteron. Menschen und Tiere produzieren diese Stoffe und scheiden einen Teil davon beziehungsweise deren Abbauprodukte wieder aus.
Hinzu kommen synthetische Arzneihormone. Das bekannteste Beispiel ist Ethinylestradiol, kurz EE2, das in zahlreichen hormonellen Verhütungsmitteln verwendet wird. Weitere hormonell wirksame Arzneistoffe stammen aus Präparaten gegen Wechseljahresbeschwerden, Fruchtbarkeitsbehandlungen, Krebstherapien und tiermedizinischen Anwendungen.
Eine dritte Gruppe sind die sogenannten endokrinen Disruptoren. Dabei handelt es sich nicht unbedingt um Hormone, sondern um Chemikalien, die hormonelle Signalwege beeinflussen können. Dazu gehören beispielsweise bestimmte Bisphenole, Phthalate, Nonylphenole, Pestizide und Industriechemikalien.
Diese Substanzen können Hormonrezeptoren aktivieren oder blockieren, die körpereigene Hormonproduktion verändern oder den Transport und Abbau natürlicher Hormone beeinflussen. Gerade während empfindlicher Entwicklungsphasen können solche Eingriffe biologisch besonders relevant sein.
Es geht folglich nicht nur um „Östrogen aus der Pille“. Es geht um ein Gemisch aus natürlichen Hormonen, synthetischen Arzneistoffen und hormonell wirksamen Umweltchemikalien.
Ist die Antibabypille die Hauptursache?
Die Antibabypille spielt eine Rolle, insbesondere wegen des synthetischen Ethinylestradiols. Dieser Stoff ist biologisch hochwirksam und stabiler als natürliches Estradiol. Er wird in konventionellen Kläranlagen teilweise nur unzureichend entfernt und kann anschließend in Oberflächengewässer gelangen.
Die häufig zu lesende Behauptung, die Belastung unserer Gewässer mit Östrogenen stamme praktisch ausschließlich von Frauen, die die Pille einnehmen, ist dennoch zu simpel.
Auch Menschen ohne hormonelle Medikamente scheiden natürliche Hormone aus. Hinzu kommen Hormone aus der Tierhaltung, medizinische Anwendungen, industrielle Einträge und falsch entsorgte Arzneimittel. Welche Quelle überwiegt, hängt von der Region, der Bevölkerungsstruktur, der Landwirtschaft und dem jeweiligen Abwassersystem ab.
Die Pille ist also nicht unschuldig. Sie ist aber auch nicht der alleinige Bösewicht, dem man das gesamte Problem bequem anheften kann.
Der wichtigste Eintragsweg für Arzneistoffe ist ohnehin die normale Ausscheidung nach der Einnahme. Der Körper nimmt einen Wirkstoff auf, verändert ihn teilweise und scheidet ihn oder seine Abbauprodukte anschließend über Urin und Stuhl wieder aus.
Zusätzlich verschärft wird das Problem, wenn alte Medikamente über Toilette oder Spüle entsorgt werden. Dort haben Tabletten, Tropfen, Hormongels und flüssige Arzneimittel nichts verloren. Das Umweltbundesamt empfiehlt je nach örtlicher Regelung die Entsorgung über Restmüll, Schadstoffsammelstellen oder teilnehmende Apotheken.
Abwasser ist nicht automatisch Trinkwasser
Kläranlagen reinigen Abwasser. Wasserwerke bereiten Rohwasser zu Trinkwasser auf. Das sind zwei unterschiedliche Aufgaben.
Konventionelle Kläranlagen wurden ursprünglich dafür gebaut, Fäkalien, organische Belastungen, Schwebstoffe sowie später auch Stickstoff und Phosphor zu reduzieren. Sie wurden nicht mit dem Ziel konstruiert, Hunderte Arzneimittel, Hormone, Kontrastmittel, Pestizide und Industriechemikalien vollständig zu entfernen.
Je nach chemischer Eigenschaft werden manche Stoffe recht gut abgebaut, andere nur teilweise und einige kaum. Ethinylestradiol ist gerade deshalb problematisch, weil es vergleichsweise stabil ist.
Nach dem Ablauf der Kläranlage gelangen die verbleibenden Stoffe in Bäche, Flüsse oder Seen. Dort werden sie verdünnt, teilweise weiter abgebaut, an Sedimente gebunden oder von Organismen aufgenommen. Wird aus solchen Oberflächengewässern später Trinkwasser gewonnen, folgen zusätzliche Aufbereitungsschritte.
Untersuchungen aus dem Ruhrgebiet zeigten beispielsweise, dass einzelne Arzneimittel im Oberflächenwasser nachweisbar waren, nach Bodenpassage, Kies- und Langsamsandfiltration im fertigen Trinkwasser jedoch nicht mehr gefunden wurden. Solche Ergebnisse lassen sich nicht auf jedes Wasserwerk übertragen, zeigen aber, dass zwischen Flusswasser und Leitungswasser erhebliche Unterschiede bestehen können.
Wer wissen möchte, woher sein Leitungswasser stammt und wie es aufbereitet wird, findet die ersten Informationen beim örtlichen Wasserversorger. Mehr zu den grundsätzlichen Problemen unseres Wassers habe ich in meinem Beitrag Gutes Trinkwasser in Deutschland? Ein Witz mit Ansage! zusammengestellt.
Warum wenige Nanogramm trotzdem ernst genommen werden müssen
Ein Nanogramm ist ein milliardstel Gramm. Das klingt nach praktisch nichts.
Bei Hormonen ist die reine Masse jedoch nicht der entscheidende Maßstab. Hormone sind Botenstoffe. Ihre Aufgabe besteht gerade darin, in sehr kleinen Mengen biologische Reaktionen auszulösen.
Besonders deutlich zeigt sich das bei Fischen. Das Umweltbundesamt verweist auf eine mehrjährige kanadische Freilandstudie, in der Dickkopfelritzen dauerhaft Ethinylestradiolkonzentrationen von etwa fünf bis sechs Nanogramm pro Liter ausgesetzt wurden. Männliche Fische wurden stark verweiblicht, die Fortpflanzung brach ein und schließlich kollabierte die Population.
Auch unterhalb von Kläranlagenausläufen wurden bei Fischen Veränderungen der Geschlechtsorgane, eine verminderte Spermienbeweglichkeit und sogenannte Intersex-Merkmale beobachtet.
Für die Umwelt ist die Angelegenheit damit keineswegs theoretisch. Dort sind Schäden durch hormonell wirksame Stoffe nachgewiesen.
Was bedeutet das für den Menschen?
Hier wird es deutlich komplizierter. Die Konzentrationen, die bislang im Trinkwasser gefunden wurden, liegen normalerweise weit unter den medizinisch eingesetzten Dosierungen. Internationale und deutsche Behörden gehen deshalb nach bisherigem Wissensstand davon aus, dass von den bekannten Arzneimittelspuren im Trinkwasser kein nachgewiesenes akutes Gesundheitsrisiko für den Menschen ausgeht.
„Kein nachgewiesenes Risiko“ bedeutet nicht, dass jede denkbare Langzeitwirkung ausgeschlossen wurde. Die wissenschaftliche Bewertung wird dadurch erschwert, dass Menschen nicht nur einem Stoff ausgesetzt sind. Sie kommen gleichzeitig mit Arzneimittelrückständen, Pestiziden, Weichmachern, PFAS, Bisphenolen und zahlreichen weiteren Chemikalien in Kontakt.
Hinzu kommen unterschiedliche Empfindlichkeiten während Schwangerschaft, Embryonalentwicklung, Kindheit und Pubertät. Außerdem können hormonell wirksame Stoffe verschiedene Rezeptoren und Regelkreise beeinflussen. Die übliche Vorstellung, wonach eine doppelte Dosis stets eine doppelte Wirkung erzeugt und eine sehr kleine Dosis grundsätzlich bedeutungslos sein müsse, lässt sich auf das Hormonsystem nicht immer so bequem übertragen.
Gerade deshalb hat die Europäische Union 17-Beta-Estradiol in die Beobachtungsliste für Trinkwasser aufgenommen. Der festgelegte Leitwert beträgt ein Nanogramm pro Liter. Für das ebenfalls hormonell wirksame Nonylphenol wurden 300 Nanogramm pro Liter angesetzt. Das sind Beobachtungs- und Leitwerte, keine simple Grenze zwischen „gesund“ und „krank“. Sie zeigen aber, in welchen Größenordnungen inzwischen gemessen und bewertet wird.
Man könnte es so formulieren: Das unmittelbare Risiko für den Menschen ist nach bisheriger Datenlage offenbar gering. Der Anspruch, unnötige und biologisch aktive Fremdstoffe möglichst gar nicht erst ins Trinkwasser gelangen zu lassen, bleibt trotzdem vernünftig.
Was leisten normale Kläranlagen?
Die Reinigungsleistung hängt stark vom einzelnen Stoff, von der Temperatur, der Aufenthaltsdauer, dem verwendeten Verfahren und der Zusammensetzung des Abwassers ab.
Ein Teil der Hormone wird biologisch abgebaut. Ein Teil bindet sich an Klärschlamm. Ein weiterer Teil passiert die Anlage. „Kläranlage“ bedeutet deshalb nicht „chemisch reines Wasser“, sondern eine erhebliche, jedoch unvollständige Reduktion der Belastung.
Für eine weitergehende Entfernung von Mikroschadstoffen kommen vor allem folgende Verfahren infrage:
- Pulver- oder granulierte Aktivkohle
- Ozonung mit geeigneter Nachbehandlung
- Nanofiltration
- Umkehrosmose
- kombinierte Membran- und Adsorptionsverfahren
- weiterentwickelte Oxidationsverfahren
Aktivkohle hält viele organische Stoffe durch Adsorption an ihrer großen inneren Oberfläche fest. Ozon verändert und zerlegt Moleküle, kann dabei jedoch neue Reaktionsprodukte erzeugen, weshalb eine Nachbehandlung sinnvoll ist. Dichte Membranen wie bei Nano- und Umkehrosmose können viele gelöste Mikroschadstoffe zurückhalten, benötigen aber mehr Energie und erzeugen ein belastetes Konzentrat.
Die vierte Reinigungsstufe kommt… allerdings sehr langsam
Die Europäische Union hat Ende 2024 eine überarbeitete Kommunalabwasserrichtlinie beschlossen. Sie verpflichtet größere Kläranlagen schrittweise zur sogenannten vierten Reinigungsstufe, mit der ein breites Spektrum von Mikroschadstoffen entfernt werden soll.
Für große Anlagen ab 150.000 Einwohnerwerten soll die Umsetzung stufenweise bis 2045 erfolgen. Auch kleinere Anlagen ab 10.000 Einwohnerwerten können einbezogen werden, wenn sie in besonders gefährdete Gebiete einleiten. Hersteller von Arzneimitteln und Kosmetika sollen mindestens 80 Prozent der zusätzlichen Kosten tragen.
Das halte grundsätzlich für richtig. Wer Produkte auf den Markt bringt, deren Rückstände später mit hohem technischem und finanziellem Aufwand aus dem Abwasser entfernt werden müssen, kann die Rechnung nicht auf Dauer vollständig beim Wasserverbraucher abladen.
Die Frist bis 2045 zeigt allerdings auch, mit welchem Tempo das gelöst werden soll… oder eher das „Nicht-Tempo“. Erst wird jahrzehntelang eingetragen, dann wird jahrelang beobachtet. Anschließend wird eine Richtlinie beschlossen, danach folgen Übergangsfristen. Aber bei den Corona Gentechspritzen ging es deutlich schneller – nicht wahr?
Naja…
Was wurde aus dem neuen KIT-Filter?
Das im ursprünglichen Beitrag beschriebene Verfahren des Karlsruher Instituts für Technologie kombinierte eine Ultrafiltrationsmembran mit einer sehr dünnen Schicht aus spezieller kugelförmiger Aktivkohle.
Die Membran hielt Mikroorganismen und größere Partikel zurück. Die dahinterliegende Aktivkohle adsorbierte die gelösten Hormonmoleküle. „Adsorbieren“ bedeutet, dass sich die Moleküle an der Oberfläche der Kohle anlagern. Es handelt sich nicht einfach um ein mechanisches Sieb, dessen Poren kleiner als das Hormon sein müssten.
In den ersten Versuchen von 2018 wurden bei einer kleinen Membranfläche und neun Litern Wasser etwa 60 Prozent der untersuchten Hormone entfernt. Durch eine dickere Adsorptionsschicht ließ sich der Wert auf bis zu 90 Prozent erhöhen.
Im Jahr 2020 meldete das KIT weitere Fortschritte. Durch kleinere Aktivkohlepartikel und eine veränderte Oberflächenstruktur wurden zunächst 96 Prozent und schließlich mehr als 99 Prozent des Estradiols entfernt. Das System arbeitete mit niedrigem Druck und einem vergleichsweise hohen Wasserdurchfluss.
Das ist technisch interessant und weiterhin ein vielversprechender Ansatz.
Aus der Formulierung, das Verfahren könne „vom Wasserhahn bis zur Industrieanlage“ eingesetzt werden, sollte man allerdings nicht ableiten, dass inzwischen handelsübliche Haushaltsfilter nach diesem Prinzip überall verfügbar und zweifelsfrei auf Hormone geprüft wären.
Die Eignung eines Materials, die Skalierbarkeit eines Verfahrens und ein marktreifes, zertifiziertes Haushaltsgerät sind drei verschiedene Dinge. Der alte Beitrag war an dieser Stelle zu optimistisch.
Entfernen Aktivkohlefilter Hormone?
Aktivkohle kann viele Steroidhormone und andere organische Mikroschadstoffe binden. Wie gut das im Einzelfall funktioniert, hängt jedoch von mehreren Faktoren ab:
- Art und Oberfläche der Aktivkohle
- Größe der Kohlepartikel
- Dicke des Filterblocks
- Kontaktzeit mit dem Wasser
- Konzentration konkurrierender organischer Stoffe
- Wassermenge seit dem letzten Filterwechsel
- hygienischer Zustand des Systems
Ein großer, hochwertiger Aktivkohleblock unter der Spüle kann deshalb wesentlich leistungsfähiger sein als eine kleine Kartusche in einer Tischkanne.
Problematisch wird es, wenn Hersteller pauschal mit „entfernt Schadstoffe“ werben, ohne zu nennen, welche Stoffe unter welchen Bedingungen und über welche Wassermenge tatsächlich geprüft wurden.
Aktivkohle hat außerdem eine begrenzte Kapazität. Ist sie beladen, sinkt die Wirkung. Unter ungünstigen Bedingungen können zurückgehaltene Stoffe wieder freigesetzt werden. Kartuschen und Filtereinsätze müssen deshalb zuverlässig und rechtzeitig gewechselt werden. Auch die Verbraucherzentrale warnt vor Filterdurchbrüchen und hygienischen Problemen bei unzureichender Wartung.
Ein Aktivkohlefilter ist kein Einrichtungsgegenstand, den man einmal montiert und anschließend vergisst.
Was leistet die Umkehrosmose?
Bei der Umkehrosmose wird Wasser mit Druck durch eine sehr dichte Membran gepresst. Zahlreiche gelöste Salze, Schwermetalle und organische Mikroschadstoffe werden dabei zurückgehalten und mit einem Teil des Wassers als Konzentrat abgeführt.
Gut ausgelegte Umkehrosmoseanlagen gehören zu den breit wirksamsten Verfahren für den Haushalt. Auch Steroidhormone können durch dichte Nano- und Umkehrosmosemembranen deutlich reduziert werden.
Allerdings hat auch dieses Verfahren Nachteile. Die Geräte benötigen Wartung, Vorfilter und regelmäßige Membranwechsel. Sie produzieren Abwasser, arbeiten je nach Wasserdruck unterschiedlich effizient und entfernen neben unerwünschten Stoffen auch einen großen Teil der Mineralien.
Das letzte Argument wird gern dramatisiert. Der Mensch ist bei einer vernünftigen Ernährung nicht darauf angewiesen, seinen Mineralstoffbedarf aus dem Leitungswasser zu decken. Dennoch sollte man wissen, dass sich Geschmack und Zusammensetzung des Wassers verändern. Mehr zu dieser Frage finden Sie in meinem Beitrag Gutes Wasser – was macht es aus?.
Was einfache Filter nicht leisten
Ein reiner Sedimentfilter entfernt Sand, Rost und größere Partikel. Gelöste Hormone interessieren ihn nicht.
Eine einfache Mikro- oder Ultrafiltrationsmembran hält Bakterien, Schwebstoffe und größere Moleküle zurück. Kleine gelöste Hormonmoleküle können sie ohne zusätzliche Adsorptionsschicht passieren. Genau deshalb kombinierte das KIT seine Ultrafiltration mit Aktivkohle.
UV-Lampen dienen in Haushaltsanlagen vor allem der Keimreduktion. Sie machen aus hormonell belastetem Wasser nicht automatisch hormonfreies Wasser.
Ionenaustauscher sind für bestimmte geladene Stoffe und zur Wasserenthärtung geeignet, aber kein allgemeiner Schutz gegen Hormone und Arzneimittelrückstände.
Und Abkochen? Das tötet viele Mikroorganismen, entfernt aber keine Hormone. Da beim Kochen Wasser verdunstet, können nichtflüchtige Rückstände im verbliebenen Wasser sogar stärker konzentriert werden.
Mineralwasser als Alternative?
Mineralwasser aus einer gut geschützten Quelle kann eine Alternative sein. Die Bezeichnung „Mineralwasser“ ist jedoch keine Garantie dafür, dass jede Flasche völlig frei von sämtlichen Umweltchemikalien ist.
Zudem sollte man Wasser aus Glasflaschen bevorzugen, wenn man den Kontakt mit Kunststoff und mögliche Einträge aus PET-Flaschen reduzieren möchte. Auch Lagerung, Sonneneinstrahlung und Mehrweg-Reinigung spielen eine Rolle.
Wer sich für Mineralwasser entscheidet, sollte nicht nur auf die Werbung mit Alpen, Quellen und glücklichen Steinen achten, sondern sich die tatsächliche Mineralstoffanalyse und verfügbare Untersuchungen des Anbieters ansehen. Weitere Hintergründe finden Sie in meinem Beitrag Mineralwasser und stilles Wasser im Test.
Was Verbraucher konkret tun können
Zunächst sollte man herausfinden, woher das eigene Leitungswasser stammt. Grundwasser aus einem gut geschützten Einzugsgebiet stellt andere Anforderungen als Uferfiltrat eines stark mit Abwasser belasteten Flusses.
Der örtliche Versorger veröffentlicht regelmäßig Analysedaten. Allerdings werden dort nur die gesetzlich vorgeschriebenen und zusätzlich vom Versorger untersuchten Stoffe aufgeführt. Ein fehlender Messwert bedeutet nicht zwingend, dass ein Stoff untersucht und nicht gefunden wurde. Er kann auch schlicht nicht zum Untersuchungsprogramm gehören.
Bei alten Gebäuden sollte zusätzlich die Hausinstallation berücksichtigt werden. Blei, Kupfer, Nickel, stehendes Wasser und mikrobielle Beläge entstehen nicht unbedingt im Wasserwerk, sondern häufig erst auf den letzten Metern bis zum Wasserhahn. Dazu empfehle ich meinen Beitrag Blei im Trinkwasser: Das Risiko beginnt nicht im Wasserwerk.
Wer einen Filter anschaffen möchte, sollte nicht nach dem schönsten Gehäuse oder den vollmundigsten Werbeaussagen entscheiden. Entscheidend sind nachvollziehbare Prüfungen für konkrete Stoffgruppen, eine ausreichende Filterkapazität, ein vernünftiger Wasserdurchfluss und ein Wartungsplan, der im Alltag tatsächlich eingehalten wird.
Für eine gezielte Reduktion organischer Mikroschadstoffe kann ein hochwertiger Aktivkohleblock sinnvoll sein. Wer eine möglichst breite Entfernung gelöster Stoffe anstrebt, wird eher bei einer technisch soliden Umkehrosmoseanlage landen.
In beiden Fällen gilt: Ein ungepflegter Filter ist keine Gesundheitsvorsorge, sondern unter Umständen eine kleine Keimzuchtanlage mit gutem Marketing.
Mein Fazit
Hormone und hormonell wirksame Stoffe im Wasserkreislauf sind kein erfundenes Problem. Die Auswirkungen auf Fische und andere Wasserorganismen sind deutlich genug, dass man nicht mehr ernsthaft behaupten kann, ein paar Nanogramm seien grundsätzlich biologisch bedeutungslos.
Genauso unseriös wäre es allerdings, aus Messungen an Kläranlagenausläufen abzuleiten, jedes deutsche Leitungswasser enthalte eine gefährliche Hormondosis.
Für den Menschen ist bei den bisher im Trinkwasser gemessenen Konzentrationen kein konkretes Gesundheitsrisiko bewiesen. Das rechtfertigt weder Panik noch völlige Gleichgültigkeit.
Trinkwasser ist ein Lebensmittel, das wir täglich und über Jahrzehnte aufnehmen. Bei einem solchen Lebensmittel sollte nicht nur die Frage gelten, ab welcher Konzentration ein Schaden zweifelsfrei bewiesen ist. Die vernünftigere Frage lautet, welche vermeidbaren Fremdstoffe dort überhaupt etwas zu suchen haben.
Kläranlagen müssen technisch aufgerüstet werden. Arzneimittelhersteller müssen an den Kosten beteiligt werden. Medikamente dürfen nicht im Abfluss landen. Und wer zu Hause zusätzlich filtern möchte, sollte ein Verfahren wählen, das mehr leistet als die Produktion eines guten Gefühls.
Bei Hormonen im Wasser gilt dasselbe wie bei vielen anderen Umweltbelastungen: Nicht jeder Nachweis ist eine Katastrophe. Aber aus jedem Nachweis eine amtliche Unbedenklichkeitserklärung zu machen, ist ebenfalls keine Wissenschaft. Es ist bestenfalls Verwaltung.
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Dieser Beitrag wurde erstmalig am 8.5.2022 erstellt und am 13.7.2026 komplett erneuert.






