Otto Buchinger hat das Heilfasten nicht erfunden. Aber er hat es aus der Ecke von Askese, Notzeiten und religiösem Verzicht herausgeholt – und in eine Form gebracht, die man ernsthaft als Therapie verstehen kann: mit klarer Struktur, physiologischem Verständnis, Hilfsmethoden und einer erstaunlich modernen Sicht auf das, was Fasten im Körper auslöst.
Wer glaubt, Heilfasten sei einfach „ein paar Tage nichts essen und Tee trinken“, hat Buchinger nicht verstanden. Schon ein Blick in sein Hauptwerk Das Heilfasten und seine Hilfsmethoden zeigt: Er dachte in Systemen, nicht in Kalorien. In Abläufen, nicht in Motivation. In Beobachtung, nicht in Wunschdenken.
Fasten war für ihn kein Lifestyle, sondern ein Eingriff. Und genau deshalb muss es auch so durchgeführt werden.
In diesem Beitrag will ich einen Überblick geben wie Buchinger das fasten für seine Patienten gestaltet hat. Dabei stütze ich mich auf sein Werk: Das Heilfasten und seine Hilfsmethoden aus dem Jahr 1935.
Im Folgenden zeige ich Ihnen zuerst Fotografien des Inhaltsverzeichnisses, sodass Sie hier bereits sehen was Dr. Buchinger wichtig war:
Fasten ist alt – Buchinger machte es klinisch
Sie sehen bereits am Inhaltsverzeichnis: Buchinger beginnt nicht mit Speiseplänen, sondern mit Geschichte. Fasten existiert seit Jahrtausenden: in Religionen, in der Volksmedizin, in Krisenzeiten, in Heiltraditionen vieler Kulturen. Das allein beweist noch keine therapeutische Wirkung – aber es zeigt etwas Entscheidendes: Fasten ist kein modernes „Biohacking“, sondern ein menschliches Grundprogramm.
Der Unterschied ist Buchingers Perspektive. Für ihn war Fasten nicht nur Verzicht, sondern ein Zustand, in dem der Organismus umschaltet – von ständiger Verarbeitung auf Regulation. Fasten bedeutet: weniger Reiz von außen, mehr Ordnung von innen.
Das ist der Grund, warum Buchinger Fasten nicht als kurzfristige Maßnahme sah, sondern als Kurform mit Vorbereitung, Verlauf, Beobachtung und Aufbauphase.
Physiologie des Fastens: Buchingers Kernstück
Hier geht es um „klinisches Denken“.
Was passiert im Körper?
Buchinger beschreibt Fasten als Umstellung in Etappen: Der Körper verlässt die Dauerverwertung von Nahrung und wechselt in einen Modus, in dem er Reserven nutzt, Stoffwechselwege verschiebt und innere Ordnungssysteme hochfährt.
Heute würden wir Begriffe wie Ketose, Insulinabsenkung, Entzündungsmodulation und Autophagie nennen. Buchinger hatte diese Worte nicht. Aber er hatte das Entscheidende: Beobachtung, Erfahrung, Systematik.
Fasten ist messbar – nicht nur „ein Gefühl“
Buchinger beobachtete klassische Parameter:
- Kreislaufveränderungen
- Puls und Blutdruck
- Harnausscheidung und Stoffwechselprodukte
- Reaktionen von Magen, Leber und Darm
Damit macht er klar: Fasten ist nicht bloß Stimmung. Fasten ist Physiologie – und die kann man sehen, spüren und messen.
Leber, innere Sekretion und der „innere Arzt“
Buchinger schreibt ausführlich über die Leber und über hormonelle Steuerung (er spricht von „innerer Sekretion“). Und er bringt eine Idee, die heute fast altmodisch klingt, aber in der Praxis oft erschreckend zutrifft: den inneren Arzt.
Gemeint ist: Der Körper kann regulieren, wenn man ihn lässt.
Das klingt banal – ist es aber nicht. Viele Menschen leben so, dass der Körper kaum noch Gelegenheit bekommt, in einen Reparaturmodus zu wechseln. Ständige Zufuhr, ständiger Stress, ständiger Reiz. Fasten ist dann nicht „Verzicht“, sondern eine Art Zwangspause für das System.
Hunger, Sensibilisierung, Gewichtsabnahme
Buchinger widmet dem Hunger ein eigenes Kapitel. Er behandelt Hunger nicht als Feind, sondern als Signal – und er beschreibt etwas, das viele Fastende kennen: eine Sensibilisierung.
Geruch, Geschmack, Körperwahrnehmung, Schlaf, Stressreaktion – vieles wird feiner. Nicht magisch, sondern physiologisch.
Gewichtsabnahme passiert dabei fast zwangsläufig. Aber Buchinger war nicht auf Kilos fixiert. Er war auf Umstimmung fixiert.
Fasten als Ausscheidungs- und Umstimmungskur
Buchinger spricht nicht nur von „Entgiftung“ – ein Begriff, der heute oft zu Werbezwecken missbraucht wird – sondern von Umstimmung. Und das ist einer seiner stärksten Begriffe.
Der Körper schaltet um:
- von Aufnahme auf Regulation
- von Dauerreiz auf Rhythmus
- von Stressstoffwechsel auf Reparaturmodus
Man kann das biologisch erklären. Man kann es klinisch beobachten. Und man kann es bei vielen Menschen sogar im Gesicht sehen.
Die Buchinger Methode: Fasten Tagesablauf
Buchinger beschreibt seine Methode nicht als „Konzept“, sondern als Kurplan. Und genau hier liegt der Unterschied zu vielen modernen Internet Fastenkuren.
Buchinger wusste: Der Erfolg hängt nicht am Willen, sondern an der Struktur.
1. Selbstfasten – ja, aber nicht naiv
Buchinger unterscheidet zwischen Fasten unter Führung und Selbstfasten. Er war kein Freund von blindem Selbstversuch. Fasten ist einfach – bis es nicht mehr einfach ist:
Kreislaufprobleme, Kopfschmerz, Schlafstörungen, Kältegefühl, emotionale Reaktionen, Unterzuckerungssymptome, Reizbarkeit. Wer das nicht einordnen kann, bricht ab oder macht Fehler.
2. Wann Fasten? Die Jahreszeiten
Buchinger nimmt die Jahreszeiten ernst. Nicht als Folklore, sondern als Physiologie:
- Licht
- Temperatur
- Aktivitätsniveau
- Stimmungslage
Fasten im Frühling fällt vielen leichter als im tiefen Winter. Das ist keine Theorie. Das ist Erfahrung.
3. Aufnahme und Vorbereitung: Der Einstieg entscheidet
Wer einfach „ab morgen esse ich nichts mehr“ macht, fastet oft gegen den Körper. Buchinger behandelt Vorbereitung als Teil der Therapie. Der Körper braucht einen Übergang.
4. Obsttage: Entlastung vor dem Fasten
Die klassischen Obsttage dienen dem Runterfahren:
- Verdauung beruhigen
- Insulinspitzen senken
- Reizstoffe reduzieren
- sanfter Übergang in den Fastenstoffwechsel
Heute würde man sagen: metabolisch klüger Einstieg.
5. Glaubersalz: Darmentleerung als Startsignal
Das ist der Buchinger Klassiker – und gleichzeitig der Teil, über den sich manche am meisten echauffieren.
Buchinger nutzt Glaubersalz nicht aus Darmmystik, sondern aus Erfahrung:
- Ein voller Darm macht Fasten schwer
- Übelkeit, Druck, Unruhe werden häufiger
- Nach der Entleerung fühlen sich viele sofort leichter und klarer
Ob man heute immer Glaubersalz braucht, kann man diskutieren. Aber als historischer Kernbestandteil der Methode gehört es dazu.
6. Mittagspackung, Spaziergang, Abend, Nacht
Hier erkennt man Buchinger als Praktiker. Fasten ist nicht „leer“. Es wird gefüllt mit Rhythmus:
- Wärme
- Ruhe
- Bewegung
- Tagesstruktur
Die Mittagspackung ist ein klassisches Reiz Reaktions Prinzip: Wärme, Durchblutung, vegetative Entspannung.
Der Spaziergang: Bewegung ohne Stress. Nicht Training. Nicht Leistung. Kreislaufpflege und Stoffwechselaktivierung.
Der Abend: Runterfahren statt stimulieren.
Die Nacht: Schlaf ist Therapie. Punkt.
7. Morgen Klistier und Morgen Beratung
Buchinger bleibt konsequent: Der Darm bleibt auch im Fasten ein Thema. Nicht weil „alles vom Darm kommt“, sondern weil der Körper im Fasten anders reagiert.
Und die Morgen Beratung ist psychologisch klug: Fasten ist nicht nur Stoffwechsel, sondern Prozessführung.
8. Warme Bäder, Hautpflege, Mundpflege, Sonnen und Luftbad
Das klingt nach Kurhotel – ist aber in Wahrheit Physiologie.
Fastende frieren häufig. Warme Bäder stabilisieren Kreislauf und Nervensystem.
Mundpflege ist wichtig, weil Fasten Mundflora und Belagbildung verändert. Wer das ignoriert, fühlt sich irgendwann „unsauber“ und bricht ab.
Und Sonnen Luftbad: Licht wirkt. Punkt. Heute würden wir circadianen Rhythmus, Stimmung, Schlaf und Vitamin D erwähnen. Buchinger nannte es Luftbad.
9. Arzt und Patient: Beziehung ist Teil der Therapie
Buchinger endet die Methodik nicht mit „Ernährung“, sondern mit Beziehung.
Das ist eine klare Aussage: Fasten ist eine Therapie, die Führung braucht.
Wirkung bei Krankheiten: Buchinger war mutig – und differenziert
Buchinger beschreibt Einsatzfelder, die erstaunlich breit sind: Rheuma und Arthritis, Arteriosklerose und Angina pectoris, Asthma, Hautkrankheiten, Gastritiden und Enteritiden, Nierenentzündung, Migräne, akute und chronische Entzündungen – sogar „Krebsanlage“ in damaliger Sprache.
Buchinger berichtet zu seiner Zeit über klinische Erfahrungen, nicht moderne randomisierte Studien. Die gab es damals nämlich nicht. Buchinger war Pionier auf diesem Gebiet!
Heute wissen wir, dass Fasten tief auf Stoffwechsel, Entzündungen und vieles mehr wirkt – und genau diese Achsen sind bei chronischen Krankheiten oft zentral. Buchinger bringt es sinngemäß auf den Punkt: Fasten wirkt tiefer als seine Hilfsmethoden (die er im Buch ebenfalls beschreibt).
Gegenanzeigen: Fasten ist kein Kinderspiel
Buchinger nennt auch klare Gegenanzeigen. Das zeigt: Er war kein Fasten Fanatiker. Fasten ist kein Spiel. Es ist ein Eingriff. Ich habe ausführlich zu den Gegenanzeigen in folgendem Beitrag berichtet: Wer darf nicht fasten?
Hilfsmethoden: Fasten als Gesamtpaket
Buchinger nennt sie Hilfsmethoden, weil Fasten für ihn die Haupttherapie ist – unterstützt durch Maßnahmen, die den Prozess stabilisieren und unterstützen.
Luftbad und Sonnenbad
Licht ist biologischer Taktgeber.
Packungen und Ganzwaschung
Kneipp lässt grüßen. Wasseranwendungen sind gezielte Reize – richtig dosiert können sie regulierend wirken und enorm viel bewirken!
Vegetarismus
Buchinger diskutiert vegetarische Kost als Aufbau und Lebensstilfrage. Er wollte nicht, dass Menschen nach dem Fasten direkt in die alte Überlastung zurückfallen.
Fasten ohne Änderung danach ist wie Reset drücken und sofort wieder denselben Fehler machen.
Röder Methode und Homöopathie
Spannend ist, wie breit Buchinger dachte. Er integrierte Methoden, die damals im naturheilkundlichen Umfeld üblich waren. Diese beiden Methoden werden heute gerne „vergessen“. Das Rödern kennt kaum noch jemand: Rödern – Mandeln behandeln statt entfernen [Mandeln absaugen]. Und zur Homöopathie muss ich nicht viel sagen – oder? Wenn doch, schauen Sie bitte in meinen Artikel: Homöopathie Lexikon: Anwendung, Prinzipien, Mittel und Studien
Die meisten Fastenleiter die ich heute kenne, haben von diesen beiden wichtigen Verfahren leider keine oder nur sehr wenig Ahnung.
Heilende Seelenführung: der Teil, der fast immer vergessen wird
Und noch ein Abschnitt, den viele „moderne Fastenprogramme“ am liebsten weglassen, weil er nicht in eine Checkliste passt: Seelenführung.
Buchinger spricht über:
- Leib und Seele
- Fasten und Beten
- heilsame Selbstansprache
- Ur Angst
- Mut gegenüber Sachverständigen Urteilen
- Elementarschule und Hochschulschule
Man kann das religiös lesen. Oder psychologisch.
In der Praxis ist es vor allem eines: der Beweis, dass Buchinger wusste, was Fasten mit Menschen macht. Fasten macht nicht automatisch glücklich. Es macht oft erstmal ehrlich. Und das ist für viele der Beginn von Veränderung.
Fastenbrechen und Aufbautage: hier entscheidet sich viel…
Buchinger widmet dem Fastenbrechen große Aufmerksamkeit: Fastenbrechen, Ausgefastetsein, Technik des Fastenbrechens, Störungen der ersten Aufbautage, Schwierigkeiten der ersten Aufbautage, der rechte Ausklang.
Das zeigt: Für Buchinger war der Aufbau keine Nebensache. Er war der zweite Teil der Therapie.
Viele machen den Fehler: Fasten läuft gut – und dann kommt der Belohnungstag.
Buchinger wusste: Der Körper ist nach dem Fasten empfindlich. Genau dann muss man führen.
Fazit: Was Buchinger wirklich geschaffen hat
Buchinger hat Fasten nicht einfach populär gemacht. Er hat Fasten in eine Form gebracht, die man klinisch anwenden kann: Vorbereitung, strukturierter Tagesablauf, Begleitung, Hilfsmethoden, psychische Führung, Aufbauphase, Indikationen und Gegenanzeigen.
Fasten ist bei Buchinger weder Selbstkasteiung noch Lifestyle. Es ist Regulationsmedizin. Und genau deshalb wirkt sein Ansatz heute wieder so modern: Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen nicht an akuten Krankheiten scheitern, sondern an chronischer Überlastung.
Fasten ist nicht für jeden. Aber für viele ist es genau das, was die Medizin oft nicht mehr liefert: Eine Pause. Ein Reset. Und die Chance, dass der innere Arzt wieder arbeiten kann.
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Anmerkung: Das Bild von Otto Buchinger wurde mittels KI erstellt. Ich meine Dr. Buchinger ist dort gut getroffen in einem zeitgenössischen Umfeld, welches diesem Arzt gerecht wird. Sollten sich Leser finden, die über Original Bilder von Dr. Buchinger verfügen, würde ich mich freuen, wenn ich diese veröffentlichen dürfte um diesem großartigen Arzt gerecht werden zu dürfen.









