„Das Kind sieht normal aus“ denken 95% der Eltern übergewichtiger Kinder

Es gibt diesen Kalauer, demzufolge niemand zu dick ist; man ist immer nur zu klein. Was sich so witzig anhört, scheint jetzt in der Realität mehr und mehr Fuß zu fassen: Dick sein wird mehr und mehr zur Norm. Mit der Zunahme der Zahl von Übergewichtigen gehören die damit verbundenen Körperformen inzwischen fast zum alltäglichen Erscheinungsbild in unserem sozialen Umfeld. Was früher eher eine Ausnahme war, die man ehrfürchtig bestaunt hatte, scheint die Tendenz heute dahin zu gehen, dass Normalgewichtige zur Ausnahme werden. Wir sind noch nicht so weit. Aber der Weg dahin scheint sich schon heute vorzuzeichnen. Und besonders schlimm: die Kinder.

Ach du dickes Kind

Wie dieser Weg aussehen wird, und die Tatsache, dass wir uns auf selbigem bereits befinden, demonstriert eine neue Studie aus den USA, die in der Zeitschrift „Childhood Obesity“ veröffentlicht wurde oder noch wird. Eine Besprechung dieser Studie wurde in der Online-Ausgabe der „Washington Post“ unlängst veröffentlicht (95 percent of parents think their overweight children look ‘just right’). Leider gibt es bis zu diesem Zeitpunkt noch keine veröffentlichte Version dieser Studie, sodass wir uns mit der Interpretation der Zeitung erst einmal zufrieden geben müssen. Aber auch die hat es in sich.

Die Forscher um Dr. Dustin Duncan stellten in ihrer Studie fest, dass Eltern ihre übergewichtigen jungen Kinder in fast 95 Prozent der Fälle überhaupt nicht als übergewichtig einstufen, sondern als „normal gebaut“ oder „gerade richtig“. Diese Studie ist eigentlich keiner neuen Frage nachgegangen. Denn solche Studien existieren bereits. Die Ergebnisse dieser Studien kamen zu sehr ähnlichen Ergebnissen. Allerdings war die Probandenzahl dieser Studien viel zu gering, als dass hier statistisch relevante Aussagen hätten gemacht werden können.

95% der Eltern übergewichtiger Kinder denken, ihr Kind sei „normal“. Foto: fotolia – ruslanshug

„Mein dickes Kind ist normal!“

Was neu an dieser Studie ist, das ist nicht nur die Probanden Zahl von über 3000 Kindern. Vielmehr wurden auch die Studien, die vor über 20 Jahren zu dieser Frage durchgeführt worden waren, zu einem großen Pool zusammengefasst und mit den Ergebnissen der aktuellen Zahlen verglichen. Und hier zeigte sich, dass im Laufe der 20 Jahre die Wahrscheinlichkeit, dass ein übergewichtiges Kind von den Eltern als übergewichtig eingestuft wird, um 30 Prozent abgenommen hat. Oder mit anderen Worten: Heute gibt es 30 Prozent mehr Eltern übergewichtiger Kinder, die ihre Kinder für vollkommen normal ansehen, also das Übergewicht nicht als Übergewicht einstufen.

Dr. Duncan und seine Mitarbeiter sahen diesen Trend in erster Linie bei Afroamerikanern und Familien mit geringem Einkommen. Die Interpretation dieser Ergebnisse seitens der Forscher sieht so aus, dass sie glauben, dass wir unser Verständnis von dem, was Übergewicht ist, inzwischen vollkommen verändert haben. Es handelte sich bei den in die Studie aufgenommenen Probanden um Kinder im Alter zwischen 2 und 5 Jahren. Und für diese Kinder sind die Eltern inzwischen nicht mehr in der Lage, zu bestimmen, was ein gesundes Körpergewicht ist und wie es aussieht, und was nicht. Dr. Duncan schiebt noch nach, dass die Ärzte auch keinen Beitrag leisten, dass sich dieses Verständnis wieder zur „Normalität“ hin wendet.

„Wenn jedes zweite Kind adipös oder übergewichtig ist, dann ist man geneigt zu glauben, dass das eigene Kind ebenfalls normal sein muss“, fügt er hinzu. Die Studie zeigte zudem, dass 78,4 Prozent der Eltern mit adipösen Kindern glauben, dass ihr Kind keinesfalls außer der Norm liegt. Für adipöse Kinder zogen die Autoren allerdings keine Vergleiche zu früheren Daten.

Die Studie kam zustande, weil sich die Autoren im Gegensatz zu früher nicht auf kleine Gruppen von übergewichtigen oder adipösen Kindern konzentrieren wollten, sondern eine landesweite Gruppe von Kindern und Eltern einbeziehen wollten, deren Daten in einer nationalen Übersichtsarbeit und Umfrage in den Jahren 1988-1994 erhoben worden waren. Eine ähnliche Studie beziehungsweise Umfrage lag für den Zeitraum von 2007-2012 vor. Beide Umfragen enthielten Probanden-Daten von mehr als 3000 Kindern.

In diesen Umfragen wurden den Eltern die „Gretchenfrage“ gestellt: „Halten Sie Ihr Kind für: übergewichtig, untergewichtig, für das Alter normalgewichtig, oder weiß ich nicht?“ Die Forscher verglichen dann die Antworten mit offiziellen epidemiologischen Daten für standardisierte Wachstumskurven für Kinder.

Gerade im Alter zwischen 2 und 5 bestimmt das Gewicht auch die Zukunft

Diese Studie, so schreibt die Zeitung, enthält eine Reihe von Lehrstunden. Und keine von ihnen ist besonders angenehm. Erstens: Es gibt einige Studien, die ein mögliches Plateau in der Statistik für adipöse Kinder gezeigt haben. Das heißt, dass die Zunahme von adipösen Kindern möglicherweise stagniert, aber keinesfalls abnimmt, und schon gar nicht sehr bald abnimmt. Die Autoren konzentrierten sich auf die Altersgruppe von 2-5 Jahren, weil in diesem Alter schlechte Ernährungsgewohnheiten bei den Kindern zu einer psychologischen und physiologischen Gewöhnung an die jeweilige Ernährung führen und damit vor allem für die Zukunft bestimmend sind.

Die Autoren beschreiben dies so: „Wir wissen heute, dass übergewichtige Vorschulkinder mit großer Wahrscheinlichkeit auch übergewichtige Schulkinder sein werden. Sie werden mit hoher Wahrscheinlichkeit auch übergewichtige Jugendliche sein, und dass dieser Trend sich bis ins Erwachsenenalter fortsetzt.“

Eltern wissen nicht mehr was „normal“ ist

Und das Erschütternde dieser ganzen Entwicklung ist, dass ein Großteil der Eltern heute nicht mehr weiß, wie ein normal gewichtiges Kind aussieht. Und Grund hierfür scheint die generelle Zunahme von Übergewicht und Adipositas zu sein, die im zunehmendem Maße die Erscheinungsformen der Betroffenen qualitativ und quantitativ verändern. Oder mit anderen Worten: Wenn so viel Dicke rumlaufen, dann kann das doch nicht schlecht sein. Und es wird ein richtiger Schuh draus, wenn man plötzlich Normalgewichtige für unterernährt erklärt. Soweit sind wir noch nicht – noch nicht ganz. Aber die Tendenz zeigt, dass wir auch da noch hinkommen werden, wenn wir nicht kollektiv unser Ernährungsverhalten verändern.

Die Zeitung und/oder die Autoren fordern zudem, dass die Kinderärzte mehr und bessere Arbeit leisten müssen bei der Erklärung, wie eine gesunde Wachstumskurve bei Kindern aussieht (und wie nicht). In diesem Zusammenhang wäre es durchaus interessant zu erfahren, ob die betroffenen Eltern mit ihren Einschätzungsproblemen nicht auch selber an Übergewicht oder Adipositas leiden, was die vorliegende Studie nicht mit berücksichtigt hat.

Dr. Duncan sagt abschließend: „Die meisten Menschen verstehen nicht, was es heißt, übergewichtig zu sein. Und für Eltern, so glaube ich, ist es wirklich schwer, diese Wachstumskurven richtig zu verstehen.“

Fazit

Noch ein paar Dicke mehr, und schon ist das Problem mit dem Übergewicht gelöst. Denn wenn die Mehrheit der Menschen Übergewicht hat, dann wird dies zur neuen Norm. Es scheint sich hier um ein unterschwelliges psychologisches Demokratiebewusstsein zu handeln, demzufolge die Mehrheit immer das Sagen hat oder haben sollte. Leider haben natürliche biologische Vorgänge nur wenig mit Demokratie zu tun. Vielmehr sind diese dazu geneigt, sich auf diktatorische Weise an den Freunden der „Übergewichtsdemokratie“ zu „rächen“, indem sie ihnen die Freundschaft = die Gesundheit kündigt.

Fazit vom Fazit: An dieser Stelle muss man sich fragen, welche Mechanismen den Trend zum Übergewicht vorantreiben und wie dieser Trend zu stoppen ist? Es gibt Leute, die glauben, dass unsere Ernährung maßgeblich daran beteiligt ist. Es handelt sich um eine Ernährung mit zu wenig Nähr- und Ballaststoffen und zu vielen toten Kalorien, plus chemischen Zusätzen zur Haltbarmachung und geschmacklichen und optischen Aufwertung dessen, was da als Nahrungsmittel verkauft werden soll. Also schlicht Lebensmittellügen und Bomben auf dem Teller.

Solche industriell gefertigten Nahrungsmittel, von denen sich eine große Zahl von Zeitgenossen regelmäßig ernährt, hat nur auf der bunten Verpackung noch etwas mit natürlichen Nahrungsmitteln zu tun. Kein Wunder also, wenn unter diesen Umständen der Organismus ein undemokratisches Veto einlegen wird.

Und über die Katastrophe mit dem Zucker hatte ich bereits auch ausführlich berichtet und ein kleines Büchlein dazu verfasst:

Datum: Montag, 5. Juni 2017
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Ein Kommentar

  1. 1

    Das wusste ich noch nicht, dass so viele Eltern das Übergewicht ihrer Kinder überhaupt nicht bemerken. Das macht wohl die Liebe zum Kind, obwohl ich zustimme, dass es mehr Vorsorge wäre, wenn man sein Kind richtig ernährt.

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