Bis zu zwölf Kilogramm in nur 30 Tagen abnehmen — und das angeblich ohne strenge Diät, ohne quälenden Hunger und ohne besondere Anstrengung. Mit solchen Versprechen wurde das Schlankheitsmittel Calriphen vor einigen Jahren beworben.
Das klang natürlich verlockend. Zwei Kapseln täglich, und während andere Menschen ihre Ernährung verändern, mehr Bewegung in ihren Alltag bringen und sich mit den Ursachen ihres Übergewichts beschäftigen, sollte hier eine Mischung aus Pflanzenextrakten und Mineralstoffen die Arbeit erledigen.
Calriphen ist heute offenbar weitgehend vom Markt verschwunden. Einzelne Apotheken führen das Präparat noch in ihren Produktdatenbanken, kennzeichnen es jedoch als nicht verfügbar. Die dort genannte Herstellerfirma Quadriga Development Ltd. wurde nach Angaben des britischen Unternehmensregisters bereits am 19. Dezember 2017 aufgelöst.
Damit könnte man die Angelegenheit eigentlich zu den Akten legen. Das wäre allerdings schade, denn Calriphen ist ein ausgezeichnetes Lehrstück. Die Namen der Schlankheitsmittel wechseln, das Verkaufsprinzip bleibt erstaunlich stabil: eine exotische Frucht, ein patentierter Pflanzenkomplex, einige wissenschaftlich klingende Erklärungen und ein Versprechen, das jeden vernünftigen Stoffwechsel vor Neid erblassen lässt.
Wer verstehen möchte, weshalb solche Präparate immer wieder Käufer finden, sollte Calriphen deshalb nicht als erledigtes Einzelprodukt betrachten. Es steht stellvertretend für einen ganzen Markt. Einen Überblick über weitere Präparate finden Sie in meinem Beitrag über Schlankheitsmittel, Fatburner und Abnehmpillen.
Was war Calriphen?
Calriphen wurde als Kapselpräparat zur Gewichtsreduktion angeboten. Eine Packung enthielt 60 Kapseln und reichte bei der empfohlenen Einnahme von zwei Kapseln täglich für etwa einen Monat.
Die Zutatenliste wirkte auf den ersten Blick eindrucksvoll:
- Sinetrol als patentierter Zitrusfruchtkomplex,
- Açaí-Beerensaftpulver,
- grüner Kaffee beziehungsweise Green-Coffee-Extrakt,
- weißer Tee,
- Bromelain aus der Ananas,
- Meerrettichpulver,
- Guarana sowie
- Magnesium, Zink und Selen.
Das liest sich wie eine Mischung aus Obstkorb, Teeladen und Vitalstoffpräparat. Genau das ist Teil der Wirkung – zunächst allerdings nur der psychologischen.
Pflanzliche Namen vermitteln Natürlichkeit. Ein patentierter Komplex klingt nach Forschung. Mineralstoffe verleihen dem Ganzen einen medizinischen Anstrich. Der Käufer bekommt das Gefühl, nicht irgendeine Abnehmpille zu erwerben, sondern ein fein abgestimmtes Stoffwechselkonzept.
Die entscheidende Frage lautet jedoch nicht, ob einzelne Bestandteile interessant klingen. Entscheidend sind vier andere Punkte:
- Ist die Wirkung des fertigen Präparates untersucht worden?
- Sind die einzelnen Stoffe in einer wirksamen Menge enthalten?
- Sind Ergebnisse einzelner Rohstoffstudien überhaupt auf die Mischung übertragbar?
- Steht der zu erwartende Effekt in einem vernünftigen Verhältnis zu Preis und Werbeversprechen?
Bei Calriphen beginnen die Probleme bereits mit der ersten Frage. Eine veröffentlichte, randomisierte und kontrollierte Untersuchung des vollständigen Präparates konnte ich nicht finden.
Das bedeutet: Selbst wenn ein einzelner Bestandteil unter bestimmten Bedingungen eine gewisse Wirkung zeigen sollte, ist damit Calriphen noch lange nicht geprüft.
Das Grundproblem der Zutatenstudien
Bei Nahrungsergänzungsmitteln wird häufig mit Untersuchungen zu einzelnen Bestandteilen geworben. Das funktioniert ungefähr so:
Eine Studie untersucht 900 Milligramm eines bestimmten Pflanzenextraktes. Das Ergebnis fällt mäßig positiv aus. Anschließend kommt ein Mischpräparat auf den Markt, in dem derselbe Extrakt neben zahlreichen weiteren Zutaten enthalten ist. Wie viel davon tatsächlich in der Tagesdosis steckt, bleibt für den Käufer schwer nachvollziehbar oder wird nur im Kleingedruckten angegeben.
Trotzdem wird die ursprüngliche Studie als wissenschaftliche Begründung für das Gesamtprodukt verwendet.
Das ist ein gewaltiger Sprung. Die Untersuchung eines Rohstoffes beweist weder die Wirkung einer niedrigeren Dosierung noch die Wirksamkeit einer beliebigen Mischung. Auch Wechselwirkungen zwischen den Bestandteilen, Unterschiede bei der Extraktqualität und die tatsächliche Bioverfügbarkeit bleiben offen.
Ein Etikett ersetzt keine klinische Prüfung. Viele exotische Zutaten auf engem Raum ergeben noch keine funktionierende Therapie.
Sinetrol: Der wichtigste Wirkstoff von Calriphen
Sinetrol ist ein geschützter Pflanzenkomplex aus Extrakten verschiedener Zitrusfrüchte und Guarana. Enthalten sind unter anderem Polyphenole und Flavanone wie Naringin beziehungsweise Naringenin sowie eine kleinere Menge Koffein aus Guarana.
Der Rohstoff wurde tatsächlich in mehreren Humanstudien untersucht. Das sollte man nicht unterschlagen.
In verschiedenen Untersuchungen erhielten übergewichtige Teilnehmer meist 900 Milligramm Sinetrol Xpur täglich über zwölf bis 16 Wochen. Berichtet wurden unter anderem Veränderungen beim Körperfett, beim Bauchumfang und teilweise auch beim Körpergewicht.
Die Ergebnisse sind interessant genug, um den Stoff weiter zu untersuchen. Für ein Abnehmwunder reichen sie nicht.
Dafür gibt es mehrere Gründe:
- Die Studien waren überwiegend klein.
- Mehrere Autoren arbeiteten für den Rohstoffhersteller oder standen mit ihm in Verbindung.
- Untersucht wurde der standardisierte Rohstoff Sinetrol Xpur – nicht Calriphen.
- Die beobachteten Veränderungen traten über mehrere Monate auf.
- Die Resultate lagen weit entfernt von zweistelligen Gewichtsverlusten innerhalb weniger Wochen.
Das muss kein Beweis für schlechte Forschung sein. Hersteller dürfen ihre Produkte selbstverständlich untersuchen lassen. Finanzielle und berufliche Verbindungen gehören allerdings auf den Tisch, weil sie bei der Bewertung der Ergebnisse eine Rolle spielen können.
Vor allem darf aus einem moderaten Studienergebnis keine sensationelle Werbeaussage gezimmert werden.
Selbst eine gewisse Wirkung von 900 Milligramm Sinetrol täglich würde noch nicht beantworten, wie viel des Komplexes in der empfohlenen Calriphen-Tagesdosis tatsächlich enthalten war. Eine vollständige und heute zuverlässig überprüfbare Deklaration der damaligen Rezeptur ist kaum noch zu finden.
Die faire Bewertung lautet daher: Sinetrol ist kein frei erfundener Fantasiewirkstoff. Es gibt Hinweise auf kleinere Effekte auf Körperzusammensetzung und Bauchumfang. Einen Nachweis, dass Calriphen zu einer klinisch relevanten Gewichtsabnahme führt, liefern diese Untersuchungen nicht.
Grüner Kaffee: Der spektakuläre Beleg, der zurückgezogen wurde
Grüner Kaffee wurde zeitweise als eine Art Geheimwaffe gegen Übergewicht gehandelt. Gemeint sind ungeröstete Kaffeebohnen beziehungsweise daraus gewonnene Extrakte, die unter anderem Chlorogensäuren enthalten.
Der bekannteste angebliche Wirksamkeitsbeleg war eine Untersuchung mit gerade einmal 16 Teilnehmern. Diese Studie wurde in Fernsehsendungen und Werbetexten als Beleg für einen erheblichen Gewichtsverlust verbreitet.
Das Problem geht weit über die geringe Teilnehmerzahl hinaus: Die Arbeit wurde 2014 offiziell zurückgezogen.
Die amerikanische Federal Trade Commission hatte schwere Mängel bei Durchführung und Datenauswertung beanstandet. Die Studie kann deshalb nicht mehr als seriöser Wirksamkeitsnachweis verwendet werden. Sie ist wissenschaftlich erledigt.
Bemerkenswert ist weniger, dass eine schlechte Studie zurückgezogen wurde. Wissenschaftliche Selbstkorrektur ist grundsätzlich etwas Gutes. Bemerkenswert ist, wie lange die spektakuläre Werbebotschaft weiterlebt, nachdem der dazugehörige Beleg längst zusammengebrochen ist.
Die Schlagzeile verbreitet sich in wenigen Tagen. Der Widerruf erreicht Jahre später nur noch einen Bruchteil der Käufer.
Das bedeutet nicht, dass Chlorogensäuren vollkommen wirkungslos sein müssen. Es gibt weitere Untersuchungen zu grünem Kaffee und zum Stoffwechsel. Die Ergebnisse sind jedoch uneinheitlich, die Präparate unterscheiden sich erheblich und die beobachteten Effekte sind weit bescheidener als die damalige Werbung.
Aus dem grünen Kaffee in einer Mischkapsel lässt sich jedenfalls kein zuverlässiger Gewichtsverlust ableiten.
Açaí: Eine interessante Frucht wird zum Schlankheitsmittel erklärt
Açaí stammt aus dem Amazonasgebiet und enthält unter anderem Anthocyane, weitere Polyphenole, Fettsäuren und Ballaststoffe. Als Lebensmittel kann die Frucht durchaus interessant sein.
Dann kam das Marketing.
Aus einer traditionellen Frucht wurde ein „Superfood“, aus dem Superfood ein angeblicher Fettverbrenner und aus dem Fettverbrenner schließlich eine Kapselzutat.
Für eine verlässliche gewichtsreduzierende Wirkung von Açaí beim Menschen gibt es bis heute keine überzeugende Grundlage. Auch das amerikanische National Center for Complementary and Integrative Health weist darauf hin, dass nur sehr wenig Forschung am Menschen vorliegt und verlässliche Belege für eine Gewichtsabnahme fehlen.
Eine angeblich allgemein empfohlene Abnehmdosis von mehreren Gramm Açaí-Extrakt lässt sich wissenschaftlich ebenfalls nicht sauber begründen. Schon der Begriff „Extrakt“ ist zu ungenau. Ein Fruchtpulver, ein Saftpulver und ein konzentrierter Polyphenolextrakt sind nicht dasselbe.
Açaí darf gern auf dem Speiseplan stehen. Als Beweis für die Wirkung einer Schlankheitskapsel taugt die Frucht nicht.
Bromelain: Ein interessantes Enzym am falschen Einsatzort
Bromelain ist keine einzelne Substanz, sondern eine Mischung eiweißspaltender Enzyme aus der Ananas. In der Naturheilkunde und ergänzenden Medizin wird Bromelain unter anderem wegen möglicher entzündungsmodulierender und abschwellender Eigenschaften eingesetzt.
Damit ist es allerdings noch kein Schlankheitsmittel.
Eine verlässliche klinische Wirkung auf das Körpergewicht ist nicht belegt. Auch einfache Milligrammvergleiche führen bei Enzympräparaten schnell in die Irre. Neben der Menge kommt es auf die tatsächliche Enzymaktivität an, die beispielsweise in FIP- oder GDU-Einheiten angegeben werden kann.
Zwei Präparate mit derselben Bromelainmenge können deshalb eine deutlich unterschiedliche Aktivität besitzen.
Besonders gewagt ist die Vorstellung, Bromelain könne den Körper gewissermaßen von innen „entfetten“ oder irgendwelche Schlacken auflösen. Eiweißspaltende Enzyme sind biologisch interessante Substanzen. Sie sind keine Rohrreiniger für das Fettgewebe.
Weißer Tee, Meerrettich und Mineralstoffe
Weißer Tee liefert Polyphenole und enthält je nach Sorte und Zubereitung ebenfalls Koffein. Meerrettich enthält Senfölglykoside und ist als Lebensmittel sowie traditionelle Heilpflanze durchaus bemerkenswert.
Auch Magnesium, Zink und Selen erfüllen wichtige Aufgaben im Stoffwechsel.
Aus diesen Tatsachen lässt sich trotzdem keine Gewichtsabnahme konstruieren.
Ein Nährstoffmangel kann Stoffwechselvorgänge beeinträchtigen. Wird ein echter Mangel behoben, verbessert sich möglicherweise die allgemeine Regulation. Daraus folgt jedoch nicht, dass zusätzliche Mengen bei gut versorgten Menschen das Körperfett zum Schmelzen bringen.
Besonders Selen besitzt einen vergleichsweise schmalen Bereich zwischen sinnvoller Zufuhr und Überversorgung. Es gehört deshalb zu den Stoffen, die gezielt und nicht nach dem Motto „vorsichtshalber etwas mehr“ eingenommen werden sollten.
Bei Mischpräparaten wird gern jeder Zutat eine kleine theoretische Aufgabe zugewiesen:
- Der eine Stoff soll den Stoffwechsel aktivieren.
- Der nächste soll die Fettverbrennung steigern.
- Ein dritter soll den Appetit dämpfen.
- Ein Enzym soll die Verwertung verbessern.
- Mineralstoffe sollen schließlich dafür sorgen, dass alles reibungslos abläuft.
Auf dem Papier entsteht so ein perfektes Orchester. In der Realität weiß häufig niemand, ob die Musiker in ausreichender Zahl anwesend sind, ob sie dasselbe Stück spielen und ob überhaupt ein Dirigent erschienen ist.
Die Inhaltsstoffe im Überblick
| Bestandteil | Möglicher Hintergrund | Bewertung für Calriphen |
|---|---|---|
| Sinetrol | Kleine Humanstudien mit meist 900 mg täglich berichten moderate Veränderungen von Körperfett und Umfang. | Keine Studie zum fertigen Calriphen; genaue übertragbare Dosierung unklar; kein Beleg für extreme Gewichtsverluste. |
| Grüner Kaffee | Chlorogensäuren werden hinsichtlich des Zucker- und Fettstoffwechsels untersucht. | Die bekannteste spektakuläre Studie wurde zurückgezogen; Daten insgesamt uneinheitlich. |
| Açaí | Enthält Polyphenole und weitere Nährstoffe. | Keine überzeugenden Belege für eine gewichtsreduzierende Wirkung. |
| Bromelain | Proteolytisches Enzym mit möglichen entzündungsmodulierenden Eigenschaften. | Keine etablierte Abnehmwirkung; Enzymaktivität wichtiger als eine reine Milligrammangabe. |
| Weißer Tee | Liefert Polyphenole und Koffein. | Keine belastbare Aussage zur Wirkung der in Calriphen enthaltenen Menge. |
| Magnesium, Zink und Selen | Essenzielle Mineralstoffe beziehungsweise Spurenelemente. | Beheben bei Mangel ein Versorgungsproblem, sind aber keine eigenständigen Fettverbrenner. |
Ist Calriphen wenigstens harmlos?
Eine Zutatenliste aus Früchten, Tee, Ananas und Mineralstoffen wirkt zunächst ungefährlich. Doch „natürlich“ ist keine toxikologische Kategorie.
Bei einem Mehrstoffpräparat müssen unter anderem folgende Punkte bedacht werden:
- Guarana und grüner Kaffee können Koffein liefern.
- Koffein kann bei empfindlichen Menschen Unruhe, Schlafstörungen, Herzrasen oder Herzrhythmusstörungen fördern.
- Zitrus- und Grapefruitbestandteile können je nach Extrakt mit bestimmten Medikamenten wechselwirken.
- Bei Bromelain werden mögliche Wechselwirkungen mit Gerinnungshemmern und bestimmten Antibiotika diskutiert.
- Pflanzenextrakte können allergische Reaktionen oder Magen-Darm-Beschwerden auslösen.
- Auch Mineralstoffe können bei unnötig hoher oder langfristiger Einnahme problematisch werden.
Das heißt nicht, dass jeder Anwender mit Beschwerden rechnen muss. Es heißt lediglich, dass die pauschale Behauptung einer vollständigen Unbedenklichkeit nicht seriös wäre.
Besondere Vorsicht ist bei Herzrhythmusstörungen, unkontrolliertem Bluthochdruck, ausgeprägter Koffeinempfindlichkeit, Schwangerschaft, Stillzeit, Leber- oder Nierenerkrankungen sowie bei regelmäßiger Medikamenteneinnahme angebracht.
Zwölf Kilogramm in 30 Tagen?
Hier wird es endgültig absurd.
Zwölf Kilogramm Körpergewicht entsprechen nicht automatisch zwölf Kilogramm Fett. Bei einer sehr schnellen Gewichtsabnahme gehen zunächst auch Wasser, Glykogen, Darminhalt und unter ungünstigen Umständen Muskelmasse verloren.
Um zwölf Kilogramm reines Körperfett in 30 Tagen abzubauen, wäre ein tägliches Energiedefizit erforderlich, das für die meisten Menschen weder realistisch noch gesund wäre.
Schon die Größenordnung des Versprechens zeigt, dass hier nicht wissenschaftliche Zurückhaltung das Marketing leitete.
Natürlich kann das Gewicht bei stark übergewichtigen Menschen zu Beginn einer konsequenten Ernährungsumstellung oder einer fachkundig begleiteten Fastenkur deutlich sinken. Das ist jedoch etwas völlig anderes als die Behauptung, zwei Kapseln würden eine solche Veränderung praktisch nebenbei erzeugen.
Mehr zur Frage, welche Rolle das Fasten bei einer Gewichtsreduktion tatsächlich spielen kann, lesen Sie in meinem Beitrag Fasten zum Abnehmen – warum das zu kurz gedacht ist.
Das Geschäftsmodell der Schlankheitskapseln
Calriphen folgte einem bekannten Muster.
1. Ein neues Problemgefühl wird erzeugt
Rechtzeitig vor Frühling, Urlaub oder Feiertagen wird der Blick auf Bauch, Hüften und Waage gelenkt. Der Kunde soll unzufrieden werden – möglichst schnell und möglichst stark.
2. Eine einfache Lösung wird angeboten
Die Ursachen des Übergewichts verschwinden aus der Betrachtung. Statt Insulinresistenz, Schlafmangel, Stress, Medikamenten, Muskelverlust, Essverhalten und hormonellen Veränderungen gibt es nun ein einziges Problem: Der entscheidende Pflanzenstoff fehlt.
Mehr zu den sehr unterschiedlichen Hintergründen finden Sie unter Ursachen für Übergewicht: Gene, Psyche, Schilddrüse, Stress und Medikamente.
3. Wissenschaft wird angedeutet
Begriffe wie „klinisch geprüft“, „patentiert“, „wissenschaftlich entwickelt“ oder „in Studien nachgewiesen“ wirken beeindruckend. Erst beim genaueren Hinsehen zeigt sich, dass eine andere Dosierung, ein einzelner Rohstoff oder eine winzige Untersuchung gemeint war.
4. Der schnelle Erfolg wird in Aussicht gestellt
Das Versprechen muss groß genug sein, um vernünftige Zweifel zu übertönen. Zwei Kilogramm in drei Monaten verkaufen sich schlecht. Zwölf Kilogramm in 30 Tagen klingen erheblich besser.
5. Das Produkt verschwindet
Nach einigen Jahren ist der Markt abgegrast. Das Präparat wird nicht mehr angeboten, die Herstellerfirma wechselt, die Webseite verschwindet oder der nächste Wirkstoff übernimmt die Hauptrolle.
Die ungelösten Gewichtsprobleme der Käufer bleiben bestehen. Genau dadurch entsteht der Markt für das nächste Wundermittel.
Übergewicht ist mehr als eine Kalorienfrage
Natürlich nimmt Körperfett zu, wenn langfristig mehr Energie gespeichert als verbraucht wird. Diese Feststellung ist richtig, aber ungefähr so hilfreich wie der Hinweis, dass ein volles Waschbecken durch mehr zufließendes als abfließendes Wasser entsteht.
Interessant ist, weshalb der Zufluss ständig geöffnet bleibt und der Abfluss nicht richtig funktioniert.
Bei Übergewicht können unter anderem beteiligt sein:
- eine beginnende oder ausgeprägte Insulinresistenz,
- häufige Mahlzeiten und dauerhaft erhöhte Insulinspiegel,
- eine ungünstige Zusammensetzung der Ernährung,
- hochverarbeitete Lebensmittel und flüssige Kalorien,
- zu wenig Muskelmasse,
- Schlafmangel oder Schlafapnoe,
- chronischer Stress und emotionales Essen,
- bestimmte Medikamente,
- Schilddrüsen- und andere Hormonstörungen,
- Wechseljahre und altersbedingte Veränderungen sowie
- eine Fettleber und ein gestörter Fettstoffwechsel.
Besonders das Fett im Bauchraum ist biologisch aktiv. Es setzt Botenstoffe frei und beeinflusst Zuckerstoffwechsel, Entzündungsprozesse, Leber und Gefäße. Ausführlicher beschreibe ich dies unter Bauchfett wirkt wie ein Organ.
Auch Adiponektin zeigt, wie eng Fettgewebe und Stoffwechsel miteinander verbunden sind. Der Botenstoff wird von Fettzellen gebildet, sinkt bei ungünstiger Fettverteilung jedoch häufig ab. Mehr dazu lesen Sie in meinem Beitrag Adiponektin als Frühwarnsystem.
Wer diese Zusammenhänge ignoriert und stattdessen immer neue Kapseln ausprobiert, behandelt hauptsächlich die Ungeduld.
Was beim Abnehmen tatsächlich hilft
Es gibt keine Methode, die für jeden Menschen gleich gut funktioniert. Einige Grundsätze haben sich in meiner Praxis allerdings immer wieder bewährt.
Die Ursachen prüfen
Vor der nächsten Diät sollte geklärt werden, weshalb das Gewicht gestiegen ist. Dazu können je nach Situation Nüchternblutzucker, HbA1c, Nüchterninsulin, HOMA-IR, Triglyceride, Leberwerte, Schilddrüsenwerte, Blutdruck, Harnsäure und die Medikamentenliste gehören.
Auch Bauchumfang, Muskelmasse, Schlaf und Essenszeiten sind häufig aufschlussreicher als die isolierte Zahl auf der Waage.
Echte Lebensmittel statt Dauer-Snacks
Süßgetränke, Säfte, Weißmehl, Süßwaren, Alkohol, Fertiggerichte und ständiges Naschen torpedieren jede Stoffwechseltherapie.
Die Ernährung sollte überwiegend aus Gemüse, ausreichend Eiweiß, naturbelassenen Fetten, Kräutern, Hülsenfrüchten – sofern sie vertragen werden –, Nüssen, Samen, Eiern, Fisch und möglichst wenig verarbeiteten Lebensmitteln bestehen.
Das klingt weniger spektakulär als ein patentierter Fettkiller. Dafür lässt sich daraus eine dauerhafte Ernährungsweise aufbauen.
Muskeln erhalten und aufbauen
Muskelgewebe ist eines der wichtigsten Organe für den Glukosestoffwechsel. Wer bei einer Diät vor allem Muskeln verliert, wiegt anschließend zwar weniger, hat sich metabolisch aber nicht unbedingt verbessert.
Krafttraining, ausreichend Eiweiß und regelmäßige Bewegung gehören deshalb zu einer vernünftigen Gewichtsreduktion.
Essenspausen nutzen
Viele Menschen essen weniger zu große Mengen als zu häufig. Zwischen Frühstück, Zwischenmahlzeit, Mittagessen, Kaffee, Abendessen und Fernsehsnack bleibt dem Stoffwechsel kaum eine längere Pause.
Intervallfasten kann helfen, diese Dauerversorgung zu durchbrechen. Es ist allerdings kein religiöses Bekenntnis und auch keine Garantie für Gewichtsverlust. Wer innerhalb eines kurzen Essensfensters dieselbe Menge hochverarbeiteter Lebensmittel isst, hat lediglich schneller gegessen.
Zu den unterschiedlichen Varianten lesen Sie bitte meine Beiträge über das Intervallfasten und das intermittierende Fasten.
Den Schlaf ernst nehmen
Schlafmangel verändert Appetit, Hungerhormone, Insulinempfindlichkeit und Entscheidungsfähigkeit. Wer ständig übermüdet ist, greift häufiger zu schnell verfügbarer Energie und bewegt sich meist weniger.
Bei starkem Schnarchen, Tagesmüdigkeit und morgendlichen Kopfschmerzen sollte außerdem eine Schlafapnoe ausgeschlossen werden. Weitere Hintergründe finden Sie unter Übergewicht durch Schlafmangel.
Fasten richtig einsetzen
Heilfasten kann einen festgefahrenen Stoffwechsel deutlich verändern, Insulinspiegel senken und eingefahrene Ernährungsgewohnheiten unterbrechen. Es ist jedoch kein verkleideter Wettbewerb um möglichst viele verlorene Kilogramm.
Bei Diabetes, Insulintherapie, Essstörungen, Untergewicht, Schwangerschaft, schweren Erkrankungen oder der Einnahme bestimmter Medikamente gehört das Fasten fachkundig begleitet. Zum Thema Zuckerstoffwechsel finden Sie weitere Informationen unter Heilfasten bei Diabetes.
Warum das Gewicht nach Abnehmkuren häufig zurückkommt
Das Grundproblem vieler Diäten und Schlankheitsmittel zeigt sich nach dem Ende der Maßnahme.
Was geschieht, wenn die Kapseln abgesetzt werden?
Wenn Ernährung, Schlaf, Bewegung, Muskelmasse und Stoffwechsellage unverändert geblieben sind, kehrt der Körper zu denselben Mustern zurück, die zuvor zur Gewichtszunahme geführt haben.
Das ist kein persönliches Versagen. Es ist das vorhersehbare Ergebnis einer ungeeigneten Strategie.
Ein dauerhaftes Ergebnis verlangt kein perfektes Leben, aber eine Methode, die auch nach drei, sechs oder zwölf Monaten noch durchführbar ist. Weshalb klassische Diäten daran so oft scheitern, beschreibe ich ausführlich unter Warum Diäten nicht funktionieren.
Calriphen war nicht das gefährlichste Abnehmmittel
Bei aller Kritik sollte man die Verhältnisse wahren. Calriphen war nicht mit jenen illegalen oder verunreinigten Präparaten gleichzusetzen, in denen pharmakologisch wirksame Appetitzügler ohne ausreichende Kennzeichnung gefunden wurden.
Bei manchen im Internet angebotenen Abnehmkapseln ist das Risiko erheblich größer. Ein bekanntes Beispiel sind Präparate mit dem früher verwendeten Appetitzügler Sibutramin. Dazu lesen Sie bitte meinen Beitrag Vorsicht bei LiDa- und Sibutramin-Kapseln.
Andere Produkte sollen Fette oder Kohlenhydrate im Darm binden. Auch dort lohnt ein genauer Blick auf Wirkprinzip, Dosierung und Nebenwirkungen:
Calriphen war vermutlich eher teuer und überschätzt als akut hochgefährlich. Das macht die Werbeversprechen allerdings nicht glaubwürdiger.
Mein Fazit zu Calriphen
Calriphen kombinierte mehrere Pflanzenextrakte, Enzyme und Mineralstoffe, von denen einige biologisch durchaus interessant sind. Der wichtigste Rohstoff Sinetrol wurde in kleinen Humanstudien untersucht und könnte bescheidene Auswirkungen auf Körperfett oder Bauchumfang haben.
Für Calriphen selbst fehlt jedoch ein belastbarer Wirksamkeitsnachweis. Die bekannte Studie zum grünen Kaffee wurde zurückgezogen. Für Açaí existiert kein überzeugender Nachweis als Schlankheitsmittel. Bromelain ist ein interessantes Enzym, aber kein Fettvernichter. Weißer Tee, Meerrettich und Mineralstoffe machen aus der Mischung ebenfalls keine Therapie gegen Übergewicht.
Vor allem stand das damalige Versprechen eines Gewichtsverlustes von bis zu zwölf Kilogramm in 30 Tagen in keinem vernünftigen Verhältnis zur wissenschaftlichen Grundlage. Calriphen ist inzwischen weitgehend verschwunden. Das Prinzip lebt weiter.
Beim nächsten Präparat heißt die Beere anders, der patentierte Komplex bekommt einen neuen Markennamen und die Verpackung sieht etwas moderner aus. Anschließend wird erneut erklärt, weshalb ausgerechnet diese Mischung den Stoffwechsel endlich überlisten könne.
Der menschliche Körper lässt sich jedoch nicht dauerhaft mit Werbetexten beeindrucken. Wer gesund abnehmen möchte, muss keine exotische Kapsel suchen. Er sollte herausfinden, weshalb der eigene Stoffwechsel Fett speichert, welche Gewohnheiten ihn dabei unterstützen und welche Veränderungen im Alltag tatsächlich durchzuhalten sind.
Quellen und weiterführende Studien
- Companies House: Quadriga Development Ltd. – Unternehmensstatus
- Produktdatenbank: Calriphen, PZN 11231205
- Vinson et al.: Studie zu grünem Kaffee – später zurückgezogen
- Federal Trade Commission: Hintergründe zur Werbung mit grünem Kaffee
- Cases et al.: 12-wöchige Pilotstudie zu Sinetrol Xpur
- Muralidharan et al.: 16-wöchige randomisierte Studie zu Sinetrol Xpur
- Muralidharan et al.: Sinetrol, Stoffwechsel und Darmmikrobiom
- NCCIH: Açaí – Nutzen, Studienlage und Sicherheit
- NCCIH: Bromelain – Nutzen und Sicherheit
- Memorial Sloan Kettering Cancer Center: Bromelain und mögliche Wechselwirkungen
- Bundesinstitut für Risikobewertung: Koffein und mögliche unerwünschte Wirkungen
Dieser Beitrag wurde im August 2026 vollständig neu verfasst und auf den aktuellen Erkenntnisstand gebracht.





